Susanne Viktoria Haupt
26. Mai 2010

“Mein Leben ist ein großes Geschenk für mich”

Der Autor, Kollege und kulturelle Lebemann Jan Egge Sedelies gastiert am kommenden Freitag beim Kulturkiosk von langeleine.de. Ein Interview

Jan Egge Sedelies ist vieles: Journalist, Autor, Aktivist, Moderator, Musiker, Texter, Literaturveranstalter, Poetry Slammer und und und. Eines ist er mit Sicherheit nicht: aus der hannoverschen Kulturlandschaft wegzudenken. Im Gegenteil, gehört er doch mit seinem unermüdlichen Engagement zu den Aktivposten der Landeshauptstadt. Kurz vor seinem Auftritt beim Kulturkiosk von langeleine.de baten wir den Vielbeschäftigten zu einem kurzen Gespräch.

Jan Egge Sedelies

Stets mitten im Geschehen: Jan Egge Sedelies

langeleine.de: Egge, zum Kulturkiosk kommst Du seit langer Zeit mal wieder mit eigenen Texten zur fast klassischen Wasserglaslesung. In der letzten Zeit ist das durch die Beatpoeten eher selten geworden. Warum?

Jan Egge Sedelies: Eigentlich ist das nicht so schlimm. Mit den Beatpoeten haben wir jede Woche ein bis zwei Konzerte, und die Arbeit für die Hannoversche Allgemeine Zeitung kommt noch hinzu. Da bleibt zwar leider wenig Zeit, um eigene neue Texte zu schreiben und Lesungen vorzubereiten, jedoch ist es dann umso schöner, wenn ein Termin ansteht, auf eine Lesung hinzuarbeiten und sich auf sie zu freuen.

ll: Deine Texte sind sehr gesellschaftskritisch und kämpferisch. Hast Du das Gefühl, auf genügend Gehör zu stoßen und etwas zu bewegen?

Sedelies: Das hoffe ich! Man schreibt natürlich in erster Linie für sich selbst, aber eben auch, um Menschen zu berühren. Es ist gut, wenn sie bei Live-Veranstaltungen etwas für sich da herausziehen, etwas für sich mitnehmen von dem Abend. Darüber freue ich mich wirklich sehr.

ll: Wie schätzt Du auf der Grundlage Deines eigenen Engagements die Aktivitäten der derzeitigen Jugendlichen ein?

Sedelies: Ich glaube nicht, dass es unter den Jugendlichen und jungen Menschen dieser Tage weniger Engagement gibt – so wie es von den Medien gerne publiziert wird. Es ist nun mal Mode und Trend, auf die Jugend einzuschlagen. Doch da kommen viele Dinge zusammen. Zum einen ist es auf der hochschulpolitischen Ebene durch den Bologna-Prozess schwieriger geworden, sich politisch einzubringen. Gesamtgesellschaftlich gesehen stehen junge Menschen sehr unter Druck. Sie müssen etliche Pflicht-Praktika absolvieren und sich andauernd rechtfertigen, wenn sie zum Beispiel kein Auslandsjahr gemacht haben. Nichtsdestotrotz gibt es nicht weniger politisches Engagement. Nicht mehr so konfrontativ wie früher, wo die Menschen regelmäßig für Demos auf die Straße gegangen sind. Heute äußert es sich anders. Man achtet auf die Kleidung, die man trägt, auf Fair-Trade-Produkte, ernährt sich mit Bio-Nahrungsmitteln, arrangiert Flashmobs zu aktuellen Themen und versucht, auf die richtigen Partys zu gehen. Trotzdem sind die Medien, wie zum Beispiel bei der Anti-Atom-Kette, regelmäßig überrascht, wenn junge Leute sich engagieren. Als wäre die Anti-Atom-Bewegung jemals weg gewesen. Junge Leute treten heutzutage den Nazis – genau wie früher – immer noch sehr geschlossen entgegen und zeigen dort großartiges Engagement.

Jan Egge Sedelies

Entschlossenheit und Meinung als Charakterzug: Jan Egge Sedelies

ll: Du bist selbst sehr aktiv und vielseitig engagiert. Du schreibst als Journalist und Schriftsteller, moderierst Veranstaltungen und Workshops, bist politisch tätig und als Sänger und Texter bundesweit unterwegs, um nur einige Deiner vielen Schaffensfelder zu nennen. Bleibt zwischen all diesen Aktivitäten noch Zeit für Persönliches?

Sedelies: Das habe ich sehr früh schon sehr einfach gelöst. Zum einen bin ich nach Hamburg gezogen. In Hamburg versuche ich, keine neuen Projekte zu starten, um mir da meine Oase zu erhalten. Dort kennt mich keiner. Natürlich ist das Pendeln auch manchmal mit einem gewissen Stressfaktor verbunden, aber in Hamburg muss ich nicht gleich wieder etwas leisten. Doch auch in Hannover finde ich hervorragend meine Ruhe, suche mir meine eigenen Freiräume, wo ich einfach mal ein Buch lesen oder ein Bier trinken kann. Hier kann ich zum Beispiel bei gutem Wetter sechs Stunden lang in den Herrenhäuser Gärten liegen und entspannen. Oder in die Region rausfahren, nach Lehrte zum Beispiel. Und zur langenleine komme ich auch immer gerne, um einen Kaffee zu trinken.

ll: Als Mensch, der mit seinem Engagement sehr in der Öffentlichkeit steht, bist Du sicherlich auch einem gewissen Erwartungsdruck ausgeliefert. Wie gehst Du damit um?

Sedelies: Das, was ich mache, ist für mich ein absolutes Geschenk. Ich schaffe mir natürlich – wie schon erwähnt – meine Oasen. Aber wenn ich an einem Tag der Woche Zeit für mich selbst habe, freue ich mich an den anderen sechs Tagen, etwas Großartiges zu machen. Es sind schöne Sachen und keinerlei negative Stressfaktoren. Ich darf schreiben, moderieren, Musik machen! Man lernt mit der Zeit, auf Knopfdruck abzuschalten. Wenn ich zum Beispiel nach Chemnitz mit dem Zug fahre, fühle ich mich nicht genervt oder gelangweilt, sondern genieße die vorbeiziehenden Rapsfelder. Ich entdecke viele neue Städte und lerne tolle Menschen kennen. Ich bin mir absolut sicher, dass ich dieses Geschenk auch noch die nächsten zehn bis zwanzig Jahre genießen möchte und auch werde.

ll: Das hören wir gerne! Vielen Dank für das Gespräch.

Nicht verpassen:

Jan Egge Sedelies ist am Freitag, dem 4. Juni, beim Kulturkiosk von langeleine.de zu Gast und präsentiert tiefgründige Agitpop-Texte und Lyriken.

(Foto: Susanne Haupt)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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