Cosma Jo Gagelmann
17. Januar 2020

„Ich bin ein großer Fan von meinem Instrument“

Der hannoversche Poetry Slammer Johannes Berger ist momentan als Rapper Yunus auf „Es ist nicht das, wonach es aussieht, Mutter“-Tour. Ein Interview über seine Musik

Johannes Berger

Johannes Berger alias Yunus: ein außergewöhnlicher Mensch

langeleine.de: Warum der Name Yunus?

Yunus: Das ist tatsächlich mein bürgerlicher Name. Ich heiße Johannes Simon Yunus. Ich bin in Istanbul geboren, weil meine Eltern zu dem Zeitpunkt meiner Geburt dort gearbeitet haben. Yunus ist ja ein türkischer Name, den haben sie mir dann mitgegeben. Danach bin ich in der Nähe von Berlin und München aufgewachsen.

ll: Du bist ein erfolgreicher Poetry-Slammer. Was ist Dir wichtiger: die Musik oder das Schreiben?

Yunus: Beides ist mir gleich wichtig. Wobei der Fokus momentan schon deutlich mehr auf der Musik liegt. Seit anderthalb Jahren mache ich deutlich weniger Poetry Slam, ich werde zwar nicht aufhören, aber die Musik steht ganz klar im Vordergrund.

ll: Wann hast Du angefangen, Bratsche zu spielen?

Yunus: Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Geige zu spielen und mit 14 bin ich auf Bratsche umgestiegen.

ll: 2012 hast Du angefangen zu slammen. Wann hast Du angefangen, Songs zu schreiben?

Yunus: Ich habe relativ spät angefangen zu schreiben, erst mit 16, 17 Jahren. Aktiv an Texten arbeite ich seit 2011 und habe dann auch angefangen mit Poetry Slam. Das hat die Musik aber auch sehr gefördert. Ich hab deutlich mehr Slam-Texte als Lieder geschrieben, obwohl ich vorher angefangen habe zu rappen. Es ist irgendwie alles gleichzeitig passiert.

ll: Also war es nicht so, dass Du keine Lust mehr auf Poetry Slam hattest und deswegen mit der Musik angefangen hast?

Yunus: Tatsächlich habe ich schon immer mehr Musik gemacht. Doch beim Poetry Slam kommt man leichter an Auftritte und ich bin da so reingerutscht und habe dann Blut geleckt, weil man da viel auftreten und touren kann. Wenn man so 17, 18 ist, kann das schon sehr aufregend sein. Diese Wettkämpfe, wenn du dann Sachen gewinnst, pushen das Ego und du kannst in großen Theatern auftreten. Mit der Musik ist das ein deutlich längerer Weg. Beim Poetry Slam hat man immer nur so fünf bis sieben Minuten Zeit für seinen Text, das schränkt einen in der Ausdrucksform ein. Bei Musik sind eigene Konzerte spannender, du hast dann eine Stunde oder mehr Zeit, um den Leuten mehrere Facetten von dir zu zeigen.

ll: Warum hast Du Dich damals für die Bratsche entschieden?

Yunus: Ich „musste“ ein Instrument lernen und hab mich damals für die Geige entschieden. Es kam dann so, dass ich in einem Orchester gespielt habe und in einem höherem Orchester hat noch eine Bratsche gefehlt, weil nicht so viele Leute Bratsche spielen. Mein Lehrer hat mich dann einfach überzeugt, das zu spielen. Inzwischen bin ich sehr froh, weil ich ein großer Fan von meinem Instrument bin.

ll: Warum bist Du nach Hannover gezogen?

Yunus: Eigentlich nur wegen des Studiums. Bei einem Musikstudium ist es so, du bewirbst dich und hast Aufnahmeprüfungen. Man kann es sich meistens nicht so richtig aussuchen, und wenn man einen Platz bekommt, nimmt man den halt an. Nachdem ich die drei Aufnahmeprüfungen gemacht habe, hat es mich aber sehr gefreut, dass Hannover geklappt hat. Von vorne herein hab ich mich hier sehr wohlgefühlt. Ich kann bei Städten immer relativ schnell sagen, ob ich mich da wohlfühle oder nicht. Es hat dann relativ schnell gepasst, mein Bruder hat hier auch schon gearbeitet. Die ersten zwei Jahre, die ich hier gewohnt habe, war Familie auch ein ausschlaggebener Punkt. Ich habe mich wohlgefühlt, weil schon jemand da war, den ich kannte.

ll: Wann bist Du nach Hannover gezogen?

Yunus: 2013, dann habe ich hier studiert und hatte 2018 mein Bachelor-Abschlusskonzert im Theater am Küchengarten. Ich hab eigentlich schon immer Musik gemacht, Poetry Slam war aber halt präsenter, weil es erfolgreicher war. Vor zwei Jahren habe ich die Musik intensiviert.

ll: Weshalb hast Du Deine EP „Es ist nicht das, wonach es aussieht, Mutter“ genannt?

Yunus: Der Titel entstand so: Meistens trügt der erste Eindruck von mir, weil Leute mich oft anders einschätzen, als ich eigentlich bin. Ich sehe nicht unbedingt aus wie jemand, der HipHop macht. Meine Mutter hat ein Bild vom Hiphop, welches allgemein so vermittelt wird, aber ich rappe jetzt ja nicht nur über Bitches. Das war der Kontrast, den ich darstellen wollte.

ll: Kannst Du mir was zu der Entstehung der einzelnen Songs erzählen?

Yunus: Ironie ist ein Mittel, das ich viel benutze. Auch Sarkasmus, Sarkasmus ist ja Ironie, die ein bisschen mehr wehtut. Ich fang mal von vorne an: „Eminem“ ist sozusagen die Einordnung in dieses HipHop-Ding, damit spielen, wie die Leute mich wahrnehmen. Auf den ersten Blick bin ich ja jemand, der sehr brav wirkt, was nicht unbedingt der Fall ist. „Mon Amour“ ist einfach eine Verarbeitung von Liebe, Beziehung und diesem romantischen Bild von Paris, was hier so ein bisschen ad absurdum geführt wird. Es ist eine Beschreibung von einer Beziehung, die gerade an einem sehr schlechten Punkt steht. „Tapetenwechsel“ ist dann eine ironisierte Aufarbeitung von so etwas. Bei Instagram und Co., wenn Leute sich trennen, kriegt man ja schnell mit, dass alle immer direkt sagen: „Hey mir gehts voll gut“. Sie müssen sich nach außen bei Social Media so präsentieren, als ob es ihnen gut geht. Das ist der Witz an dem Song: Ich sage, dass es mir megagut geht, aber in einzelnen Zeilen merkt man, dass es mir gar nicht gut geht. „Bitte-Danke“ ist eine Auseinandersetzung mit Höflichkeitsfloskeln und dem Konstrukt Höflichkeit. Man muss immer „Bitte“ und „Danke“ sagen, dankbar sein, auch wenn es selbstverständlich sein sollte. Man wird sehr schnell als unhöflich abgestempelt, wenn man dem nicht entspricht. „Lila Scheine“ ist ein Rollenspiel, ich parodiere nichts, sonst wäre der moralischer Zeigefinger schlecht, sowas will niemand hören, denn es gibt nicht nur schwarz und weiß. Ich hab beschlossen, in dem Song die andere Seite einzunehmen. Man merkt, ich kritisiere es, spreche es aber nie aus. Bei dem Video gibt es auch keinen ironischen Bruch. Am Ende bin ich bei den Autos und steige nicht auf ein Fahrrad und fahre davon. Ich will eine klare Rolle einnehmen, die nicht unbedingt meine ist.

ll: Was halten Deine Eltern von Deiner Musik? Wie stehen die dazu?

Yunus: Meine Eltern finden das gut. Die verstehen zwar nicht hundertprozentig, was das jetzt genau ist, aber sie können das wertschätzen und sind sehr unterstützend. Wenn ich andere Musik machen würde, also Pop oder Folk, ginge es genauso darum, von was ich mal leben will, nicht nach dem Motto: „Deine Songs sind blöd.“ Die Diskussion über Geld ist aber völlig gerechtfertigt, darüber kann man ja auch mal reden.

ll: Was sind Deine Ziele für dieses Jahr?

Yunus: Also, ich möchte erstmal die Tour gut zu Ende bringen. Ich hatte jetzt ja schon vier Konzerte und es kommen noch fünf. Dann ist noch nicht ganz klar, in welcher Form neue Songs kommen, aber es gibt viel neues Material, ich habe sehr viel geschrieben und viel in der Hinterhand. Im Laufe des Jahres, vielleicht auch schon im Frühjahr, wird neue Musik veröffentlicht. Es kommt auf alle Fälle noch mehr.

ll: Du hast mal auf Instagram gesagt, dass Du auf der Tour auch neue Songs präsentierst.

Yunus: Ja, die neue EP hat ja nur fünf Songs, dann gibt es noch eine alte EP, die ist etwas anderes, denn die letzten zwei Jahre waren eine Findungsphase. Für mich persönlich ist „Es ist nicht das, wonach es aussieht, Mutter“ die erste „richtige“ EP. Ich spiele die Songs davon, neue Songs mit Live-Sessions und eine ganze Menge unveröffentlichtes Material.

ll: Wo siehst Du Dich in 10 Jahren?“

Yunus: Wenn alles nach Plan läuft, sehe ich mich als Musiker, der von seiner eigenen Musik leben kann, Touren spielt, Songs veröffentlicht und auf Festivals auftritt. Je größer, umso besser!

ll: Möchtest Du unseren Leserinnen und Lesern noch etwas sagen?“

Yunus: „Kommt alle zum Konzert in Hannover, es wird sehr gut, es wird sehr sehr gut!“

Yunus: „Es ist nicht das, wonach es aussieht, Mutter“ – Tour
Samstag, 18. Januar 2020, 20 Uhr
VVK: 8 Euro, AK: 10 Euro
Kulturzentrum Faust, Mephisto, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover

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(Foto: Anna Niedermeier)

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Kategorien: Menschen, Musik

Ein Kommentar

  1. Beyza sagt:

    Ein ganz großes Lob an dich Cosma, ist ein tolles Interview geworden!!!

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