Matthias Rohl
28. Mai 2010

Filmgeschichte(n): „Memento“

Zuschauer, wo bist Du? Notizen zur Erfindung des „Post-mortem“-Kinos

Bei einem Raubüberfall im eigenen Haus wird die Ehefrau (Jorja Fox) des Versicherungsermittlers Leonard Shelby (Guy Pearce) getötet. Der Täter versetzt Leonard einen schweren Schlag auf den Kopf und flieht unerkannt – seither leidet Leonard unter „anterograder Amnesie“, einer tiefgreifend traumatischen Erschütterung des Kurzzeitgedächtnisses. Doch Leonard will den Mörder um jeden Preis finden und erfindet dazu ein komplexes System der Einnerungsprothesen: beschriftete Polaroids von Menschen und Orten, Notizzettel und vor allem Tätowierungen am eigenen Körper – Telefonnummern, Imperative, Autokennzeichen.

“Memento”, Plakatmotiv

Cineastisches Meisterstück: „Memento“, Filmplakat

Bei seiner detektivischen Odyssee der Synthese von Erinnerungssplittern ist Leonard nicht allein: Da ist zunächst mal Teddy (Joe Pantoliano), ein Polizist, der bereits im Mordfall an Leonards Frau ermittelte, jetzt Drogendealer jagt und nun scheinbar noch einmal seine Hilfe bei der Tätersuche anbietet, Shelbys Gedächtnis-Handicap indes offenbar für seine Zwecke einzuspannen versucht. Und welche zwielichtige Rolle spielt die Kellnerin Natalie (Carrie-Ann Moss), die eine intime Beziehung zu dem Dealer Jimmy alias John G. (Larry Holden) unterhält – und obendrein von Dodd (Callum Keith Rennie) erpresst wird? Kennt sie den Mörder von Leonards Frau? Ist Teddy wirklich Polizist? Mehr und mehr gerät Leonard Shelbys ohnehin fragile Welt bedrohlich ins wahnhafte Wanken. Es scheint, als könne er tatsächlich niemandem mehr trauen – vor allem nicht seinen eigenen Erinnerungen…

Faustische Dekonstruktion

Regisseur Christopher Nolan, der seine rasante Karriere mit dem in Schwarz-Weiß gedrehten Neo-noir-Thriller „Following“ (1998) begann, gelang bereits mit seinem zweiten Film „Memento“ (2000) eine nachhaltige Erschütterung unserer kinematografischen Sehgewohnheiten – und überdies nicht weniger als die Erfindung des „Post-mortem-Kinos“ (Thomas Elsaesser). Seine innovative Kraft liegt besonders in der Radikalität, mit der Nolan alle Gewissheiten filmischer Erzählung multiperspektivisch dekonstruiert. In pluraler Montage wirft Nolan uns Zuschauern in äußerst virtuos zugespitzter Suggestion brisante Fragen auf: Was wäre, wenn der Held seinen – psychoanalytisch gesprochen: symbolischen – Tod bereits überlebt hat? Und ist dies nicht die Umkehrung des Christentums, das die Frage nach dem Überleben des physischen Todes stellt? Ist der Held ein Un-Toter, eine Zombie-Existenz unter dem Regime des Todestriebs? Und im Stile Slavoj Žižeks ließe sich weiter zuspitzen: Wie findet Leonard, das „Schizo-Subjekt“, zum Begehren zurück – wie wird er also wieder „sterblich“, wenn er symbolisch längst gestorben ist?

“Memento”, Szenenfoto

Ist Teddy (Joe Pantoliano) wirklich der, der er zu sein scheint? Leonard (Guy Pearce) kann niemandem mehr trauen

So wirft das cineastische Meisterstück immer neue Fragen auf – und spannt ein Netz schon gewesener Augenblicke, in dessen Fäden der Zuschauer sich sukzessiv verfängt, ohne zur befreienden Gewissheit einer chronologischen Narration zurückzufinden. Und schwingt nicht sogar Goethes „Faust“ in der für den Film Noir typischen Figurenkonstellation mit? Ist Natalie nicht, wie der Filmtheoretiker Thomas Elsaesser nahegelegt hat, Gretchen – also die aus Männersicht „doppelt codierte Frau“ (Femme fatale & gute Kameradin), die den Helden heimlich liebt und sich in letzter Konsequenz für ihn opfert? Fällt Teddy nicht der Part Mephistos zu, der Leonard mit seinen diabolischen Einflüsterungen ins sichere Verderben treibt?

Der Körper als Schauplatz der Schrift

Doch nicht nur in handlungslogischer, sondern auch in struktureller Perspektive muss man die souveräne Konsequenz bewundern, mit der Christopher Nolan nach einer Kurzgeschichte seines Bruders ein Drehbuch entwarf, das die kontingente Komplexität eines „Mindgame Movies“ auf die Spitze treibt. „Memento“ läuft wie ein psychotischer Sprung auf der Zeitachse vor unseren Augen ab – der Film wird uns rückwärts erzählt. Doch damit nicht genug, denn die in Schwarz-Weiß gedrehten Telefongespräche Shelbys – mit wem er da eigentlich spricht, erfahren wir nie – verlaufen chronologisch, während konträr dazu immer wieder eingeblendete Flashbacks das Verstehen der ohnehin jede Linearität sprengenden Ereignisse zunehmend erschweren.

“Memento”, Szenenfoto

Femme fatal: Natalie (Carrie-Ann Moss) hilft Leonard. Vielleicht

Die DVD-Edition des Films „Memento“ bietet ein verstecktes „Special-Feature“, das dem Zuschauer den Genuss des Werks in chronologischer Reihenfolge erlaubt. Die Kinofassung indes konfrontiert uns mit drei Zeit-Dimensionen: zum einen die kausale Umkehr von der Wirkung zur Ursache, zum anderen ein chronologisch linear erzähltes, die Assoziation einer Therapie-Sitzung heraufbeschwörendes Telefongespräch im Voice-over-Stil und dazu überraschende Rückblenden. Leonards tätowierter Körper fungiert in diesem kriminalistischen Verwirrspiel im Geiste Friedrich Kittlers als „Aufschreibesystem“ – die Haut wird zum Aufzeichnungsgerät des doppelten Todes-Traumas: des eigenen symbolischen wie des physischen Todes der geliebten Frau. Doch ereignet sich überdies eine mediale Metamorphose, denn der Körper fungiert in fortschreitender Be-Schreibung auch als Wiedergabegerät: Leonard Shelby wird zum schizoiden Beobachter seines eigenen, im Kurzzeittakt zersplitterten Lebens.

Es konkretisiert sich der Verdacht, dass es sich lohnen könnte, in „Memento“ avancierte Leinwand-Philosophie ersten Ranges zu erblicken. So wie Jacques Derrida einst mit seiner berühmten Wort-Neuschöpfung der „différance“ die Suche nach der Ur-Schrift als komplexe Verschachtelung von Verräumlichung und Verzeitlichung entlarvte, so gilt für Leonard Shelby wie für uns Zuschauer: Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit. Memento = Erinnere Dich! Die Frage ist ganz ohne Gedächtnis nur: wie?

nächste Folge:
„Minority Report“
Ist unser Wille frei? Über Science-Fiction, Philosophie und die Mode der Gehirnforschung

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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