Sebastian Albrecht
31. Mai 2010

„Ein bisschen Herzschmerz ist ja auch mal ganz gut“

Am Freitag eröffnet der Maler und Gründer der Galerie „Nice/Nice Exhibition Space“ Sebastian Otto beim Kulturkiosk von langeleine.de seine neue Ausstellung. Ein Interview

sebastian otto galerie

Hat seine Galerie schnell auch international etabliert: Sebastian Otto vor den Nice/Nice-Räumlichkeiten in der Deisterstraße

langeleine.de: Sebastian, wie bist Du zur Kunst gekommen und wann hast Du Dich entschieden, den künstlerischen Weg konsequent zu verfolgen?

Sebastian Otto: Angefangen hat das 1990, da sind meine Eltern aus Görlitz nach Hannover gezogen. Ich war sechzehn und kannte keinen, hatte ein bisschen gezeichnet, aber das war es nicht wirklich. Dann ist mir die Graffiti-Szene ins Auge gefallen. Ich war cirka zehn Jahre aktiv dabei. Wir sind jedes Wochenende in verschiedene Städte gefahren und dadurch habe ich viele Leute kennengelernt. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass es bei mir ins Figürliche geht, in Richtung Hintergründe und Figuren. Da war mir klar, dass ich genau das will. 1998 bin ich Vater geworden und das war der Punkt, wo ich nicht mehr nachts draußen rumlaufen konnte. Ich ging dazu über, auf Leinwand zu malen und schließlich haben mir Leute Mut gemacht und gesagt „das find ich gut, was willst du dafür haben?“ Oder man hat halt getauscht. 2002 habe ich mich dann entschieden auch Ausstellungen zu machen. Ich habe bemerkt, dass Radierungen sowie Acryl und Öl sehr interessant für mich sind und war dann bald komplett raus aus der Street Art-Szene.

ll: Vor zwei, drei Jahren habt ihr Eure Galerie ins Leben gerufen. Wie ist es dazu gekommen und welche Erwartungen hattet Ihr?

Otto: Die Galerie habe ich am Anfang ganz alleine eröffnet. Ich hatte von diesem Deisterkiez-Projekt gehört. Zu Hause arbeiten ging absolut nicht mehr, weil es immer größer und schmutziger wurde. Ich wollte diese Räume dann hier als Atelier im Hintergrund nutzen und vorne als Galerie, also regelmäßig meine Sachen ausstellen. Durch den Kontakt zu anderen Künstlern erweiterte sich das Konzept. Ich habe dann Torben kennengelernt, der viele dieser Urban Art-Geschichten sammelt und im digitalen Bereich, also Marketing und Logo-Design, sehr fit ist. Wir haben relativ schnell beschlossen uns als klassische junge Galerie aufzustellen. Wir zeigen also nicht mehr eigene Sachen, sondern internationale Kunst.

ll: Wie kam es zum Namen „Nice/Nice Exhibition Space“?

Otto: Das hat sich aus einem normalen, alltäglichen Chat ergeben: Wenn wir irgendetwas gut fanden, hieß es immer „nice, nice“, und deshalb haben wir dann gesagt, nennen wir uns einfach so.

Sebastian Otto malt

Man und work in progress: Sebastian Otto bei der Arbeit

ll: Gab es schon eine hannoversche Szene für Urban Art als Ihr angefangen habt oder hat sie sich erst entwickelt?

Otto: Wir sind quasi die ersten, weil wir gesagt haben „wir holen uns jetzt die internationalen Leute aus der Szene hierher“. In unserer Nachbarschaft gibt es den Galerie-Laden „Großstadtrekorder“ und der hat sich bereits um die regionalen Künstler gekümmert. Das fanden wir super, die haben die junge Kunst intensiv und engagiert unterstützt sich gut und professionell zu präsentieren. Für unsere Galerie fanden wir das Ausland interessant und wollen einen neuen Hotspot für junge Kunst entwickeln. Wir haben viel Zuspruch, die Vernissagen sind immer voll und wir bekommen gutes Feedback. Und wir würden es auf jeden Fall begrüßen, wenn es noch mehr Galerien gäbe, die sich mit Urban Art auseinandersetzen würden.

ll: Ihr habt euch innerhalb kürzester Zeit auch international einen Namen gemacht. Treten die Künstler mittlerweile an Euch heran, um auszustellen?

Otto: Wir möchten mit Leuten arbeiten, die schon länger dabei sind. Das heißt natürlich nicht, dass wir Unbekannten keine Chance geben wollen. Wenn die wirklich gut sind, versuchen wir auch sie unterzukriegen. Wir haben aber jetzt schon leider nicht mehr so viel Kapazität um allen gerecht werden können. Das ist so ein bisschen das Problem geworden, denn wir können jetzt schon sagen, dass wir bis 2011 verplant sind.

sebastian otto

Den Blick nach vorne gerichtet: Sebastian Otto hat viel vor

ll: Was hebt Eure Galerie von anderen ab?

Otto: Zu uns kommen Leute und Künstler beispielsweise extra für eine Woche aus den Staaten. Vor zwei Monaten war dann ein Spanier zu Gast, der fast zwei Wochen bei uns in der Galerie war und vor Ort gearbeitet hat. Das ist das Besondere: wir zeigen und präsentieren Künstler egal wo sie herkommen. Im Bereich Urban Art gibt es leider nur wenig in Hannover – da sind ja eher die klassischen Galerien präsent, die junge Kunststudenten oder ältere etablierte Künstler im Ausstellungsprogramm haben. Bei Nice/Nice ist es hingegen so, dass wir jedes Jahr acht komplett neue Künstler präsentieren und ihre aktuellen Ausstellungen zeigen.

ll: Was mir bei Deinen Bildern aufgefallen ist, ist, dass sie immer etwas Naives, Unschuldiges haben. Aber es gibt gleichermaßen auch immer dieses Melancholische, resigniert Traurige. Woher kommt das?

Otto: Das ist in etwa so, wie jeder seine eigene Handschrift hat. Bei mir und meiner Kunst kommen diese Momente immer durch, da kann ich auch nichts machen. Selbst wenn ich mir vornehme „das wird jetzt mal ein lachender Mund“, geht er zum Schluss wieder ein bisschen runter – das ist mein roter Faden. Ich mag diese Atmosphäre und finde es gut, wenn man das Melancholische auch mal genießt. Das muss ja nichts Schlimmes sein, ein bisschen Herzschmerz ist ja auch mal ganz gut.

ll: Was erwartest Du vom Kulturkiosk?

Otto: Erst einmal ein komplett anderes Publikum als bei uns, denn beim Kulturkiosk sind so viele Projekte involviert, dass einfach ganz unterschiedliche Leute zu erwarten sind. Deswegen fand ich es gut, da mitmachen zu können. Und es ist natürlich auch gut, kurz nach meiner letzten Ausstellung im SofaLoft in der Südstadt neben meiner Galerie-Arbeit auch wieder verstärkt eigene Präsenz in Hannover zu zeigen.

ll: Vielen Dank für das Gespräch!

Nicht verpassen:

Sebastian Otto eröffnet am Freitag, dem 4. Juni, beim Kulturkiosk von langeleine.de seine neue Ausstellung. Im Café Siesta gibt er einen Einblick in seine melancholisch-entrückten, stets aber skurrilen Bilder- und Figurenwelten.

(Fotos: Susanne Haupt)

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Kategorien: Kunst, Menschen

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