Milena Wurmstädt
23. November 2019

Schöne neue Welt

Urbane Wildkräuter: Am vergangenen Sonntag hielt der Aktivist Ed Winters einen Vortrag im Kulturzentrum Faust. Ein Kommentar

Earthling Ed

Veganer Aktivist: Earthling Ed

Ist Earthling Ed für die vegane Szene das, was der Papst für die katholische Kirche ist? Man weiß es nicht genau. Fest steht jedoch: Predigen kann er. Nicht nur, dass er beim Sprechen mit geradezu religiösem Eifer bei der Sache ist, auch seine an diversen Stellen eingeflochtenen Geschichten laden zu Bibel-Vergleichen ein. Anders als der Papst ruft Ed Winters jedoch schon zu Beginn seines Auftrittes alle gläubigen und ungläubigen Anwesenden zum Zweifeln auf. Meines Wissens nach hat Papst Franziskus das bisher noch nicht getan, sollte er es tun, wird sich die ideologische Distanz zwischen mir und dem Katholizismus eventuell um zwei Finger breit verkürzen.

Das Klima verändert sich schneller als die Nahrungsmittel-Industrie

Und diesem Aufruf zum Zweifeln und Hinterfragen, lieber Ed, möchte ich hiermit nachkommen. Du sagst, sich vegan zu ernähren und zu leben sei das Effektivste, was man derzeit tun könne, um sich ethisch korrekt und umweltschonend zu verhalten. Natürlich hast Du damit in vielen Punkten recht. Der Großteil des weltweit produzierten Sojas wird zum Beispiel an Nutztiere verfüttert. Durch Nutztierhaltung, hauptsächlich durch Rinderhaltung, wird vermehrt Methan ausgestoßen – das Gas, das schädlicher für das Klima ist als CO2. Weniger Konsum von Tierprodukten, insbesondere von Rindfleisch, führt also auch zu weniger Methan-Ausstoß und weniger Belastungen für das Klima. So weit, so plausibel. Man könnte noch weitere Beispiele anführen. Aber was Du dabei vergisst, Ed, ist, dass die Nahrungsmittel-Industrie sich langsam verändert, das Klima sich aber immer schneller. Nachdem „vegan sein“ nun schon länger bei immer mehr Menschen als hip und erstrebenswert gilt, kommen langsam, sehr langsam, die ersten Veränderungen in der deutschen Milch-Industrie zustande. Diese Veränderungen sehen aber nicht so aus, dass alle Milchbauern plötzlich anfangen würden, nur noch Soja und Hafer anzubauen, sondern dass Bauern schlicht pleite gehen oder der Hof nicht an die nächste Generation weitergegeben, sondern die landwirtschaftliche Nutzung gänzlich aufgegeben wird. Der Glaube daran, dass individuelles Konsum-Verhalten großen Einfluss auf das Weltgeschehen hat, scheint geradezu als Beweis für den Narzissmus und die Naivität, die uns „Millenials“ so gerne vorgeworfen wird, zu taugen.

Nicht alle Menschen können sich eine ausgewogene vegane Ernährung leisten

Du sagst, vegan zu leben sei ethisch korrekter als eine Lebensweise, deren Grundlage teilweise tierische Produkte sind. Du fragst uns Anwesenden, was wichtiger sei: die 15 Minuten Genuss, in der wir eine Pizza mit viel Käse essen, oder das leidvolle Leben einer in industriellen Verhältnissen ausgebeuteten Milchkuh. Ich denke, wenn ich jetzt meinen persönlichen, kurzweiligen Genuss an erste Stelle setze, wäre ich wohl für Dich, was für den Papst der Antichrist ist und gebe Dir recht. Damit eine vegane Lebensweise einen signifikanten Einfluss auf Klima, Umwelt und das Leid von industriell ausgenutzten Tierleben haben kann, müssen aber sehr viele Menschen vegan leben. Da scheinst Du mit mir einer Meinung zu sein, sonst würdest Du wohl nicht Deine Zeit damit verbringen, um die Welt zu fahren und Menschen davon zu überzeugen, vegan zu leben. Doch was ist mit all den Menschen in Industriestaaten, die sich keine ausgewogene vegane Ernährung leisten können? Die beispielsweise körperlich anstrengender Arbeit auf dem Bau nachgehen und sich keine eiweißreichen gesunden veganen Produkte leisten können, um ihren Energiebedarf zu decken. Was ist mit Sozialhilfe-Empfängern oder alleinerziehenden Müttern mit schlecht bezahlten Jobs? Das alles sind Personengruppen, die es bräuchte, um einen merkbaren Einfluss auf das Klima zu erzielen, aber die bisher eher nicht erreicht werden, sei es aus finanziellen, kulturellen oder sozialen Gründen. 

Es braucht verbindliche Richtlinien für Wirtschaft und Industrie

Lieber Ed, ich verstehe Deinen Eifer und Deine Überzeugung, mit der Du die vegane Fackel im weißen Rauschen von tausend Fragen nach persönlicher Verantwortung, Nachhhaltigkeit, Klimawandel, Artensterben, globalem-Nord-Süd-Gefälle, ethischem Verhalten und politischen Konsequenzen hochhältst. Deine Arbeit und die Geschichten, die Du erzählst, sind wichtig. Sie bringen deine Zuhörerinnen und Zuhörer dazu, nachzudenken und ihre Lebensweise zu hinterfragen. Doch es reicht nicht, sich beim Imbiss für die vegane Curry-Wurst zu entscheiden. Es reicht nicht, sich keine Leder-Produkte zu kaufen. Es reicht nicht, das Frühstücksei durch Räucher-Tofu zu ersetzen.

Der Wunsch nach Verhinderung der schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels und der Veränderung einer ausbeuterischen Nahrungsmittel-Industrie ist riesig. Doch die Probleme sind so groß, dass sie sich nicht mit Veränderungen im individuellen Konsumverhalten allein lösen lassen. Um diese Fragen effektiv anzugehen, braucht es allgemein verbindliche Richtlinien in Industrie und Wirtschaft. Eine vegane Lebensweise ist kein Weihwasser, das den Teufel der Tierprodukt-Industrie und des Klimawandels fernhält. Sie ist auch kein Schritt auf dem Weg in ein Paradies voller Tierrechte, sozialer Gleichheit und verhindertem Klimawandel. Sie ist höchstens vielleicht die gute Restauration einer Treppenstufe in einem riesigen maroden Hochhaus.

(Foto: Pressefoto/earthlinged.org)

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Kategorien: Politik

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