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Schlusskadenz

Seitenansicht: „Auf dem Seil“ von Terézia Mora

Ein gelungener Abschied von Romanfigur Darius Kopp: „Auf dem Seil“ von Terézia Mora, Buchcover

Ich lesen jeden Abend mindestens 30 Seiten. Komme, was wolle. Dieses Ziel habe ich mir im Laufe der Jahre gesetzt, da ich nicht nur einen meist üppigen Bücherstapel neben dem Bett horte, der gelesen werden möchte, sondern natürlich auch hier und da Bücher lesen muss, die es mir nicht immer leicht machen. Nicht jedes Buch verdient meiner Meinung nach eine Lobrede, aber dennoch muss ich es lesen. Daher das Minimum von 30 Seiten. Auch, wenn ein Buch dröge ist und mich partout nicht bei der Stange halten will, kämpfe ich mich im Schein meiner Nachttischlampe durch die angegebene Seitenanzahl. Und ja, ich habe diese Disziplin. Meine Begegnung mit Terézia Moras Roman „Auf dem Seil“ war in vielerlei Hinsicht amüsant. Zunächst landete es auf meinem Schreibtisch und ich hatte glatt vergessen, dass ich es mir als Rezensionsexemplar geordert hatte. Dann hatte ich sogar vergessen, warum ich auf diesen Roman so unbedingt scharf gewesen war. Schließlich hatte ich ihn selbst angefordert und das musste doch irgendeinen Grund gehabt haben. Terézia Mora alleine war nicht der Grund, denn tragischerweise hatte ich zuvor noch nichts von ihr gelesen und auf Literaturpreise gebe ich wenig. Und nun kommen wir zu einem kleinen Spoiler und einer Anekdote. Nachdem ich den Roman angefangen hatte zu lesen und ziemlich schnell begeistert war, recherchierte ich natürlich nach weiteren Romanen von Mora und bemerkte, dass „Auf dem Seil“ den Abschluss ihrer erfolgreichen Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp darstellt. Das klingt nun so, als ob ich den siebten Teil von Harry Potter als erstes gelesen hätte, aber ich kann alle, die nach dieser Rezension einfach nur noch in die nächste Buchhandlung rennen wollen, um sich „Auf dem Seil“ zu besorgen, beruhigen. Dieser Roman funktioniert meiner Meinung nach auch fantastisch ohne seine zwei Vorgänger. Es schadet natürlich allerdings ebenso wenig, zunächst „Der letzte Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ zu lesen. Oder aber danach. Eigentlich ist die Reihenfolge ein kleines bisschen egal, denn Mora, das kann ich verraten, schreibt einfach so einnehmend, dass es in Ordnung ist, wenn man das Ende schon vorab kennt. Man will es dennoch lesen.

Die Halbwertzeit von Trauer

Es gibt viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich um die Darstellung von Menschlichkeit bemühen. Sie wollen Identitfikationsräume schaffen, ihre Story soll authentisch sein. Ja, nichts lieber als Authentizität in diesen Zeiten. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Darius Kopp gehört meines Erachtens aber zu jenen Romanfiguren, die durchaus menschlich erscheinen und, wie es heutzutage gerne im Internet heißt, „relatable“ sind. Kopp hat seine große Liebe, seine Frau Flora, verloren. Sie hat sich offenbar nach vielen Jahren Kampf mit dem Ungeheuer der Depression für den Freitod entschieden. Das hat Kopp völlig aus der Bahn geworfen und das ist verständlich. In der Literatur, im Film und ja, auch im Leben, wird allerdings gerne verlangt, dass die Trauer nur so und so lange andauern darf. Denken wir nur einmal an den Roman „P.S. Ich liebe Dich“ von Cecelia Ahern und die dazugehörige Verfilmung, in der die Protagonistin nach dem Krebstod ihres Mannes nur etwas mehr als ein Jahr Trauerzeit eingeräumt bekommt und von ihren Freundinnen bereits nach ein paar Monaten des Egoismus bezichtigt wird, weil sie sich ihre Sorgen nicht anhören kann. Dabei ist Trauer eine sehr miese Angelegenheit, denn sie lässt sich schlecht steuern und kommt gerne unvorhergesehen in Wellen. Verliert man einen geliebten Menschen, bleibt ein Teil von einem eben immer ein Stück weit traurig. Die Familie von Darius Kopp verspürt nach dem Freitod seiner Frau allerdings sogar so etwas wie Erleichterung und das hat sie ungeniert zum Ausdruck gebracht. Angeekelt von seiner kaltherzigen Familie bricht Kopp mit ihr und lässt sein nun in Scherben zerschlagenes Leben in Berlin zurück. Mitsamt der Asche seiner Frau macht er sich auf den Weg durch Europa, bis er auf Sizilien ankommt. Hier beginnt Moras Trilogie-Abschluss „Auf dem Seil“.

Raus aus der Lebenspause

Entgegen aller gesellschaftlicher Konventionen konnte und wollte Darius Kopp nicht einfach wieder zurück nach Berlin. Er bleibt auf Sizilien und betätigt sich zunächst als Hausmeister, dann als Tourenfahrer zum Ätna und schlussendlich als Pizzabäcker. Er findet neue Freunde, eine Art neues Zuhause, aber sein Leben ist auf Pause gestellt. Und irgendwie scheint es so, als ob er das auch dringend nötig hat. Nur ungern denkt er an den Darius zurück, der er einmal war. Zwanzig Kilo schwerer, nonstop am Arbeiten und nicht wirklich glücklich. Nur mit Flora war er glücklich, aber sie hat er verloren. Kinder gab es keine, nur eine Eigentumswohnung, die noch nicht ganz abbezahlt war. Auf einmal steht allerdings seine Schwester am Fuße des Ätna vor ihm. Mittlerweile geschieden, frustriert und offenbar wütend auf ihren Bruder. Diesem Geist aus der Vergangenheit kann er sich noch entziehen, aber als ein Jahr später auf einmal seine Nichte Lorelai vor ihm steht, 17 Jahre alt und schwanger, kann er sich nicht mehr vor seinem Leben verstecken. Und auf einmal wird Darius Kopp unsanft wieder ins Leben zurückgeworfen, der Pausenknopf gelöst. Da es Lorelei mit der Schwangerschaftsübelkeit nicht gutgeht, muss er sie nach Berlin zurückbringen. Dort trifft er nicht nur auf Teile seiner dysfunktionalen Familie, sondern auch auf alte und neue Freunde, von denen einige immer noch ziemlich wütend sind. Das größte Problem für Darius Kopp ist aber der Umstand, dass er endlich die Scherben seines damaligen Abgangs aufräumen muss. Sein Storage wurde versteigert, seine Eigentumswohnung enteignet und weiterverkauft, sein Bankschließfach auf ein Sperrkonto verlagert. Alles, wovor Kopp Angst hatte, droht ihn nun wie eine Welle zu überschwemmen. Und es liegt einzig und allein an ihm, was er nun mit seinen 50 Jahren daraus macht.

Nur allzu menschlich

Die Lektüre von „Auf dem Seil“ wird von einem konsequenten Nicken begleitet. Darius Kopps Trauer ist echt. Seine Überforderung mit seiner Nichte ist echt. Loreleis jugendlicher Wahnsinn ist echt. Und auch die Entwicklungen der Figuren, ihre Reaktionen und die Wege, die sie einschlagen, sind echt, sie sind menschlich. In Kopps Leben und auch im Leben seiner Mitmenschen läuft vieles nicht rund. Es sind keine Heldinnen und Helden, die mit einem großen S auf der Brust über Berlin schweben. Sie leiden unter MS und sind schwul, oder eben minderjährig und schwanger. Sie sind geschieden und schlechte Mütter oder verheiratet, aber schlechte Freunde. Egal wohin man blättert, in „Auf dem Seil“ lässt sich pures Leben finden. Mit großer Freude folgt man daher auch den simpelsten Gedankengängen von Darius Kopp, denn sie erinnern hier und da an die eigenen. „Auf dem Seil“ ist eine Hommage an das, was nach der akuten Trauer kommt, nämlich die Pause. Es ist eine Hommage an das Menschliche und an die Wege, die uns offen stehen, wenn wir vor dem vermeintlichen Nichts stehen. Es ist der hervorragende Abschluss einer Trilogie und vielleicht sogar von allen drei Teilen der gelungenste. Damit macht die Georg-Büchner-Preisträgerinnen und Trägerin des Deutschen Buchpreises ihrer brillanten Reputation alle Ehre.

Terézia Mora: „Auf dem Seil“, 368 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN-13: 978-3630874975, 24 Euro

(Foto: Buchcover)

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