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Wenn Worte Distanz schaffen

Seitenansicht: „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong

Ein Debüt, das riesige Wellen schlägt: Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“, Buchcover

Kaum ein anderes Debüt wurde 2019 so begeistert aufgenommen, wie jenes von Ocean Vuong. Selbst Hollywood-Ikone Reese Witherspoon, die einen eigenen Buch-Club besitzt, wurde mit einem Exemplar des Romans unterm Arm auf den Straßen der Traumfabrik gesichtet. Für den 1988 im vietnamesischen Saigon geborenen Schriftsteller und Lyriker eine große Ehre, wie er auf seinem Instagram-Account bekanntgab. Über seinen Erfolg staunt er scheinbar selbst am meisten. Unzählige Nachrichten, die ihn erreichen, loben ihn. Junge Talente wollen ihn als Mentor, andere einfach als guten Freund. Vuong selbst schätzt sich nach eigenen Angaben allerdings als sehr langweilig ein. Dabei war sein Weg alles andere als einfach oder geradlinig. Erst mit elf Jahren lernte er lesen und schreiben. Als erster in seiner Familie. Alles, was er bisher erreicht hat, weiß er zu schätzen – und das bekundet er immer wieder. Und es scheint fast genau diese Bescheidenheit und Bodenständigkeit zu sein, die ihn nicht nur sympathisch macht, sondern auch sein gesamtes Werk bis an die Bestseller-Listen getrieben hat.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein Brief in Roman-Länge, der sich an die Mutter des Protagonisten Little Dog richtet. Little Dog ist mit seiner Mutter, seinen Tanten und seiner Großmutter aus Vietnam in die USA übergesiedelt. Im Gepäck der Traum von einem besseren Leben. Schließlich war bereits seine Mutter ein Produkt des Vietnam-Kriegs, die Tochter eines US-Soldaten. Aber der Neustart birgt ungeahnte Hindernisse. Niemand aus der Familie besitzt eine Schulausbildung, niemand kann lesen oder schreiben und gerade die Wahl der Brief-Form als Kommunikation scheint den Jungen noch mehr von seiner Familie zu entfernen: „Ma, ich schreibe, um dich zu erreichen – auch wenn jedes Wort auf dem Papier ein Wort weiter weg ist von dort, wo du bist.“ Seine Mutter wird von ihrem Lebensgefährten fast totgeschlagen und kann nur durch die verzweifelten Schreie der Großmutter gerettet werden. Die Großmutter wiederum verliert mit zunehmendem Alter deutlich an Verstand, man tippt auf Schizophrenie. Dennoch versucht sie sich, während die Mutter von Little Dog ihr Geld in einem Nagelstudio verdient, so gut es geht um ihren Enkel zu kümmern. Little Dog hadert mit seinem Dasein im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er ist dünn, klein, sensibel und schüchtern und die Welt um ihn herum laut und voller Gewalt. Völlig hilflos ist er dem Mobbing in der Schule ausgesetzt. Zu Hause leidet seine Mutter unter einem tiefen Gewalt-Trauma und lässt ihre Erfahrungen wiederum an ihrem Sohn aus. Sie liebt ihn, ja, aber dennoch schlägt sie ihn. Little Dog versucht das alles so gut es geht, zu verstehen. Vuong zeichnet so ein Bild der Post-Vietnamkriegs-Generation, das es bis dato in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Als Little Dog schlussendlich auch noch merkt, dass er schwul ist, befürchtet er, dass sein Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird. Trotz aller Befürchtungen und Schamgefühle beginnt er aber, seine Sexualität auszuleben und verliebt sich in den älteren Trevor, der sich mit seiner Homosexualität noch deutlich schwerer tut als er selbst. Gemeinsam erkunden sie die zarten Gefühle füreinander, bis Little Dog aufs College gehen kann. Man mag nun an ein Ende ohne Schrecken denken, aber wie viele andere seiner Bekannten und Freunde verliert Little Dog auch Trevor an die Drogensucht. Viel Stoff für einen jungen Mann, dessen Familie mit so vielen Träumen in die USA gekommen war. Inwiefern „Auf Erden sind wir kurz grandios“ Fiktion oder Autobiographie ist, kann nicht gesagt werden. Vuongs Debüt weist aber Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben auf. Denn gegen die Drogen hat er lange Zeit selbst kämpfen müssen und seine Homosexualität versteckt er ebenfalls nicht. Fraglich ist jedoch, ob eine Übereinstimmung von Autor und Protagonist für das Werk überhaupt von Belang ist.

Gemessen an der Fülle von Ereignissen, die in „Auf Erden sind wir kurz grandios“ verarbeitet werden, ist es schier unglaublich, dass Ocean Vuong allen Brennpunkten seiner Geschichte gerecht geworden ist. Aber es ist ihm tatsächlich geglückt. Mit einer intensiven Poesie wandert er zwischen den Zeiten und Generationen hin und her und zeichnet damit das Bild von Leben, die trotz oder gerade wegen der durchlebten Miseren grandios waren und sind. Kein einziger Satz verfehlt seine Wirkung, alles ist verdichtet. Da Vuong zuvor im Original mit „Night Sky With Exit Wounds“ einen Lyrik-Band veröffentlicht hatte, der bereits immense Wellen schlug und im Februar nun auch auf Deutsch im Hanser Verlag erscheint, ist es nicht verwunderlich, dass er ein bestechend gutes Talent für Poesie hat. Aber anders als viele andere junge Autorinnen und Autoren verfällt er dabei nicht in leere Phrasen oder nervige Befindlichkeit, sondern beschreitet weiterhin den Weg, wohl einer der nächsten großen Poeten Amerikas zu werden. Um dies zu unterstreichen, wird die heutige Seitenansicht mit meiner Lieblingsstelle aus Vuongs Debüt geschlossen: „Erinnerst du dich an den glücklichsten Tag deines Lebens? Oder den traurigsten? Hast du dich jemals gefragt, ob sich Traurigkeit und Glück verbinden lassen, sodass ein tiefviolettes Gefühl entsteht – weder gut noch schlecht, aber verblüffend einfach, weil du nicht auf der einen oder anderen Seite leben musst?“

Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“, 240 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446263895, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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