Sebastian Albrecht
19. Januar 2020

Rotzige Straßen-Philosophie?

Heute Abend liest die Journalistin und Schriftstellerin Ronja von Rönne im Pavillon aus ihrer Kolumnen-Sammlung „Heute ist leider schlecht“

Ronja von Rönne

Hat mit dem Autoren des Textes die Vorliebe für schräge Bildunterschriften gemeinsam: Ronja von Rönne

Die Welt ist ein Trauerspiel, dazu war früher alles besser, obwohl eigentlich auch damals schon schlecht, und die Jugend von heute… Ein Satz, den zu beenden keine Notwendigkeit besteht, da er auch unvollendet seine Message transportiert. Allenfalls kann resigniert mit dem Kopf geschüttelt werden, um der eigenen Aussage Nachdruck zu verleihen. Dass es mit der Jugend von heute steil bergab geht, ist, wenn schon keine bahnbrechende, so doch eine weitverbreitete und gemeinhin kritiklos abgenickte These, die nicht nur von unseren Eltern, sondern bereits von deren Eltern und wiederum von deren Eltern und so weiter aufgestellt wurde. Auch im antiken Griechenland wurde von Philosophen wie Platon oder Sokrates der Werteverfall und die Respektlosigkeit der Jugend thematisiert. Ob sie dabei auch Frisuren und Musikgeschmack der damaligen Jugend bemängelten, sollte sicherlich eine detailliertere Quellen-Analyse beantworten können.

Die aktuelle Jugend von heute ist strenggenommen nicht mehr identisch mit der Generation des Autoren dieses Textes, sondern schon die darauffolgende, die, hineingeboren in die Digitalisierung, die analoge Welt nur noch aus Märchen-Erzählungen der Eltern kennt und deren einziges Vermächtnis dereinst „TicToc“-Fremdscham-Videos und nicht minder unwitzige Fotos mit Hunde-Filter auf Snapchat sein werden – sie ist hoffnungslos verloren. Doch wie sieht es mit der letzten Generation aus, der noch etwas zuzutrauen ist, der vorigen, den Millennials, der Generation Y, der Generation, deren Heranwachsen die Transformation der analogen in eine digitale Welt begleitete, die 9/11 mit ihren Eltern vor dem Fernseher verfolgten (und nicht im Internet), der Generation des Autoren?

Auch diese Generation durfte sich manches anhören: selbstbezogen, ziellos, zu hohe und diffuse Erwartungen, seicht, sich an der Oberfläche bewegend, nie den Ernst des Lebens erfahren, unreflektiert, sich nicht festlegen wollend, zynisch, arrogant, rotzig, wohlstandsverwahrlost. Attribute, die auch immer wieder genannt werden, wenn von Ronja von Rönne die Rede ist. Von Rönne ist nicht nur Journalistin, Moderatorin, Bloggerin und Schriftstellerin, sie ist dazu auch noch jung (unter dreißig), und in ihren Tonfall mischt sich nicht selten eine Rotzigkeit, was im Prinzip für das Feuilleton schon ausreicht, sie zu einer der Stimmen ihrer Generation zu erklären. Dass sie dazu noch mit „Wir kommen“ einen Roman veröffentlicht hat, den man entweder feiern kann, weil er ein bestimmtes Lebensgefühl trifft und flüchtige Betrachtungen hingeschnoddert werden, die „irgendwie deep“ sind, oder aus fast den gleichen Gründen ablehnen muss – ich-bezogen, oberflächlich –, ohne ihn dafür unbequemerweise überhaupt gelesen haben zu müssen, macht das Ganze dann praktisch alternativlos.

Ebenfalls (fast) alternativlos unmöglich: Keine Meinung zu Ronja von Rönne zu haben. Abfeiern oder abhaten. Auch hierfür braucht es nicht unbedingt den großen Überblick: Von Rönne, das ist doch die, die vom Feminismus so angeekelt war – um sich später von ihrem Artikel zu distanzieren -, die die Kinder in Bank-Werbespots bepöbelt, die Göre mit Antihaltung, die sich immer nur um sich selbst dreht. Sicher, dass von Rönne und ihre Attitüde polarisieren, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die unaufhörlich danach lechzt, sich den nächsten Skandal-Schuss zu setzen und in der tägliche Empörung für die Dopamin-Ausschüttung sorgt. Schade, denn wer sich darauf einlässt, wird feststellen, dass von Rönne eben mehr ist als bloß „jung, hübsch, irgendwas“ und sich nicht darauf beschränkt, immerzu Provokationsbrocken in den Raum zu werfen.

Laut der Selbstbeschreibung auf ihrem Blog „Sudelheft“ schreibt sie „über allerlei Unnützes, nicht immer gut, aber dafür selten“, was man natürlich für diese schreckliche postmoderne Meta-Ironie halten kann, aber eben auch für irgendwie charmant. So oder so, sowohl in diesem Blog als auch in ihrer Kolumne „Heute ist leider schlecht“, die alle zwei Wochen auf Zeit Online erscheint, sind durchaus einige Kleinode finden, wie beispielsweise ihre Texte über das Nicht-Schreiben, die Einsamkeit oder die Bereitwilligkeit, für die eigene Individualität in Schubladen zu springen. Gleiches gilt für ihr zweites Buch „Heute ist leider schlecht. Beschwerden ans Leben“ einer Sammlung ihrer früheren Artikel aus ihrem Blog und ihrer Zeit als Welt-am-Sonntag-Kolumnistin sowie neuere Texte. Wer sich live davon überzeugen möchte, hat heute Abend die Gelegenheit dazu, denn Ronja von Rönne wird heute Abend im Pavillon aus ihren Texten lesen. Wer von Rönne abfeiert, wird sicherlich sowieso hingehen. Wer ihr hingegen bisher nichts abgewinnen konnte, hat nun die Gelegenheit sich eines Besseren belehren zu lassen. So viel sei verraten: Es könnte sich lohnen.

Sonntag, 19. Januar 2020:
„Heute ist leider schlecht“, Lesung von Ronja von Rönne, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 19:30 Uhr, Eintritt: 19 Euro, ermäßigt: 16 Euro

(Foto: Pressefoto/Pavillon)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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