Susanne Viktoria Haupt
3. Januar 2020

Antanzen!

Das Theater an der Glocksee sucht mit seiner neuen Inszenierung „Was Du nicht sagst!“ nach den Grautönen in unserer Gesellschaft

Regisseur Jonas Vietzke fordert für „Was Du nicht sagst!“ den Gut-Böse-Dualismus zum Tanz auf: Szenenfoto

Eine von mir geschätzte Bloggerin aus Paris hat sich unlängst negativ über den Streik in der französischen Hauptstadt geäußert. Sie war es einfach leid, dass sie zu Meetings entweder zwei Stunden Gehweg einplanen musste oder aber Meetings abgesagt wurden. Durch die vielen Radfahrer, die offenkundig in Eile sind, käme es vermehrt zu Unfällen. Ihr Sohn konnte einige Tage nicht zur Schule gehen und müsste vieles aufholen. Und sowieso seien die Menschen mittlerweile sehr schlecht gelaunt. Für ihren Post erhielt sie viel Beifall, aber auch viel Kritik. Wer sich gegen den Streik richtet, der doch ganz im Namen der Égalité sei, wäre nahezu für Volksverrat und man könne gleich beim König im Elysee Schuhe putzen gehen. Der Part, in dem sie durchaus Solidarität mit allen Streikenden bekundet hatte, ging leider unter. Für einige steht sie nun unwiderruflich auf der Seite von Macron, ob sie will oder nicht. Und wer auf der Seite von Macron steht, ist nun mal böse.

Nur ein Beispiel. Denn wir haben es mittlerweile mit Schwarz und Weiß. Dazwischen gibt es nichts, keine Fifty Shades of Differenzierung. Wir reagieren auch im Alltag mittlerweile so schnell wie in den Sozialen Netzwerken. Like oder Dislike, das ist hier die Frage. Man überfliegt, überhört und schon sitzt die eigene Meinung fest wie in Beton gegossen. Ein Gut-Böse-Dualismus, der sich höchstwahrscheinlich noch weiter verschärfen wird. Auf einmal fragt man sich wirklich, was man noch sagen darf, wo doch alle jetzt ganz schnell einen Schubladen-Platz zugewiesen bekommen.

Das Theater an der Glocksee hat sich dieses Dualismuses angenommen und daraus den Gesellschaftstanz „Was Du nicht sagst!“ inszeniert. Hier steppen die vermeintlich Guten und Bösen gemeinsam und suchen zwischen all dem Links und Rechts nicht nur den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern auch noch einen gesellschaftlichen Kompass, der irgendeine Richtung angeben könnte. Im besten Falle funktioniert das wie auf der Tanzfläche zwischen 1 und 2 Uhr nachts, wenn man leicht in Ektase, aber noch nicht völlig demontiert ist. Wenn der Mut eben am größten ist, jemanden anzutanzen und sich tatsächlich auf den Gegenüber einzulassen.

Freitag, 3. Januar 2020:
„Was Du nicht sagst!“, Theaterstück von Jonas Vietzke, Theater an der Glocksee, Glockseestraße 35, 30169 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 14 Euro, ermäßigt: 10 Euro

  • weitere Vorstellungen:
  • Samstag, 4. Januar, 20 Uhr
  • Mittwoch, 8. Januar, 20 Uhr
  • Mittwoch, 22. Januar, 20 Uhr
  • Freitag, 24. Januar, 20 Uhr
  • Samstag, 25. Januar, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Theater an der Glocksee/Jonas Wömpner)

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Kategorien: Bühne, Politik, Tagestipps

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