Sebastian Albrecht
18. Dezember 2019

Vergessene Kunst

Im Sprengel Museum ist seit diesem Monat eine Ausstellung des in Vergessenheit geratenen Künstlers Jussuf Abbo zu sehen

Abbo, Ohne Titel, 1921

Jussuf Abbos Zeichnungen hängt meist etwas Flüchtiges an: ohne Titel (Kopf mit erhobener linker Hand), 1921

Weshalb mit der niedersächsischen Landeshauptstadt häufig Langeweile und eine gewisse Piefigkeit verbunden wird, kann ohne die Kenntnis genauerer Studien dazu nicht beantwortet werden, ohne sich in Mutmaßungen zu ergehen: Liegt es am ortsansässigen Fußballverein? Dabei gibt es überraschend viele deutsche Großstädte, deren Clubs sich biederes und uninspiriertes Gekicke leisten. An der austauschbaren und tristen Fußgängerzone, in die man gleich vom Hauptbahnhof geleitet wird? Ebenfalls kein Alleinstellungsmerkmal Hannovers. Oder gar an den Scorpions? Hier mag im ersten Augenblick ein Kopfnicken angebracht sein, doch auch andere Städte hierzulande sind musikalisch bei weitem nicht so unschuldig, wie sie vorgeben. Hannover ist zwar nicht Hamburg oder Berlin und ganz sicher nicht Barcelona oder New York, aber eben auch nicht Gießen oder Hildesheim. Hannover hat durchaus Interessantes zu bieten, zum Beispiel historisch: In den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts spielte etwa die Kunstszene der Stadt keine unwichtige Rolle. Der bekannteste Vertreter dieser Zeit dürfte Kurt Schwitters gewesen sein, dessen Gedicht „An Anna Blume“ vermutlich selbst vielen Kunstmuffeln bekannt ist.

Einer von vielen Künstlern in Schwitters Freundeskreis war Jussuf Abbo. Irgendwann zwischen 1888 und 1890 im israelischen Safed geboren, war Abbos künstlerisches Talent von dem deutschen Architekten Otto Hoffmann entdeckt und gefördert worden. Auf Hoffmanns Empfehlung hin ging Abbo 1919 schließlich nach Berlin. Kurz zuvor war er durch das Ende des Osmanischen Reichs staatenlos geworden. Schnell konnte er in der deutschen Metropole Fuß fassen, lernte andere Künstler kennen und stellte seine Kunstwerke in verschiedenen Galerien aus. Doch bald reichte sein Ruf auch über Berlin hinaus. 1921 hatte Abbo seine erste große Einzelausstellung in Hannover. Neben der Ausstellung kaufte der Galerist Herbert van Garvens auch mehrere Werke Abbos und ließ sich von ihm eine Büste anfertigen, Abbo wurde außerdem Mitglied der Künstlergruppierung Hannoversche Sezession. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, endete nicht nur seine künstlerische Karriere, da seine Kunst als entartet galt. Als Jude sah Abbo sich dem Antisemitismus des Dritten Reiches ausgesetzt und flüchte 1935 mit seiner Frau schließlich nach London. Viele seiner Werke mussten in Deutschland bleiben oder wurden erst später nachgeschickt, und so fiel es ihm schwer, sich als Künstler auch in England einen Namen zu machen. 1953 starb er verarmt und nach langer Krankheit in London.

Die Geschichte von Jussuf Abbo ist eine leider vertraute, denn sie wurde vermutlich schon tausende Male erzählt, mit kleinen Variationen hier und da. Viele seiner Werke wurden durch die Nazis – aber auch von ihm selbst aus Enttäuschung im Exil – vernichtet, und dennoch konnte manches an Skulpturen, Büsten, Zeichnungen, Skizzen und Grafiken für die Nachwelt bewahrt werden. 2018 erhielt die Kunststiftung Bernhard Sprengel und Freunde acht Grafiken aus dem Nachlass des Künstlers, dieses Jahr folgten weitere Grafiken, Zeichnungen und Skulpturen für das Sprengel Museum. Mit der Ausstellung zu Jussuf Abbo, die seit dem 4. Dezember in Hannover zu sehen ist, soll Abbos Schaffen aus der Vergessenheit geholt werden. Allein das lohnte einen Besuch. Seine Werke selbst machen es gleich noch lohnenswerter.

Mittwoch, 18. Dezember 2019:
Jussuf Abbo, Ausstellung, Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover, geöffnet: 10-18 Uhr, Eintritt: 7 Euro, ermäßigt: 4 Euro

  • Die Ausstellung ist noch bis zum 29. März 2020 zu sehen
  • Öffnungszeiten: Di 10-20 Uhr, Mi bis So 10-18 Uhr
  • Am 2. Weihnachtsfeiertag ist das Sprengel Museum von 10-18 Uhr geöffnet, an den anderen Feiertagen geschlossen
  • freitags Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Herling/Herling/Werner/Sprengel Museum Hannover/Copyright: Angela Abbo, Brighton)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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