Jan Egge Sedelies
29. Mai 2010

Die Sehnsucht nach Natürlichkeit

Lena ist ein Gewinn für uns alle. Da braucht sie den Eurovision Song Contest nicht auch noch zu gewinnen. Ein Einwurf von unserem Mann in Oslo

„Den Hype habe ich nicht gemacht. Den Hype haben die Medien gemacht“, sagte Lena Meyer-Landrut in der ersten Pressekonferenz, die sie am vergangenen Sonnabend in Oslo gab. Die Hannoveranerin war einen Tag zuvor in der norwegischen Hauptstadt angekommen, hatte die ersten Proben für den 55. Eurovision Song Contest hinter sich und stellte sich nun erstmals den Medienvertretern. Sie fühle sich wohl. Es mache ihr Spaß. Alles dufte, soweit.

Lena singt

Lena, wie man sie kennt und liebt – live und deutlich unverkrampft

Natürlich fragen die Reporter trotzdem nach. Nach Familie, nach Lenas Tätowierung, nach ihrem Männergeschmack. Sie fragen bei der Pressekonferenz, beim feierlichen Empfang im Osloer Rathaus, in dem neulich noch Barack Obama mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, fragen während eines Segeltörns auf dem Oslo-Fjord und beim Empfang der deutschen Botschaft auf einem Schiff der Color-Line-Reederei. Keine Party, keine Gelegenheit, kein Schritt ohne Fragen, Fragen, Fragen. Selbst als Lena im Osloer „Euroclub“ auf der Bühne steht, wird sie vom Bühnenrand noch angesprochen, was das Abi mache. „Wollen wir über das Abi reden? Nein, wollen wir nicht!“, ruft Lena und singt weiter.

Faszinierende Geschichte eines modernen Märchens

Lena gewinnt, jeden Tag. Die Herzen der ungeduldigen Journalisten, die Herzen der Fans und die Herzen der Skeptiker, die zumindest anerkennen, wie gut die Schülerin dieses Massenspektakel mit mehr als 2800 akkreditierten Medienvertretern durchhält. Nach ihrem Sieg in der TV-Castingshow „Unser Star für Oslo“ hat der Druck immens zugenommen. Und die mittlerweile 19-jährige Hannoveranerin begegnet ihm, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Beeindruckend. Der Eurovision-Kommentator Peter Urban kann sich nicht erinnern, dass ein Grand-Prix-Star jemals so schnell für so viel Aufsehen gesorgt hat. Sie spreche alle Schichten und Altersgruppen an. Ihr Bekanntheitsgrad sei nah an jenem von Franz Beckenbauer – und dabei kannte sie im Januar noch niemand. Es ist die faszinierende Geschichte eines modernen Märchens. Es ist die Geschichte von einer, die auszog, um Deutschland zu verzaubern. Eine Geschichte über Medien und Menschen und ihr Zusammenspiel, eine Geschichte, die Mut machen könnte, an seine Träume zu glauben – und auch an ihnen festzuhalten, wenn die Aufgabe immer schwieriger wird.

Rückblick

Anfang Februar 2010 war Lena Meyer-Landrut noch nicht der „Satellite“-Superstar Lena, der drei Singles in den Top 5 hatte, dazu ein Album, das sofort auf Platz eins der Charts einstieg und eine nationale Aufgabe. Sie war die 18-jährige Schülerin aus Misburg, die versuchte auf der IGS Roderbruch ihr Abitur zu schaffen. Sie feierte gern bei Elektro-Partys in der Faust und der Glocksee, lernte in der Freizeit tanzen und arbeitete mit Gelegenheitsauftritten im Trash-TV an ihrem Traum der Schauspielerei. Doch plötzlich, ganz am Ende der ersten, etwas langweilig geratenen Ausgabe von „Unser Star für Oslo“ betrat sie die Bühne, sang einen eher unbekannten Titel von einer noch unbekannteren Sängerin namens Adele und verzauberte eine ganze Nation. Westernhagen bis Raab erlagen ihrem Charme, die Show wurde zur Zeitfrage, wann sie endlich loslegen kann. In Köln setzte sie sich schließlich gegen die Durstis und Jennifer Brauns dieser Welt durch. Nicht auszudenken, Deutschland hätte sich mit einer Jennifer Braun vor 120 Millionen Zuschauer weltweit in Oslo präsentiert! Es bleibt abzuwarten, ob es Raab auch für das nächste Jahr gelingt, eine Lena aus dem Hut zu zaubern.

Lena in Pose

Zuhause zwischen Kamera-Posing und Natürlichkeit: Lena

Für Lena, dem klugen und bürgerlichen Gegenentwurf zu all den Stars, die Dieter Bohlen für Deutschland sucht – und immer nur kurzzeitig findet -, begann mit ihrem Sieg bei „Unser Star für Oslo“ die Karriere erst richtig. Und während mancher Mensch allein am Druck der Öffentlichkeit gescheitert wäre, machte sie ihr Abitur und veröffentlichte ein erstes Album. Ihr Privatleben versucht die 19-Jährige dabei so gut es geht geheim zu halten. Doch für den Boulevard wurde sie damit erst richtig interessant. RTL fand Nacktaufnahmen von Lena im hauseigenen Fundus, Bild spürte den Vater auf, der Lena zuletzt gesehen hat, als sie zwei Jahre alt war. Erstaunlich: Der Mann macht zwei große Geschichten mit dem Springer-Blatt und sagt darin, dass er nicht Trittbrettfahrer werden will, lässt sich aber trotzdem gern mit seiner Band abbilden. Lena dankt es diesen Medien auf ihre Art. Auf die Familienfrage in Oslo angesprochen, macht sie nur: „Nöööööööööt!“ Und Raab sagt: „Man muss nicht jeden Scheiß beantworten. Da muss Frauke Ludowig mal ohne den Käse auskommen und Ihr müsst Euch etwas anderes aus der Nase ziehen.“ Und man merkt dem TV-Moderator an, wie er sich freut, einen Präzedenzfall geschaffen zu haben: Man kann auch ohne RTL und Bild ein Superstar werden.

Initialzünderin unserer Herzen!?

Für Lena soll es nach dem Eurovision Song Contest weitergehen. Sowohl die Raab-Produktionsfirma Brainpool als auch die heimischen Konzertveranstalter sagen ihr eine steile Karriere voraus. Die konkreten Tour-Planungen gehen im Juni los. Und man fühlt sich ein wenig an Stefanie Heinzmann und Max Mutzke erinnert. Mutzke selbst hatte erst neulich erklärt, dass der ganze Lena-Rummel ihn überhaupt erst bewogen hat, wieder live aufzutreten. Am Sonnabend tritt er in Hannover auf dem Trammplatz auf, bei der großen Public-Viewing-Party zum Eurovision Song Contest vor dem Neuen Rathaus. Und vielleicht ist es genau das, was Lena eigentlich in Gang gesetzt hat: Man identifiziert sich mit ihr, besinnt sich in einer Welt voller Oberflächlichkeiten auf die eigene Natürlichkeit, bewundert sie für ihre Kraft und Klugheit und wünscht sich, ein wenig davon haben zu können. Und so ist Lena vielmehr Projektionsfläche vieler Sehnsüchte als Popstar. Sie wird zu jemandem von uns. Und hält es aus. Dafür braucht sie nicht zu gewinnen. Das haben wir alle längst.

Samstag, 29. Mai 2010:
55. Eurovision Song Contest, Oslo, Beginn: 21 Uhr, Berichterstattung für Daheimgebliebene auf der ARD ab 18.45 Uhr

Mittendrin, statt nur dabei – unser Mann in Oslo im Netz:
Die Geschichte von Egge und Lena

Finde unseren Mann in Oslo:
www.spiegel.de

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Menschen, Musik, Tagestipps

6 Kommentare

  1. chris sagt:

    wahr gesprochen und wohlfeil formuliert!

  2. Shelly sagt:

    Sehr schöner Artikel. Danke. Gehe mit fast allem konform.
    Nur, dass Max sich meines Wissens dahin gehend geäussert hat, dass er sich dieses Jahr das erste Mal wieder den ESC ansehn wird. Er tritt immer wieder live auf. So erst gestern beim Jazz-Festival in Mülheim/Ruhr mit Klaus Doldinger. Übrigens bringt er Ende August/Anfang September sein 4. Album heraus.

  3. egge sagt:

    @ shelly: danke & da hast du recht. lena hat max nicht dazu bewogen live aufzutreten, sondern sich nach sechs jahren wieder den grand prix anzuschauen. hatte mich auf diese dpa-meldung bezogen:
    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=frei&itemid=10990&detailid=740694

    danke für den hinweis!
    egge

    ps: jetzt aber los zur telenor arena. aftershowparty ist übrigens im radissonhotel. juchu!

  4. oce sagt:

    Lena macht ein bisschen Frieden! ein wirklich verdienter Sieg für Deutschland mit einem echt klasse Song und Lena ist einfach Super sympathisch. Toll gemacht… Glückwunsch!!!

  5. Martin sagt:

    Das war ein unvergesslicher Abend. Ich schaue mir Ihren Auftritt auch nach über einem Jahr immer wieder gerne auf Youtube an

  6. J_easy sagt:

    Lenas Karriere hat sich entschleunigt. Aber Sie hat weiterhin viele Anhänger, wird als Vorbild gesehen und macht Ihr Ding.
    Bin auf das kommende Album gespannt!

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