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„Poppig wie Instagram und gruselig wie ein dunkler Wald“

Im Ballhof läuft derzeit Finegan Kruckemeyers Stück „Die Wut, die uns vereint“ Es ist ein Stück für Hörende und Nichthörende. Ein Interview

Schauspieler Eyk Kauly und Regisseurin Wera Mahne im Interview

langeleine.de: Frau Mahne, Herr Kauly, wann waren Sie das letzte Mal wütend?

Wera Mahne: Das weiß ich gerade gar nicht so genau. Vielleicht bin ich gar nicht so oft wütend, dass ich das merke. Bei mir ist das oft so, dass ich denke, dass wütend sein nicht ok ist und dann unterdrücke ich das sofort. Aber eigentlich wäre es ja mal ganz gut, ich würde das einmal rauslassen. Wenn ich wütend bin, dann sollen das ja andere Leute auch merken, weil das ja mit einem Missstand zu tun hat.

Eyk Kauly: Also wirklich wütend bin ich total selten. Ich bin eigentlich ein sehr ruhiger Mensch. Zornig, ja, das passiert schon hin und wieder mal.

ll: Wie verständigen Sie sich auf der Bühne?

Kauly: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Personen, die sehr langsam sprechen, die kann ich sehr gut verstehen. Wenn sehr viel Gestik dabei ist, dann verstehe ich das auch sehr gut. Aber wenn jemand sehr leise spricht oder einen Bart hat oder der Mund nicht sehr genau erkennbar ist, ist es schwer. Hier in dem Stück ist das total fantastisch. Wir haben zwei Schauspielerinnen dabei, die hörend sind. Die haben eine super Gestik, die sprechen total super, und wenn man sich nicht verstanden hat, dann versucht man irgendwie anders zu kommunizieren. Sie wissen auch, wie man mit Gehörlosen kommuniziert, das heißt, andere Personen sind da oftmals sehr hilflos, aber die beiden haben ein Verständnis, das ist total toll. Die Regisseurin kann Gebärden und es sind immer zwei Dolmetscherinnen bei den Proben dabei.

Eyk Kauly erzählt in Gebärdensprache

ll: Worum geht es in dem Stück?

Mahne: „Die Wut, die uns vereint“ ist ja vor allem die Geschichte von Kay, der Hauptfigur. Diese Figur ist unglaublich wütend und weiß nicht so genau warum. Kay ist ungefähr 16 und ihre Eltern gehen ihr auf die Nerven, in der Schule hat sie total viel Probleme und ihre Freunde sind auch nicht so cool im Moment. Und sie denkt: Was ist denn los? Warum ist das denn so? Und über diese Gesamtsituation ist sie schrecklich wütend.

ll: Was hat Sie an dem Stück von Finegan Kruckemeyer gereizt?

Mahne: Ich habe das Stück gelesen, vor anderthalb Jahren. Da konnte ich total mitfühlen mit der Hauptfigur. Dass sie wütend ist und vielleicht selber gar nicht so genau weiß, wieso. Und dass sie dann auch zu Menschen, die sie liebt, und die vielleicht lieb zu ihr sein wollen, dann auch manchmal unfair ist. Und das ist ja auch ein Stück für Jugendliche, da gehen ja auch eine ganze Menge Schulklassen rein, und gerade mit 16, da kennt man das, dass man sich oft so fühlt: In welcher Welt ist man da gerade angekommen? Habe ich mich überhaupt dafür entschieden? Ich finde „Die Wut, die uns vereint“ nimmt das sehr gut wahr. Es zeigt, wie man sich oft fühlt, wenn man 16 ist. Und das fand ich toll.

Kauly: Es gibt einen Teil, wo Musik interpretiert wird. Dann gibt es dort die zwei Frauen in ihren Rollen – die liebe ich total, wenn die da in ihren Rollen sind. Ein Teil gefällt mir da besonders, wenn zwischen den beiden Mädchen, den Frauen im Stück, eine Kommunikation stattfindet, und es gibt aber eigentlich gar keine Kommunikation. Und es gibt in dem Stück eine Figur, das ist der Wutgeist, der übersetzt dort in seiner Rolle. Das heißt, er ist dort der Übersetzer für diese beiden Personen, weil sie nicht miteinander kommunizieren können. Diese Stelle liebe ich.

ll: Wie ist die Ästhetik auf der Bühne?

Mahne: Teilweise poppig wie Instagram. Teilweise gruselig wie ein dunkler Wald. Es gibt viel zu entdecken.

Regisseurin Wera Mahne: „Poppig wie Instagram und gruselig wie ein dunkler Wald“

ll: Wie ist das Zusammenspiel auf der Bühne?

Mahne: Wir haben ja ganz viele unterschiedliche Mittel auf der Bühne. Wir haben erst einmal ein Bühnenbild entworfen. Das Stück spielt an den unterschiedlichsten Orten: in der Schule, zu Hause, bei einem Freund zu Hause und auch ziemlich lange im Wald. Wir haben aber ein Bühnenbild, was gar nicht so aussieht, wie irgendeiner dieser Orte, sondern ganz anders. Dann haben wir natürlich unsere tollen Schauspielerinnen und Schauspieler, die das bespielen – und man denkt trotzdem, man ist an diesen Orten. Und wir haben auch einen Video-Künstler dabei, der uns teilweise unterstützt mit bildhaften Szenerien, wo man dann auf einmal das Gefühl hat, man ist an einem ganz anderen Ort, dabei ist es genau der gleiche.

ll: Welche Rolle spielt Wut in ihrem Leben?

Mahne: Also Wut entsteht ja aus einer Energie heraus, dass man mit irgendetwas unzufrieden ist. Wenn man dann wütend ist und das zeigt, dann ist man eigentlich ganz schnell raus. Dann wird schnell gesagt: Du bist ja total unmöglich, wie verhälst Du Dich denn? Anstatt erst einmal wahrzunehmen: Da ist eine Wut, warum ist die denn da? Und das ist auch etwas, was ganz oft bei Jugendlichen gemacht wird. Wenn Jugendliche wütend sind, in der Schule oder überall, dann heißt es oft: Oh, die haben ein Aggressionsproblem, das ist krank. Aber wenn jemand wütend ist, weil er unzufrieden ist mit der Situation, heißt das noch lange nicht, dass er krank ist und nicht reinpasst, sondern das heißt, dass gerade die Gesamtsituation nicht so ist, dass er sich wohlfühlen kann. Wenn die Frage ist, welche Rolle Wut in meinem Leben spielt, dann würde ich denken, eine große, weil ich jetzt angefangen habe, mir Gedanken zu machen, wie wir eigentlich mit unseren Emotionen umgehen, und dass es eigentlich für Wut keinen Platz gibt, außer für weiße, mächtige Politiker. Ansonsten darf eigentlich niemand so richtig wütend sein, sondern muss es schaffen, richtig zu arbeiten und irgendwie reinzupassen und seine Steuererklärung zu machen und die Schule fertig zu machen, sich einen Beruf auszusuchen und so weiter. Man darf sich eigentlich nicht beschweren, sondern man muss es einfach besonders gut schaffen…

Schauspieler Eyk Kauly: Daumen hoch signalisiert Zustimmung!

ll: Was sollten die Zuschauerinnen und Zuschauer bie „Die Wut, die uns vereint“ mit nach Hause nehmen?

Kauly: Das Publikum kann zum Beispiel Gebärdensprache mitnehmen. Dann läuft das Ganze natürlich sehr visuell ab, es gibt ganz viele Bilder, die man mitnehmen muss. Und dann ist das natürlich eine Inklusion, ein inklusives Theaterstück. Das ist etwas ganz ganz Spannendes.

ll: Wenn Sie sich eine Rolle aussuchen dürften, wen würden Sie einmal gerne spielen?

Kauly: Einen Mörder oder einen Psychopaten. Das sind zwei Rollen, die ich gerne einmal spielen würde.

„Die Wut, die uns vereint“
Theaterstück von Finegan Kruckemeyer
Inszenierung von Wera Mahne
Ballhof zwei, Knochenhauerstraße 28, 30159 Hannover

(Fotos: Lorenz Varga)

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