Jörg Smotlacha & Henning Chadde
22. Mai 2010

„Abschweifungsprosa ist die beste Antwort auf die Verknappung von Selbsterlebtem“

Erst kurz dabei und schon mittendrin: Der Autor und Bühnenpoet Robert Kayser gehört mit seinen skurril-aristokratischen Kurzgeschichten zu den Stammgästen der hannoverschen Lesebühnen- und Slam Poetry-Szene. Zeit für ein Interview

Robert Kayser

Robert Kayser – ein Mann mit vielen prosaischen Doppelböden

langeleine.de: Sehr geehrter Herr Kayser, Sie bezeichnen sich selbst als „neu“ in der Hannoveraner Dichterschule. Fürderhin gilt diese ja entgegen vieler anderer Dichterzirkel – man denke beispielsweise nur an Goethes Soirée-Gemeinschaften – als recht zugangsoffen und thematisch wie formalistisch liberal. Wie haben Sie Ihre Aufnahme im Kreise der hannoverschen Dichterschaft empfunden?

Robert Kayser: Sehr herzlich! Sehr angenehme Leute, die Hannoveraner Dichterinnen und Dichter. Letztlich ist es dem Stadtkind-Literaturwettbewerb und vor allem dem Juror Matthias Göke zu verdanken, dass ich Zugang zu diesem erlauchten – aber eben auch recht zugangsoffenen – Zirkel gefunden habe. Matthias war so freundlich, mich zu seiner legendären Lesereihe „Fliegenköpfe“ einzuladen, wo ich eine Dreiminuten-Geschichte über Dörrobst vortragen durfte. Das war im Herbst 2008. Außerdem hat er mich für den ebenso legendären Stadtteil-Slam Linden vs. Nordstadt ins Team Nordstadt berufen. Nur leider gewinnt ja Linden immer.

ll: Sie haben sich ja mit ganzem Herzen der prosaisch-humoristischen Versarbeit und der klassischen Kurzgeschichte verschrieben. Woher rührt diese erzählerische Vorliebe für die königliche Kurzform der Prosa?

Kayser: Faulheit ist – zumindest in meinem Fall – die Mutter der Kurzgeschichte. Für einen Roman fehlt es mir an Selbstdisziplin. Kurzgeschichten wird man auch besser los, zum Beispiel beim Poetry Slam. Beim Slam einen Roman vorzutragen, bis die Moderatoren mich von der Bühne zerren, wäre allerdings schon reizvoll. Ich glaube, ich schreibe doch einen Roman. Damit bereise ich dann alle deutschsprachigen Slam-Bühnen und lese immer dort weiter, wo ich beim vorherigen Slam abgewürgt wurde. Das Ergebnis bringe ich als Hörbuch raus und mache damit nochmal ordentlich Reibach.

Kayser liest

Nicht am Rand, sondern immer voll dabei: Robert Kayser trägt vor

ll: Herr Kayser, wollen Sie uns verraten, wo sie die Inspiration für Ihr dichterisches Œuvre finden?

Kayser: Das weiß ich selbst noch nicht, hoffe aber, sie recht bald zu finden. Bisher gebe ich mangels Inspiration nur Selbsterlebtes wieder, authentisch und unverfälscht. Da ich nicht so viel erlebe, ist das Versiegen dieser Quelle leider absehbar. Spätestens für den Roman wäre Inspiration dann natürlich sehr nützlich.

ll: Welche literarischen Vorbilder und Werke lassen Sie in ihrem Geschmackskanon gelten und warum?

Kayser: Max Goldt als Meister der Abschweifung ist sicher ein Vorbild für mich, weil er aus einer winzigen Prise Selbsterlebtem seitenweise feinste Abschweifungsprosa zaubert. Das scheint mir die beste Antwort auf die Verknappung von Selbsterlebtem zu sein, mit der ich ja auch zu tun habe. Für den Roman würde ich mich dann eher an Georg Klein orientieren. Oder an Daniel Kehlmann, der ist näher am Mainstream und verdient also vermutlich mehr Geld.

ll: Was waren Ihre bisherigen Auftrittsstationen und welche Ihre bisher liebste? Und bitte natürlich ebenfalls: Warum?

Kayser: Wenn ich mich nicht verzählt habe, war der Poetry Slam beim autofreien Sonntag der 21. Auftritt seit meiner Premiere 2008 bei den Fliegenköpfen. Ungefähr die Hälfte davon waren Slams. Meine Lieblingsstation hatte ich ebenfalls in der Reihe Fliegenköpfe, als ich dort im Februar dieses Jahres ganz allein den ganzen Abend schmeißen durfte. Habe mich während der Lesung mit Kräuterschnaps betrunken.

Kayser, Robert

Der Kayser ist’s, der Robert…

ll: Um Ihren Werken Gehör zu verschaffen, nutzen sie ja – Sie erwähnten es gerade – neben der klassischen Lesung ebenfalls die jüngste Form der Bühnenliteratur, den sogenannten Poetry Slam zum Vortrage. Was reizt Sie an dieser modernen Version der landläufigen Dichterschlacht?

Kayser: Ganz pragmatisch: Man muss nicht auf eine Einladung warten, sondern geht einfach hin, liest seinen Text und spart auch noch das Eintrittsgeld. Obwohl ich echt überhaupt keine Rampensau bin, macht es mir Spaß, vor 250 Leuten zu lesen. Gerade bei „Macht Worte!“ in Hannover gibt es ein sehr angenehmes Publikum, das begeisterungsfähig und zugleich anspruchsvoll ist. Gerade was den Anspruch betrifft, habe ich auf anderen Slams auch schon andere Erfahrungen gemacht.

ll: Eine abschließende, aber nicht unwichtige Frage, Herr Kayser: Was dürfen die geneigten Zuhörerinnen und Zuhörer beim Kulturkiosk am 4. Juni von Ihnen erwarten?

Kayser: Wahrscheinlich noch kein Romanfragment. Eher das bewährte Format der Kurzgeschichte, wobei ich mir vorgenommen habe, politischer zu werden. Propaganda von der Bühne runter direkt in die Ohren des Volkes. Das ist die Zukunft.

ll: Herr Kayser, wir danken Ihnen allerherzlichst für dieses Gespräch.

Nicht verpassen:

Der vielbeschäftigte Bon Vivant Robert Kayser gastiert am Freitag, dem 4. Juni, beim Kulturkiosk von langeleine.de und präsentiert Neues aus der hannoverschen Dichterschule.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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