Susanne Viktoria Haupt
1. Dezember 2019

Wut ist nicht nur männlich

Ein Debüt, das alle Erwartungen übertroffen hat: Das Drama „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt wird heute im Lodderbast-Kino gezeigt

Wut kann auch rosa sein: Nora Fingscheidts aufwühlendes Drama „Systemsprenger“, Filmplakat

Es ist ein Unding, dass, wenn Mädchen oder Frauen wütend sind, oftmals gesagt wird, dass sie „zickig“ seien. Dass sie sich nicht so zu benehmen haben, denn sie seien schließlich weiblich. Das passt nicht. Wenn sie scharf ihre Meinung sagen, dann wird auch gerne mal von männlicher Seite aus gefragt, ob sie denn vielleicht gerade ihre Tage hätten. Wut darf meistens eben nur männlich sein, weibliche Wut wirkt verstörend. Vor allem je niedlicher und unschuldiger die betreffende Person wirkt oder aber je geringer das Selbstbewusstsein des männlichen Gegenübers ist. Ein kleines Mädchen wird tendenziell von der Gesellschaft dazu angehalten, ihre Wut herunterzuschlucken und bloß nicht zu fluchen. Auf Schmerz soll es mit Traurigkeit reagieren, auch wenn das nur eine Möglichkeit ist, um mit schmerzhaften Erlebnissen umzugehen. Die harten Emotionen sind den Jungen vorbehalten – und je wilder und lauter sie sind, desto jungenhafter wirken sie auf die breite Masse der Gesellschaft.

Genau mit diesen paradoxen Bild spielt Nora Fingscheidt in ihrem Debüt-Film „Systemsprenger“. Protagonistin ist die neunjährige Benni (grandios gespielt von Helena Zengel), die im übertragenen Sinne das System zu sprengen scheint. Durch ein Gewalt-Trauma in der frühen Kindheit ist Benni zu Recht wütend. Doch ihre Wut zeigt sie, wo auch immer sie will und es als angebracht erachtet. Sei es, dass sie Bobby-Cars durch die Gegend wirft oder Betreuer anbrüllt. Sie will zu ihrer Mutter, sie will raus aus dem System, eigentlich möchte sie nur das, was alle anderen Kinder haben: ein stabiles Zuhause mit bedingungsloser Liebe. Aber ihre Wut stößt ab und lässt das System ratlos zurück. Von Förderschulen wird sie verwiesen und so landet Benni immer wieder in der Psychiatrie. Sogar ihre Mutter gibt an, dass sie vor Benni schon einmal Angst hatte. Es ist allerdings nicht nur die heftige Wut, die das System überfordert, sondern auch der Umstand, dass Benni ein Mädchen ist. Ein blondes Mädchen, das doch viel eher weinen und Schutz suchen sollte, anstatt ihrem Schmerz und ihrer Wut auf diese Weise Luft zu machen.

Die Braunschweiger Regisseurin Nora Fingscheidt hat mit „Systemsprenger“ etwas geschafft, wovon man in der Filmbranche nur träumen kann. Bereits der Abschlussfilm ihres Regie-Studiums „Ohne diese Welt“ wurde auf dem Filmfestival mit dem Max Ophüls-Preis ausgezeichnet. Bei dem fiktiven Drama „Systemsprenger“ hat sie nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst und erhielt auf der diesjährigen Berlinale sowohl den Alfred-Bauer-Preis als auch den Preis der Leser-Jury der Berliner Morgenpost. Nun wurde der Film sogar als deutscher Beitrag für die Oscars eingereicht. Ausschlaggebend dafür war zum einen zweifelsohne die eindrucksvolle Bildsprache von Fingscheidt und die Arbeit, die sie in das stimmige Drehbuch investiert hat. Aber auch die Leistung der mittlerweile elfjährigen Helena Zengel dürfte einen großen Anteil daran haben. Zengel begann bereits mit fünf Jahren mit der Schauspielerei und wird in Zukunft sogar an der Seite von Tom Hanks zu sehen sein. Mit ihrem Talent hat sie der Figur der Benni jene notwendige Tiefe verleihen können, die sich Fingscheidt mit Sicherheit für ihr Debüt erhofft hatte. Zu sehen ist „Systemsprenger“ heute im Lodderbast.

Sonntag, 1. Dezember 2019:
„Systemsprenger“, Drama von Nora Fingscheidt, D 2019, 120 min., Lodderbast, Berliner Allee 56, 30175 Hannover, Beginn: 17.15 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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