Susanne Viktoria Haupt
18. Februar 2020

Die griechische Heldin des zivilen Ungehorsams

Mehr als nur eine Schul-Lektüre: Im Rahmen der „Feinkostcomix“-Reihe ist heute Olivia Viewig mit ihrer Version von „Antigone“ bei Feinkost Lampe zu Gast

Gilt als einer der erfolgreichsten Comic-Künstlerinnen Deutschlands: Olivia Viewig

Ach, wie ist das schön. Immer mehr rückt die Comic-Kunst in den öffentlichen Fokus. Immer mehr deutsche Kunst- und Kulturwissenschaftler beschäftigen sich mit dem Medium, das auf wunderbare Weise Erzählkunst mit Bildender Kunst vereint. Es muss eben nicht immer Picasso oder van Gogh sein. Es muss kein Öl oder Acryl sein. Die narrative Leistung eines Comics ist immens und dank der stetig wachsenden Fan-Gemeinde von Graphic Novels steigt auch hierzulande das Niveau. Nun hat sich eine der derzeit erfolgreichsten deutschen Comic-Künstlerinnen, Olivia Viewig, einem antiken Stoff angenommen und zeigt, dass einige Mythen zeitloser Natur sind. In diesem Falle handelt es sich um „Antigone“, und ich oute mich direkt hier als großer Fan der griechischen Tragödie. „Antigone“ war für mich der Auslöser, um in der Oberstufe einst einen hermeneutischen Vergleich des Stoffs bei Sophokles und Jean Annouilh zu schreiben. Wer keine Hobbys hat, macht eben so etwas. Aber Antigone war nun mal eine echte Heldin des zivilen Ungehorsams. Obgleich es ihr verboten war, bedeckte sie die Leiche ihres Bruders Polyneikes, der in Ungnade gefallen war, mit Erde. Und zwar nicht nur einmal. Diese unerlaubte Bestattung brachte nicht nur ihr, sondern der gesamten Königsfamilie eine bühnenreife Tragödie ein. Das Umdenken erfolgte auch, aber wie es nun mal bei griechischen Dramen meist der Fall war, matürlich viel zu spät.

Mit ihrer Interpretation von „Antigone“ unterstreicht Olivia Viewig deren zeitgneössischen Charakter

Noch bis heute sind Tyrannei, herrschaftliche Willkür und ziviler Ungehorsam relevante Themen. Wann sollte man sich erheben und was sollte man riskieren? Wie weit darf man gehen und wie sollte man sich in der herrschenden Position verhalten? Darüber, so meine Vermutung, wird sich viel zu selten Gedanken gemacht. Olivia Viewig will mit der zeitgenössischen Comic-Darstellung Antigones den ungerechtfertigten Staub vom griechischen Drama klopfen und eben vor allem seinen zeitgenössischen Charakter unterstreichen. Viewig selbst ist vor allem für ihre Wandelbarkeit bekannt. Ihren künstlerischen Ursprung hatte sie zunächst im Manga, mit der Zeit, vor allem auch durch ihr Studium an der Bauhaus-Universität, wurde ihr Stil jedoch skizzenhafter und individueller.

Den Hang zu bereits bestehenden Stoffen hat sie bereits mit ihrer Interpretation von „Huck Finn“ unterstrichen. Dabei spielt ihre Geschichte nicht mehr am berühmten Mississippi, sondern an der Saale, und Jim ist nun zu Jin, einer asiatischen Zwangsprostituierten geworden. Sowieso arbeitet sie gerne mit lokalen Orten, die ihr vertraut sind, und natürlich mit Katzen. Mit ihrer Liebe zu Katzen, aus der bereits mehrere Veröffentlichungen über eine getigerte Perserkatze entstanden sind, steht sie in der Tradition großer Zeichenkünstler wie beispielsweise Ronald Searle und Tomi Ungerer. So erstaunlich und beeindruckend das alles bereits klingt, so sehr beeindruckt ihr bisheriger Werdegang noch mehr. Nicht nur wurde ihre Uni-Abschlussarbeit, die Graphic Novel „Endzeit“, bereits verfilmt, Olivia Viewig ist immerhin auch noch eine junge Hüpferin und erblickte erst 1987 das Licht der Welt. So jung und schon so viel Erfolg. Da können wir nur gespannt sein, was noch kommen mag. Heute ist sie erst einmal bei Feinkost Lampe im Rahmen der „Feinkostcomix“ zu Gast.

Dienstag, 18. Februar 2020:
Olivia Viewig: „Antigone“, Feinkostcomix, Feinkost Lampe, Eleonorenstraße 18, 30449 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 5 Euro

(Fotos: Pressefoto Feinkost Lampe (1)/Buchcover (2))

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Kategorien: Kunst, Literatur, Tagestipps

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