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Foucault’sche Geschichtsstunde zur Sexualität

Im Literarischen Salon steht der Abend im Zeichen von Michel Foucaults „Die Geständnisse des Fleisches“

Die Philosophin Marita Rainsborough und der Soziologe Martin Saar sprechen heute über Foucaults postum erschienenes Werk „Die Geständnisse des Fleisches“

So mancher Künstler verfügt für sein Ableben, sein Nachlass möge für immer unter Verschluss gehalten, verbrannt, im Meer versenkt, mit einem Panzer überfahren, Getier zum Fraße vorgeworfen, ins All geschossen oder auf jedwede andere Weise vernichtet werden, aber bitte nur eines nicht, nämlich postum veröffentlicht. Verständlich, haftet der Vorstellung des Künstlers als Genius, das in einer Dachgeschoss-Kammer unermüdlich geniale Texte, Melodien oder Gemälde schafft, doch nicht nur der muffige Geruch des 19. Jahrhunderts an. Denn diese Denkweise ist naiv und ignoriert, dass auch künstlerische Arbeit eben vor allem eines ist: Arbeit. Auf jede Melodie für die Ewigkeit, auf jeden postkartenzitierfähigen Satz kommen tonnenweise Ausschuss, der sich manchmal schlimmer ausnimmt als das Tagebuch eines Vierzehnjährigen. Und so quillen Schubladen, Ordner, Computer und Schränke mit Notizbüchern, Skizzen, Songschnipseln und anderen kreativen Ergüssen über, die dort auch zu Recht liegen. Und nicht bei jedem fertiggestellten Lied, nicht jedem vollendeten Roman, die dazwischen schlummern, handelt es sich um ein unentdecktes Meisterwerk.

Doch je bedeutender – beziehungsweise rentabler – der Künstler zu Lebzeiten, desto größer auch die Gefahr der Leichenfledderei. Wer von seinem Tod überrascht wird und seinen Nachlass nicht selbst vernichten konnte, dem nützt meist auch ein „KEINE POSTUME VERÖFFENTLICHUNG!!!“ in Großbuchstaben und mit mehreren Ausrufezeichen in seinem Testament nichts mehr – irgendwann erwischt es jede und jeden und die zwanzigste Platte mit „Unveröffentlichten Hits“ oder der fünfzehnte Band einer Trilogie steht in den Bücherregalen.

Aber natürlich ist auch nicht alles im Nachlass automatisch Murks. Kleinode finden sich immer wieder. Hat der Künstler nichts verfügt, findet ein solches Werk in der Regel früher oder später in die Öffentlichkeit. Doch was hieße es, dem Künstler-Wunsch der Nichtveröffentlichung ungeachtet der enormen Qualität zu entsprechen? Der Name Franz Kafka beispielsweise wäre vermutlich nur eingefleischtesten Philologen ein Begriff, Romane von ihm gäbe es keine zu lesen. Nicht gänzlich so einschneidend sähe es bei Michel Foucault aus, der bereits vor seinem Tod zahlreiche Werke veröffentlicht und sich einen Namen gemacht hat. Auf eine Weiterführung seines Werkes „Sexualität und Wahrheit“ jedoch hätte die Nachtwelt verzichten müssen.

Lange sah es danach aus, als bliebe es bei den bisherigen drei Bänden. Zwar erschien trotz Foucaults Verfügung schon einiges aus seinem Nachlass, der vierte Band von „Sexualität und Wahrheit“, der „Geständnisse des Fleisches“ heißt, wurde jedoch erst 34 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1984 veröffentlicht. Mit dem ambitionierten und anfänglich auf sechs Bände ausgelegten Werk „Sexualität und Wahrheit“ stürzte sich Foucault in die Geschichte der Sexualität und ihrer Regulierung vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, verwarf diesen Plan schnell wieder und weitete seine Arbeit bis auf die Antike hin aus. 1976 erschien mit „Der Wille zum Wissen“ der erste Band, der sich mit der Funktions- und Wirkungsweise von Macht anhand des Sex-Diskurses auseinandersetzt, 1983 folgten mit „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ zwei weitere Bände. Als Foucault starb, war auch „Geständnisse des Fleisches“ weitestgehend überarbeitet, seinem Wunsch entsprechend wurde es jedoch damals nicht veröffentlicht. Wenig verwunderlich also, dass der vierte Band der Thematik rund um die Sexualität noch eine weitere Facette hinzufügen kann. Während die Bände 2 und 3 den Fokus auf Antike und Spät-Antike legen, beschäftigt sich Foucault in „Geständnisse des Fleisches“ mit Schriften des frühzeitlichen Christentums zu Sexualität und Lust. Im Literarischen Salon setzen sich heute Abend die Philosophin Marita Rainsborough und der Soziologe Martin Saar mit den Foucault’schen Betrachtungen auseinander und bieten gleichzeitig einen guten Einstieg in dessen Werk.

Montag, 25. November 2019:
„‚Die Geständnisse des Fleisches‘ – alle sehen alles und überall“, Lesung und Gespräch zu Michel Foucault mit Marita Rainsborough und Martin Saar, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Hochhaus, 14. Stock, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Saar: P. Holl)

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