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Der erste Eindruck: Kocak braucht ein wenig Zeit

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Heute: das Auswärtsspiel beim FC St. Pauli

Jos Luhukay

Kann auch Brandreden: Trainer Jos Luhukay vom 96-Gegner FC St. Pauli

Montagabend, kurz nach halb neun. Die Partie zwischen Hannover 96 und dem SV Darmstadt 98 hatte gerade begonnen, da habe ich für einen kurzen Moment innehalten müssen. Für Kenan Kocak trillerte soeben zum ersten Mal die Pfeife des Schiedsrichters als Trainer von Hannover 96. Kocak, der bei Pep Guardiola hospitierte und mit Jupp Heynckes gut kann, begann seine Mission bei 96 unter der Alarmstufe Rot – und für einen kurzen Moment schien es so, als würden die Roten direkt von Beginn an für Alarm sorgen.

Ein Nackenschlag nach dem anderen

Keine Minute war gespielt, da formierten sich bereits nicht mehr für möglich gehaltene Dreiecke auf dem Flügel. Pitsch, patsch, Kombinationsfußball, Flanke Albornoz, Kopfball Weydandt, drüber. Da war keine Minute gespielt, da dachte ich als Fachmann für ehemalige Bayern-Trainer: Da hat der Kenan dem Pep aber scheinbar gut über die Schulter geschaut und vom Jupp auch einiges gelernt. Der Angriff sah durchdacht und spielerisch verdammt schön aus. Nicht irgendwie die Pocke durch die eigenen Reihen gewürgt und zufällig eine Flanke in den Strafraum bekommen, nein, es sah nach einer Besserung aus. Diesen neuen Spirit, diese neue Lust aufs Fußballspielen hätte man sich über 90 Minuten gewünscht. Hätte eventuell auch geklappt, hätte Waldemar Anton etwas koordiniertere Bewegungsabläufe und Füße, dann hätte es nicht schon nach ein paar Minuten 0:1 für Darmstadt gestanden und 96 hätte eben nicht schon wieder einem Nackenschlag hinterherlaufen müssen.

Kenan Kocak ist eine gute Wahl

Am Ende stand eine weitere Niederlage, da der Schiedsrichter einen etwas zu dicken Hintern besaß und mit diesem einen Traumpass zu Marc Stenderas Nicht-Tor-des-Monats spielte. Stendera verabschiedete sich acht Minuten nach seiner Einwechslung mit Gelb-Rot vorzeitig vom Platz, doch alles in allem wäre das Remis nach der zweiten Hälfte wirklich verdient gewesen. 96 spielte nach der Pause zwar immer noch keinen wirklich guten Fußball, der Wille war jedoch erkennbar, den vielzitierten Bock umzustoßen. Und auch in Halbzeit zwei hatte man – wahrscheinlich auch dem Rückstand geschuldet – einige Momente erlebt, die an die Spielweise der zuvor erwähnten Großmeister des Trainergeschäfts erinnerten. 96 stand teilweise sehr hoch, attackierte den Gegner früh und koordiniert in dessen Hälfte. Ich will den Tag nicht vor dem Abend loben, aber mit Kenan Kocak könnte Hannover 96 endlich wieder eine gute Wahl getroffen haben.

Eine gute Spielidee ist Gold wert

Natürlich sollte man den guardiolesken Fußball nicht als Maßstab für Hannover 96 heranziehen. Natürlich klingt es vermessen, einen so jungen Trainer schon mit der Fußball-Intelligenz eines Jupp Heynckes preisen zu wollen. Und natürlich verfügt Hannover 96 nicht über das Spielermaterial wie Bayern München oder Manchester City. Doch dass eine gute Spielidee, von der eine Mannschaft überzeugt ist und für die alle an einem Strang ziehen, zu verdammt guten Ergebnissen führen kann, wissen wir nicht zuletzt dank der Erfolge eines Jürgen Klopps mit Borussia Dortmund oder eines Claudio Ranieris beim damaligen englischen Überraschungsmeister Leicester City. Wenn eine Mannschaft an sich und ihre Spielweise glaubt, dann kann auch so ein kleiner, finanziell schwacher Verein wie der SV Sandhausen, den Kocak zuletzt trainierte, jahrelang im Unterhaus der Bundesliga bestehen. Warum sollte Kocak also nicht auch mit dieser 96-Mannschaft, die viele Fans schon für einen Absteiger halten, die Liga rocken können?

Viel ist nicht mehr im 96-Sparschwein

Was Kocak benötigt, das ist nur ein wenig Zeit. Erste Ansätze waren gegen Darmstadt erkennbar, bis zur Winterpause ist es nicht mehr weit, bis dahin muss er versuchen, noch so viele Punkte wie möglich zu holen. Erst dann können die angekündigten Transfers erfolgen und Kocak kann seinen Fußball im Wintertrainingslager auf Feinschliff bringen. Jan Schlaudraff darf aber leider nicht das ganze, eh schon abgemagerte Sparschwein plündern. Er muss also wie schon im Sommer kreativ werden, was eigentlich keine sonderlich guten Voraussetzungen darstellt. Im Winter müsste Hannover 96 eigentlich nochmals richtig Geld in die Hand nehmen und in den Kader investieren, doch warten wir erst einmal ab, auf welchem Tabellenplatz die Roten überwintern werden.

Auch St. Pauli hat Probleme

Viel wichtiger als das, was uns in naher Zukunft erwartet, ist für Kocak und sein Team das Hier und Jetzt. Und dieses hört auf den Namen FC St. Pauli. Die Paulianer stehen aktuell auf Platz 13 und haben gegenüber 96 auch nur einen Zähler mehr auf der Habenseite. Auch St. Pauli macht eine schwierige Phase durch, welche Trainer Jos Luhukay schon vor der Saison anmahnte. In einer Brandrede gegen den eigenen Club prangerte der Niederländer an, dass St. Pauli das Gerüst fehle, da 70 Prozent der Spieler kaum in der Lage seien, zehn bis 15 Spiele in dieser Liga zu machen. Explizit ging er auf eine gewisse Bequemlichkeit im gesamten Verein ein – auf dessen Grundlage man nicht mit einem Aufstieg rechnen könne. Im Gegenteil: Würden viele Ausfälle zu beklagen seien, dann könne St. Pauli auch mal wieder ein Jahr erleben, in dem es gegen den Abstieg spielen müsse. Luhukay sollte, Stand jetzt, Recht mit seinen Aussagen behalten.

Eine Art Sechs-Punkte-Spiel

Gerade weil der FC St. Pauli einen schwierige Phase durchmacht, halte ich die Hamburger für einen äußerst unangenehmen Gegner. Gegen einen Bundesliga-Absteiger zeigt man ja gern mal das eine oder andere Prozent mehr auf dem Platz, als es vielleicht gegen den SV Wehen Wiesbaden der Fall wäre. Und wenn man dann aus Sicht der Kiez-Kicker auch noch dafür sorgen kann, dass der vermeintlich große Club aus Hannover im Sechs-Punkte-Spiel vorerst abgehängt werden kann, dann dürften am Millerntor die Nackenhaare eines Jeden unter Hochspannung stehen. Spannend wird zu beobachten sein, ob Kenan Kocak sein Team in den paar Tagen zwischen Darmstadt und St. Pauli schon wieder ein Stück weiterbringen konnte. Die Partie wird es zeigen. Hannover 96 wird am Millerntor einen Punkt holen, trennt sich vom FC St. Pauli mit 2:2.

Samstag, 30 November 2019, 13 Uhr:
FC St. Pauli – Hannover 96

(Foto: Thomas Rodenbücher/Wikipedia, Copyright: CC BY-2.0 [1])

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