Susanne Viktoria Haupt
17. Februar 2020

Ungeliebte Liebe

Seitenansicht: „Àstas Geschichte“ von Jón Kalman Stefánsson

Poetisch, psychologisch, philosophisch: „Ástas Geschichte“ von Jón Kalman Stefánsson ist ein gigantischer Roman-Komplex

„Man fängt mit dem Anfang an: Wir befinden uns zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Reykjaviker Weststadt, und ich berichte, wie es zu Ásta kam, verliere dann aber den Zugriff“. So beginnt „Ástas Geschichte“, der neue Roman des isländischen Schriftstellers Jón Kalman Stefánsson. Es ist eine Geschichte, die von so viel Schmerz und Dunkelheit beherrscht wird, so dass einem der Roman anschließend wie Blei in den Gliedern liegt. Ásta ist die Tochter von Helga und Sigvaldi und ihr Name bedeutet so viel wie „Liebe“. Nur, dass die Liebe in ihrem Leben keine große Rolle zu spielen scheint. Ihre Mutter Helga verlässt die Familie kurz nach ihrer Geburt und die daraus entstandene Lücke klafft so beißend, dass Ástas ganzes Leben davon durchzogen wird. Auch ihre Ziehmutter kann die Abwesenheit der leiblichen Mutter nicht ausgleichen und Ásta versinkt schon früh in einer Welt aus dunklen Gedanken. So dunkel, dass sie ihr Leben selbst als eine Bürde betrachtet, die es zu beenden gilt.

Aber „Ástas Geschichte“ fasst nicht nur die Quintessenz ihres Lebens zusammen, sondern beleuchtet auch jene Fallstricke in der Familiengeschichte, die schlussendlich zu einer ungeliebten und einsamen Ásta geführt haben. So geht Stefánsson auch den Gründen nach, warum ihre Mutter die Familie verlassen hat und in welchen Gedanken sich ihr Vater so sehr verloren hat, dass eine Beziehung mit ihm nicht mehr tragbar zu sein schien. So untragbar, dass ihre Mutter, die nun mal noch sehr jung war, fortan das Leben einer Vagabundin führt, aber dafür zumindest frei von jeder Verantwortung ist. Ásta selbst zieht es mit zwanzig Jahren hinaus in die Welt und weit weg von den Wurzeln ihrer dysfunktionalen Familie. Aber auch zwischenzeitliche Liebeleien können die zahlreichen Löcher in ihrem Leben nicht stopfen, alles scheint verloren und mündet in tragischen Selbstmordversuchen und noch mehr Dunkelheit. Ist in so einer Geschichte Licht überhaupt möglich? Zumindest nicht für alle Figuren.

Jón Kalman Stefánsson gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftstellern Islands. „Ástas Geschichte“ ist bereits der elfte Roman, der von ihm ins Deutsche übersetzt wurde. Das feine Händchen für diese komplexen Übersetzungen hat in diesem Falle der Autor und Übersetzer K.-L. Wetzig, der sich dem Isländer schon früh angenommen hat. Stefánsson wirft mit seinem neuen Roman allerhand tiefgreifender Fragen auf, vor allem die nach der Ur-Wunde. Ur-Wunden sind Traumata, die einem Menschen in frühester Kindheit widerfahren und vor allem an essenziellen Erlebnissen wie dem Urvertrauen und dem Gefühl bedingungsloser Liebe rütteln. Kann ein Mensch den Umstand überwinden, dass die eigene Mutter nicht zu Liebe und Fürsorge fähig ist? Dass eben jene bedingungslose Liebe einem vorsätzlich vorenthalten wird? Was macht die Abwesenheit von Liebe in ganz frühen Jahren aus einem Menschen? Stefánsson entwirkt ein philosophisches Bild von dieser Situation und macht sie sich durch seine Poesie zu eigen.

Das ist es nun mal auch, was Jón Kalman Stefánsson kann: Romane schreiben, die durch ihre Narration nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Wie eine Feder scheint die Leserschaft durch die Ereignisse zu schweben. Mal hin zum Beginn der Liebesbeziehung von Ástas Eltern, dann zu ihrem Vater, wie er vom Dach stürzt, dann zu Ásta selbst, die sich in aller Dunkelheit immer wieder zu verlieren droht. Stefánssons Worte sind dabei so weich, so gefühlvoll und so ätherisch, dass sie mitten ins Mark gehen. „Kann es sein, dass sich der Himmel bewegt hat?“, fragt Sigvaldi, während er nach dem Sturz vom Dach auf dem harten Boden liegt und sein Leben Revue passieren lässt. Ungläubig darüber, was das Leben in all seiner Größe überhaupt bedeutet. Genau mit diesem Gedanken geht man schlussendlich auch aus „Ástas Geschichte“: Was bedeutet das Leben in seiner Größe? Jón Kalman Stefánsson selbst hat vom Leben schon viele Facetten erblicken können. Sein Weg zum Bestseller-Autor war kein einfacher und führte ihn über mehrere anstrengende Jobs, darunter Polizist am Flughafen und auch Arbeiter in der Fisch-Industrie. Alles Tätigkeiten, um seinen Traum vom Schreiben finanzieren zu können. Mit „Ástas Geschichte“ führt er seinen Erfolgskurs auf jeden Fall weiter.

Jón Kalman Stefánsson: „Àstas Geschichte“, 464 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492059374, 24 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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