Roman Kansy
13. Dezember 2019

Das Korsett namens Gesellschaft

Kunst am Zeitgeist: Eva Kot’átková und Hassan Khan in der Kestnergesellschaft

Die Kunst von Eva Kot’átková bezieht stets das Ganze mit ein: „Machine for Restoring Empathy“, 2019

Die 1982 in Tschechien geborene Künstlerin Eva Kot’átková untersucht in ihren aktuellen Arbeiten die Auswirkungen sozialer Normen und der draus resultierenden alltäglichen Machtverhältnisse auf die Physis und Psyche der Menschen. Durch ihren konzeptionellen Rekurs auf ihre enge Zusammenarbeit mit Kindern, die sich in den zu untersuchenden Bildungssystemen bewegen und auf Menschen, denen der gesellschaftlichen Stempel „psychisch krank“ aufgedrückt wurde, wird ihr Projekt mit einem greifbaren Maß an Realität aufgeladen. Kot’átkovás Erfahrungen manifestieren sich in ihren Stahl-Skulpturen, die an menschliche Körperteile wie einen Arm, eine Wirbelsäule oder einen Rumpf erinnern. Die Körperteile wirken beklemmend und heben so die Gefangenschaft innerhalb normativer Strukturen hervor.

Mithilfe des 2019 abgeschlossenen Werks „Machine for Restoring Empathy“ konzipierte Kot’átková einen utopischen Gegenentwurf zu den unmenschlichen Auswirkungen unserer gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Das zentrale Werk ihrer Ausstellung ist aktuell in Hannovers Kestnergesellschaft zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Die begehbare Installation präsentiert sich als eine Art lebendiger Organismus. In seiner Gänze lässt sich Kot’átkovás Ausstellung „In the Body of a Fish out of Water“ als Netzwerk begreifen, das auf Fürsorge, Inklusion und Mitgefühl fußt. Innerhalb des Gesamtwerks stehen sich Menschen, Tiere, Pflanzen und Objekte in ihrer Weltlichkeit gleichberechtigt gegenüber. Die Fantasie wird dabei zum mächtigen Moment. von dem ausgehend Veränderungen unserer gesellschaftlichen Lebenswelt möglich sind. So werden innerhalb eines feinen Zusammenspiels aus Objekten, Zeichnungen, Videos und Performances die erlernten und konditionierten Regeln offenbar, die unser aller Denken und Verhalten determinieren und so die Möglichkeit eröffnen, die uns umgebene Welt auf eine andere Weise wahrzunehmen.

Die zweite Ausstellung nennt sich schlicht „Host“ und wurde von dem in London geborenen Künstler Hassan Khan konzipiert. Khan ist Bildender Künstler, Musiker und Schriftsteller und kombiniert innerhalb seiner künstlerischen Praxis Elemente aus Musik, Performance, Bild, Skulptur, Bewegtbild, Installation und Text. In seinen Arbeiten setzt sich Khan mit den Prinzipien, Leerstellen und Energien auseinander, auf denen die Entwicklung von kollektiven Ordnungen und die Hervorbringung eines individuellen Selbstbildes fundieren. Dazu setzt er sich mit den uns vertrauten, gemeinschaftlichen Bedingungen, aber auch mit diffusen und abstrakten, nicht öffentlichen Inhalten auseinander. Khan möchte so Formen produzieren, die unsere Vorstellungskraft anregen oder grundlegen Fragen aufwerfen können.

Seine kreierten Formen dienen als Ventil dessen, was unter der gemeinschaftlichen und individuellen Oberfläche brodelt. Sie werfen bei den Betrachtenden Fragen auf, setzten sich mit Erwartungen auseinander, verführen und entfremden. Khans Formen können und sollen uns dabei helfen, unsere Erfahrungen mit den sich im ständigen Wandel befindlichen Machtstrukturen zu formulieren. Seine Ausstellung basiert auf einem System von Assoziationen, in dem seine Werke durch einen zwar gegenwärtigen, aber manchmal auch unsichtbaren Faden verbunden sind. Die Bestandteile von Khans Ausstellung sind zwischen 1997 und 2019 entstanden und setzen sich aus computergenerierten Bildern, sowie digitalen Illustrationen und programmiertem Licht zusammen. Für die Ausstellung in der Kesntergesellschaft wurden die Installationen „Host“ und „2013“ entwickelt.

Freitag, 13. Dezember 2019:
Eva Kot’átková: „In the Body of a Fish out of Water“ und Hassan Khan: „Host“, Ausstellungen, Goseriede 11, 30159 Hannover, geöffnet: 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei

  • Die Ausstellungen laufen noch bis zum 9. Februar 2020
  • Öffnungszeiten: Di-Mi und Fr-So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr, Mo geschlossen
  • Eintritt: 7 Euro, ermäßigt: 5 Euro, freitags frei

(Foto: Pressefoto/Kestnergesellschaft/Courtesy: Eva Kot’átková, Meyer Riegger Berlin/Karlsruhe)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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