Lorenz Varga
8. Dezember 2019

Ich will ein Menschenopfer

In Griechenland, der Wiege der Demokratie, ging es alles andere als demokratisch zu, zumindest, wenn man deren Mythologie betrachtet: „Iphigenie“ im Schauspielhaus Hannover

Noch dümpelt die Flotte im Hafen von Aulis. Krieg gibt es erst, wenn Iphigenie geopfert wird: Szene mit Seyneb Saleh und Sabine Orléans

Noch sind die Schlachten nicht geschlagen. Der griechische Heerführer Agamemnon will gegen Troja ziehen, gegen die Barbaren, die Helena entführt haben, die Braut seines Bruders Menelaos. Doch die griechische Flotte sitzt in Aulis fest. Flaute. Göttin Artemis hat mit Agamemnon eh noch ein Hühnchen zu rupfen und verweigert den Wind. Sie will ein Opfer, ein Menschenopfer. Und zwar des Heerführers Tochter Iphigenie. Artemis jedoch opfert Iphigenie nicht, sondern bringt sie als Priesterin zu den Tauren. Doch ist der Fluch erst einmal im Leben, nimmt das Schicksal ihren Lauf. Im Glauben, ihr Gatte habe den Tod ihrer Tochter Iphigenie auf dem Gewissen, ermordet Klytaimnestra, gemeinsam mit ihrem neuen Liebhaber, den Heerführer Agamemnon bei dessen Rückkehr. Das ruft wiederum Iphigenies Geschwister Orest und Elektra auf den Plan. Sie sühnen den Mord am Vater, indem sie Klytaimnestra nebst Liebhaber ins Jenseits befördern. Doch nun sind die Rache-Göttinnen hinter Orest her. Wie dem entkommen? Das Orakel Apollons verweist ihn nach Tauris. Dort solle er die Schwester holen. Da er Iphigenie für tot hält, glaubt er, das Orakel bezöge sich auf die Schwester Apollons und er solle deren Statue von dort bringen. Doch auf Tauris hat die Gastfreundschaft auch so ihre Tücken: Fremde werden der Jagd-Göttin Artemis geopfert. Die das Opfer vollziehende Priesterin ist nun aber Iphigenie…

Der „Iphigenie“-Stoff ist seit der ersten dramatischen Fassung von Euripides von zahlreichen Schriftstellern aufgegriffen und bearbeitet worden. Die zwei wohl bedeutendsten Fassungen von Euripides und von Johann Wolfgang von Goethe bilden die Grundlage der heutigen Inszenierung am Schauspielhaus Hannover von Anne Lenk. Der größte Unterschied zwischen Euripides und Goethe besteht wohl darin, dass bei Goethe nicht das Schicksal die alles bestimmende Kraft ist, sondern Schönheit und Harmonie. Diese allein können zu humanen Lösungen führen, und zwar – im Gegensatz zum fremdbestimmenden Schicksal – in Selbstbestimmung. Leider handelt es sich dabei nur um eine Möglichkeitsform und so bleibt die Frage von Gewalt und Grausamkeit aktueller denn je.

Sonntag, 8. Dezember 2019:
„Iphigenie“, Theaterstück nach Euripides und Johann Wolfgang von Goethe, Premiere, Inszenierung von Anne Lenk, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 23 bis 45 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Dienstag, 10. Dezember, 19.30 Uhr
  • Samstag, 14. Dezember, 19.30 Uhr
  • Freitag, 20. Dezember, 19.30 Uhr
  • Samstag, 28. Dezember, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 15 bis 41 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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