Susanne Viktoria Haupt
20. November 2019

Keine leichte Sache

Mosaik Gesundheit lädt am kommenden Samstag zu einem wichtigen Kurzfilm- und Diskussionsabend ins Kino am Raschplatz

Zum Thema „Coming-out und lesbische Identität“ steht am Samstag ein fantastisches Line-Up zur Verfügung

2017 wurde der Roman „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli von der Jugend-Jury des Deutschen Jugendliteratur-Preises ausgezeichnet. Die Coming-out-Story dürfte dank der Verfilmung mittlerweile bekannt sein. Was mich damals bei der Geschichte rund um den jungen Simon so geschockt hatte, war, dass er tatsächlich von einem beleidigten Mitschüler geoutet wurde. Und zwar nicht „nur“ vor einer überschaubaren Gruppe von Menschen, sondern im Internet vor der ganzen Welt. Protagonist Simon reagierte berechtigterweise wütend. Es ist seine Geschichte, es ist seine Sache. Niemand hatte das Recht gehabt, ihm diesen Moment zu nehmen. Dabei ist es egal, ob ihm der betreffende Mitschüler später versucht, zu erklären, dass es ihm leid tut und dass es doch keine große Sache sei.

Denn ein Coming-out ist eine große Sache und kaum jemand von uns ist daran unbeteiligt. Ein Coming-out ist insofern eine große Sache, weil sich eine nicht heterosexuelle Orientierung immer noch von der gesellschaftlich festgelegten Norm unterscheidet. Es fängt schon damit an, dass ein Coming-Out notwendig ist, da die breite Masse offenbar immer noch ein reges Interesse an der Sexualität ihrer Mitmenschen hat. Dieses Interesse mündet allerdings immer noch zu häufig in Verurteilungen oder aber offen ausgelebter Homophobie. Und damit wären wir beim zweiten Punkt, warum ein Coming-out immer noch eine große Sache ist. Es wäre eine Sache, wenn jemand glaubt, dass heterosexuelle Orientierung die absolute Norm wäre, aber Abweichungen tolerieren und respektvoll handhaben würde. Eine andere Sache ist es, wenn diese „Norm-Abweichungen“ mit Vorurteilen behaftet sind und sogar mit Hass und Gewalt darauf reagiert wird. Ihr müsst übrigens keine Straight Parade veranstalten, um euch ins Abseits zu schießen. Es reicht meiner Meinung nach schon, wenn Ihr glaubt, dass alle, die nicht heterosexuell sind, triebgesteuerte Monster sind. Nein, nicht jede lesbische Frau will mit ihrer besten Freundin ins Bett gehen. Genauso wenig möchte jeder Mann mit seiner besten Freundin ins Bett gehen. Und nicht jeder schwule Mann geiert in Umkleidekabinen auf den Bobbes seiner Kollegen. Um mal ein paar wenige Vorurteile herauszupicken. Bei solchen Aussagen frage ich mich echt, ob sich diese Menschen tatsächlich für so unwiderstehlich halten.

Wenn das Wie entscheidend ist

Also ja, ein Coming-out ist immer noch eine große Sache. Und wie sich das Coming-out gestaltet, hat durchaus Auswirkungen auf das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein eines Menschen. Schlägt Dir blanker Hass entgegen, wird ein Teil von Dir stets davon überzeugt sein, dass etwas mit Dir nicht stimmt (das ist übrigens nicht wahr). Vom traumatischen Effekt ganz zu schweigen. Als wäre der Weg zum Coming-out also nicht schon steinig genug, muss man sich dann auch noch um die Reaktionsbandbreite seiner geliebten Mitmenschen kümmern. Und streng genommen kommt man so richtig aus der Offenbarungsnummer auch nicht heraus, denn es wird immer wieder Menschen geben, die erst einmal davon ausgehen, dass Du heterosexuell bist und die Du im Zweifel wieder darüber „aufklären“ musst. Das trifft leider nicht immer auf Akzeptanz, und lesbische Frauen müssen sich immer noch viel zu häufig anhören, dass sie bisher „einfach noch keinen richtigen Mann im Bett“ hatten. Ich glaube, dass – je nachdem, wie das ursprüngliche Coming-out ablief – sich auch die Einstellung in späteren Situationen entsprechend gestaltet. Man muss sich eben erst einmal zu einer starken und stolzen queeren Person entwickeln können, um irgendwelchen homophoben Menschen den Mittelfinger zeigen zu können. Wer von seinen engsten Mitmenschen nicht gespiegelt bekommt, dass man bedingungslos angenommen wird, braucht dafür sicherlich etwas länger.

Für mehr lesbische Sichtbarkeit

Ein Coming-out ist also eine deutlich komplexe Angelegenheit. Und auch, wenn ich „Love, Simon“ sowohl als Buch, wie auch als Film sehr anrührend finde, beweist die Geschichte einmal mehr, dass wir in der medialen Darstellung ein Defizit an lesbischer Sichtbarkeit haben. Es gibt deutlich weniger Filme, Serien und Bücher mit lesbischen Protagonistinnen und deutlich weniger Stories über das Coming-out lesbischer Mädchen und Frauen. Die Frage nach dem Warum kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Glücklicherweise gibt es aber Institutionen und Projekte, die sich voll und ganz um lesbische, bisexuelle und queere Frauen kümmern. So eben auch Mosaik Gesundheit – ein Projekt für lesbische, bisexuelle und queere Frauen* in Niedersachsen. Am kommenden Samstag wird in diesem Rahmen zur Veranstaltung „Coming-out und lesbische Identität“ geladen. Zu Beginn der Veranstaltung im Kino am Raschplatz stehen eine Reihe ausgewählter Kurzfilme, die das Coming-out zum Gegenstand haben und auch zeitlich bedingte Unterschiede in der Darstellungsweise herausstellen.

Nach einer kurzen Pause soll im Anschluss mit lesbischen Frauen unterschiedlichen Alters über die Kurzfilme und vor allem über das Coming-out im Wandel der Zeit diskutiert werden. Was hat sich vielleicht geändert und welche Hürden gilt es noch zu beseitigen? Geladen sind Lina Kaiser (*1990), Lale Jakob (*1986), Karen-Susan Fessel (*1964) und Dr. Astrid Osterland (*1945). Kaiser hat sich bereits zu Studienzeiten intensiv mit der Coming-out-Thematik auseinandergesetzt und führt sowohl den Podcast als auch die Website „frauverliebt“. Lale Jakob ist bereits seit ihrer Jugend in der LSBTTIQ-Community engagiert und Karen-Susan Fessel ist als Schriftstellerin aktiv und schreibt einfühlsame Romane, unter anderem mit LSBTTIQ-Thematik. Dr. Osterland wiederum ist ein echtes Multi-Talent. Sie ist Supervisorin, Mitarbeiterin der SAPPhO-Frauenwohnstiftung, Autorin und Bewohnerin eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts in Berlin. Diese Veranstaltung wird nicht nur sehr informationsreich sein, sondern auch eine sehr gute Gelegenheit darstellen, um sich vielleicht etwas mehr mit der Arbeit von Mosaik Gesundheit auseinanderzusetzen.

weitere Informationen:
mosaikgesundheit.de

Samstag, 24. November 2019:
Coming-out und lesbische Identität, Veranstaltung von Mosaik Gesundheit, Kurzfilme mit anschließender Diskussion, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Veranstaltungszeitraum: 11-14 Uhr, Eintritt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Mosaik Gesundheit)

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Kategorien: Politik

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