Lorenz Varga
11. Dezember 2019

Die Narben im Inneren

Heute feiert Nadja Spiegelmans autobiografischer Roman „Was nie geschehen ist“ Uraufführung im Ballhof Eins

Drei Generationen, eine Familie: Françoise (Anja Herden), Nadja (Amelle Schwerk) und Josée (Irene Kugler) in „Was nie geschehen ist“

Nadja Spiegelman ist die Tochter des Comic-Zeichners und Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman sowie der ehemaligen Art-Direktorin des New Yorker, Françoise Mouly. Mit „Was nie geschehen ist“ hat sie einen beeindruckenden, autobiografischen Roman über drei Frauen-Generationem geschrieben.

„Als Kind war ich überzeugt, meine Mutter sei eine Fee.“ So beginnt Spiegelman ihren autobiografischen Roman, in dem sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter begibt. Sie entzaubert zwar die Fee, findet am Ende aber einen liebevollen Menschen, eine menschliche Oma und am allerwichtigsten: sich selbst. Ihr Vater, der für den „Maus“-Comic den Pulitzer-Preis bekam, spielt dabei eher eine Nebenrolle. Denn es geht vornehmlich um weibliche Identitätssuche und um weibliche Biografien. Und es geht um Liebe und Verrat, um sexuellen Missbrauch, um sexuelle Identitäten, um Lebenskrisen und Selbstmord und nicht zuletzt um die Erinnerung selbst.

Neuro-Wissenschaftlern zufolge bleibt eine Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis etwa drei Stunden in unserem Bewusstsein präsent, schreibt Spiegelman. In diesem Zeitraum sei Erinnerung formbar. Und in der Tat stößt Spiegelman bei ihrem Projekt immer wieder auf Situationen, in denen die drei Frauen (sie selbst eingeschlossen) unterschiedliche, sich widersprechende Versionen ein und derselben Begebenheit von sich geben. Oder eben die ganze Begebenheit bestreiten. Das ist auch eine Lesart des Titels, der auf die Widersprüche und Brüchigkeit von Erinnerungen verweist. Er verweist aber auch darauf, was hätte geschehen können, was letztendlich nicht geschehen ist. Und er verweist auf die vielen Narben im uns. Die vielen Verletzungen, die man in seinem Innern trägt. Über ihre Mutter sagt Spiegelman: „Irgendwo in ihr drin war verbrannte Erde.“ Wir dürfen gespannt sein, wie Regisseurin Alice Buddeberg diese Lebensgeschichten, die räumlich von New York bis Paris und zeitlich von den Weltkriegen bis in die Gegenwart reichen, auf die kleine Ballhof-Bühne gebündelt bekommt.

Mittwoch, 11. Dezember 2019:
„Was nie geschehen ist“, Theaterstück nach dem Roman von Nadja Spiegelman, Uraufführung, Inszenierung von Alice Buddeberg, Ballhof Eins, Ballhofplatz 5, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 25 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Samstag, 14. Dezember, 19.30 Uhr
  • Freitag, 20. Dezember, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 29. Dezember, 19.30 Uhr
  • Samstag, 4. Januar, 19.30 Uhr
  • Samstag, 11. Januar, 19.30 Uhr
  • Samstag, 25. Januar, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 20 bis 23 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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