Milena Wurmstädt
27. Dezember 2019

Viel Wichtiges zum Fest der Liebe

Urbane Wildkräuter: Am vergangenen Donnerstag stand Hannovers Poetry Slam „Macht Worte!“ ganz im Zeichen der Konsumkritik. Ein Kommentar

Radikal ehrlich und hochpolitisch: Jessy James LaFleur

Im Kulturzentrum Faust fand am 19. Dezember in der letzten Woche vor Weihnachten anlässlich der Geburt Jesu und damit einhergehender historischer Verwicklungen, die bis in die heutige Zeit reichen, ein Poetry Slam statt. Das Thema der Text-Schlacht: Weihnachten und Konsum. Moderiert von Jörg Smotlacha und Henning Chadde war ein wunderbarer Abend mit sanftem Konsumzweifel, extrem politischen Texten und großer Vielfalt zu erleben.

Eingeladen waren fünf Poetinnen und Poeten, die sich im Vorhinein verpflichtet hatten, in der ersten Runde einen Text zum Thema vorzutragen. Dabei heraus kamen Texte, die viel mit Weihnachten und wenig mit Konsum und Kritik daran zu tun hatten. Es ging um schrecklich schöne Familien-Besuche, Hass auf Heuchelei und Selbstdarstellung im Internet, Schnaps-Doping bis zum Erliegen und Gefühle der Verwirrung im Einkaufs-Dschungel. Das war unterhaltsam. Was leider nicht zur Sprache kam, waren Fragen danach, wer konsumieren kann und wer unter welchen Bedingungen all die zu Weihnachten konsumierten Güter herstellt.

Klar, ein Poetry Slam ist keine Anstalt für kritisches Hinterfragen und Weltverbesserung im Allgemeinen und muss es auch nicht sein. Doch dass Thema Konsum und seine Konsequenzen ist nach wie vor aktuell. Denn der Konsum ist in Deutschland nach wie vor steigend. Obwohl die Aufklärung über Konsequenzen für das Klima und vom Aussterben bedrohte Lebewesen weitreichend ist. Obwohl sich diese Konsequenzen gerade enorm verschärfen. Obwohl grüne Themen Mainstream zu sein scheinen. Obwohl die Mehrzahl der Hannoveranerinnen und Hannoveraner sich gerade für einen grünen Bürgermeister entschieden hat. Obwohl der Name „Fest der Liebe“ angesichts der Produktionsbedingungen für die meisten an Weihnachten verschenkten Gaben nur noch zynisch klingt. Um hier nicht weiter über Dinge zu schwadronieren, die hätten gesagt werden können, nun zur nächsten Poetry Slam Runde. Die war nämlich bunter, radikaler und unterhaltsamer als ein linksextremistischer Regenbogen mit außergewöhnlichen Steptanz-Skills.

"Macht Worte!"

Viel Applaus am Ende: das „Macht Worte!“-Ensemble zum Finale der Show

In der zweiten Halbzeit des Slams ging es um persönliche Erlebnisse auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt, um Angst, um lieben als Verb und um Abtreibung. Höchstplatzierte der Runde war Jessy James LaFleur mit ihrer persönlichen Geschichte, in der deutlich wurde, wie schambehaftet das Thema Schwangerschaftsabbruch immer noch in vielen Fällen ist und wie hochaktuell. Es war die Art von Vortrag, nach der offensichtlich einigen Anwesenden Wasser in die Augen stieg. Radikal ehrlich sprach LaFleur über Zwiespälte, erniedrigende Situationen und Verantwortung. Aktuell war und ist das Thema zum einen, weil für viele Frauen immer noch Unterstützung und respektvolle Behandlung in einer solchen Lage keine Realität sind, und zum anderen, weil der tagesaktuelle Fall Hanelt zeigt, wie kompliziert der Zugang und die Bereitstellung von Informationen immer noch aufgrund der Gesetzeslage sind.

Auch in der Finalrunde setzte sich LaFleur mit einem politischen Text durch. Aufhänger war ihr Engagement gegen Rechtsextremismus. Mit viel Emotion und echtem Pathos ließ sie erahnen, wie nervenaufreibend Aktivismus oft ist. Gleichzeitig machte sie deutlich, wie wichtig, aber auch wie umstritten Positionierung und Engagement gegen Rechts aktuell sind. Alles in allem der beste aller hannoverschen Weihnachts-Slams. Nächstes Jahr wieder hinzugehen wird von allen Poetry-Slam-Expertinnen wärmstens empfohlen.

(Fotos: Matthias Stehr)

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Kategorien: Literatur, Politik

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