Marcel Seniw
7. Dezember 2019

Kocaks erster Härtetest

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Heute: das Heimspiel gegen den FC Erzgebirge Aue

Genki Haraguchi

Merklich aufgetaut in den letzten Spielen: Hannovers Mittelfeld-Regisseur Genki Haraguchi

Hannover 96 hat das zweite Spiel unter seinem neuen Trainer Kenan Kocak mit 1:0 beim FC St. Pauli gewonnen. Und das Wie ist im Fußball manchmal ziemlich egal, erst recht, wenn man am unteren Tabellenende herumdümpelt. Doch das Spiel am Millerntor war wohl das schlechteste Spiel der Roten, das ich je über 90 Minuten verfolgt habe. Es ähnelte eher einer Kreisliga-Partie denn einer aus der Zweiten Liga: Keine Struktur, viele, teils ruppige Zweikämpfe – und selbst Pässe über fünf Meter schienen die Profi-Fußballer an diesem Tag zu überfordern – auf beiden Seiten. Aber egal, drei wichtige Punkte wurden eingefahren, die Null stand und Trainer Kocak hat neue Erkenntnisse ziehen können. Auch wenn St. Pauli nun mal so gar nichts auf den Rasen gebracht hat.

Das Mittelfeld: ein Flipper-Automat

Eine Erkenntnis lautete dabei hoffentlich: Das Zentrum braucht mehr Sicherheit am Ball. In Hamburg spielten Waldemar Anton und Marvin Bakalorz zentral im Mittelfeld, im Sturmzentrum stand Hendrik Weydandt, flankiert von zwei Flügelstürmern. In dieser Konstellation offenbarten sich eklatante spielerische Schwächen. Anton, Bakalorz und Weydandt verdaddelten viele Bälle durch ungenaue Zuspiele oder mangelnde Ballbehandlung. Das Zentrum wirkte wie ein Flipper-Automat. Da konnte auch Genki Haraguchi, der unter Kocak aufzublühen scheint, keine Struktur ins Spiel bringen, da konnte er sich fallen lassen, wie er wollte. Doch Kocak wird das aufgefallen sein, und aufgrund der Personal-Lage mit den bis zur Winterpause ausfallenden Innenverteidigern Marcel Franke und Felipe, wird der Trainer wohl sowieso gezwungen sein, Anton wieder eine Position weiter nach hinten zu ziehen. Somit hat die zerstreute Flipper-Zentrale vorerst ausgedient. Auch Marvin Ducksch könnte wieder eine Option für Weydandt im Zentrum sein. Doch genug der Spekulation.

Ein auswärtschwacher Gegner, doch es bleiben Fragezeichen

Nach zwei Spielen unter neuer Führung nach der Slomka-Ära stehen für Hannover also immerhin drei Punkte zu Buche, aber immer noch kein Heim-Dreier. Am Samstag also der nächste Versuch – und dieses Spiel wird zur ersten echten Probe für Hannovers neuen Chef-Coach. Denn mit dem FC Erzgebirge Aue kommt der aktuell Fünftplatzierte in die Landeshauptstadt. Allerdings muss man auch konstatieren, dass der Schuh von Trainer Dirk Schusters Mannschaft speziell auswärts drückt. Die Veilchen konnten bisher erst eine Auswärtspartie für sich entscheiden, spielten dazu zweimal remis und unterlagen viermal. Aus den letzten fünf Partien in der Fremde holten die Sachsen zwei Punkte. Prinzipiell sind das gute Vorzeichen für 96. Prinzipiell… Nach dem Sieg auf St. Pauli weiß man nämlich irgendwie so gar nicht, wie man 96 einschätzen soll. Doch wenn einer seine Mannschaft einschätzen kann, dann ist es Kocak – und der ist sich sicher, dass die Frage nach dem ersten Heimsieg in der kommenden Woche nicht mehr beantwortet werden müsse. Die selbstbewusste Herangehensweise des Trainers überträgt sich hoffentlich auch aufs Team. Denn auch der 38-Jährige weiß, dass der FC Erzgebirge Aue „bisher eine sehr gute Runde“ spielt.

Der richtige Zeitpunkt für einen Mini-Lauf

Sollte tatsächlich der erste Heimsieg der Saison gelingen, dann würde 96 erstmals in dieser Spielzeit auch zwei aufeinanderfolgende Spiele gewonnen haben. Es wäre der richtige Zeitpunkt, um einen Mini-Lauf bis zur Winterpause hinzulegen. Nach Aue stehen noch Spiele gegen den VfL Bochum und der Rückrundenauftakt gegen die strauchelnden Stuttgarter an. Mit neun Punkten aus den verbleibenden drei Partien könnte 96 sich sogar aus dem gröbsten Schlamassel befreien und einem angenehmen Jahreswechsel entgegenblicken. Doch auch das ist nichts weiter als Wunschdenken und Spekulation. Kommen wir also zum Tipp für das heutige Spiel: Auch wenn ich mir fast schon so dämlich vorkomme, wie zu Zeiten der Auswärts-Depression, so tippe ich dennoch auf einen 2:0-Heimsieg der Roten. Ich lehne mich noch weiter aus dem Fenster: Genki Haraguchi wird dabei einen Treffer beisteuern. Der Japaner wirkt irgendwie nicht mehr wie der Spieler, der er noch unter Mirko Slomka, Thomas Doll und André Breitenreiter war, sondern endlich befreit. Vielleicht gilt das ja auch fürs ganze Team.

Samstag, 7. Dezember 2019, 13 Uhr:
Hannover 96 – FC Erzgebirge Aue

(Foto: Endoyatto/Wikipedia)

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Kategorien: Sports

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