Susanne Viktoria Haupt
9. Dezember 2019

Alles eine Frage der Perspektive

Von der gefeierten Autorin zur Fuß-Pflegerin und wieder zurück: Katja Oskamp ist heute Abend mit ihrem neuen Roman „Marzahn, mon amour“ zu Gast im Literarischen Salon

Liefert Beobachtungen aus ungeahnten Perspektiven: Katja Oskamps „Marzahn, mon amour“, Buchcover

Ich habe bei Stephen King manchmal das Gefühl, dass es mir schier unmöglich sein wird, all seine Bücher zu lesen. Das liegt zum einen daran, dass King definitiv ein sehr cooler, talentierter und unterhaltsamer Vampir ist, der uns alle überleben wird, und zum anderen daran, dass er eine Story nach der nächsten liefert, und ich einfach nicht so schnell hinterherkomme. Für mich stellen solche Menschen allerdings eine Ausnahme-Erscheinung dar. Ich warte sehr gerne auf ein neues Werk von einer guten Autorin oder einem guten Autor. Der Literatur-Betrieb zeigt sich im Allgemeinen aber nicht so gnädig. Sofern Buch Nummer zwei bei Veröffentlichung von Buch Nummer eins nicht schon mindestens zur Hälfte fertig ist, bist du raus. Überspitzt gesagt, aber nur ein wenig. Katja Oskamp musste das am eigenen Leib erfahren. Ihr erster Roman „Halbschwimmer“ wurde zum Sensations-Debüt. Ihr zweiter Roman „Die Staubfängerin“ erschien bereits vier Jahre später. Für den Literatur-Betrieb schon eine halbe Ewigkeit. Und ihr dritter Roman „Hellersdorfer Perle“ fällt dann sogleich bei der Kritik in Ungnade und Nummer vier wird von den Verlagen bereits abgelehnt. Oskamp ist „zu langsam“ – und ihr Mann auch noch an Krebs erkrankt.

Den Kopf steckte die 1970 in Leipzig geborene Schriftstellerin dennoch nicht in den Sand. Sie zog nach Marzahn, abseits des hippen Berlins und ließ sich zur Fußpflegerin umschulen. Was sich für manche nun wie ein harter Aufprall nach ganz unten anhören mag, war für Oskamp ein Glücksgriff. Viele Wege führen eben nach Rom und auch, wenn der Literatur-Betrieb größtenteils ein undakbarer Pöbel ist, bekommt man zwar die Schriftstellerin aus dem Betrieb, aber nicht das Talent aus der Schriftstellerin. Oder so ähnlich eben, Ihr wisst, was ich meine. Deswegen fand Oskamp „ganz unten“ zu den Füßen ihrer Kundschaft auf einmal jede Menge Inspiration. Ist ja auch gar nicht so abwegig, wenn wir uns mal Bukowski und seinen Mann mit der Ledertasche anschauen. Die Geschichten rund um den Nagel der Welt lassen sich nun in Oskamps neuen, und auch endlich wieder bei einem Verlag beheimateten Roman „Marzahn, mon amour“ nachlesen. Auf den 144 Seiten ihres neuen Werkes finden wir viel Berliner Schnauze, normale Leute, aber mit grandiosen Geschichten, weil sie eben durch den Oskamp-Filter gelaufen sind. „Ganz unten“ ist eben immer eine Frage der Perspektive – und Marzahn seit diesem Buch deutlich hipper. Heute Abend ist Katja Oskamp erstmal im Literarischen Salon zu Gast und liest mit einem hoffentlich breiten Grinsen aus ihrem neuen Buch.

Montag, 9. Dezember 2019:
„Marzahn, mon amour. Vom Kopf auf die Füße – ein Problem-Viertel aus anderer Perspektive“, Lesung von Katja Oskamp, Literarischer Salon Hannover, Conti-Hochhaus, 14. Etage, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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