Sebastian Albrecht
28. Januar 2020

Ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte

Das Herrenhäuser Forum beschäftigt sich heute mit einem so interessanten wie schwierigen Thema: „Europas koloniales Erbe in Afrika“

Der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg, lässt sich durch die deutsche Kolonie Deutsch-Ostafrika tragen

Die deutsche Kolonialgeschichte ist weit umfangreicher, als allgemein angenommen: Im Bild ist neben den Einheimischen auch der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg, zu sehen

Im August 2019 hielt der Aufsichtsratsvorsitzende des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, Clemens Tönnies, eine Rede über unternehmerische Verantwortung, die für Wirbel sorgte. Grund war sein Vorschlag, statt Europa für den Klimaschutz mit Steuern zu gängeln, einfach Kraftwerke in Afrika zu spendieren: „Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.“ Eine Aussage, die für viel Gegenwind sorgte, nicht wenige bezeichneten sie als rassistisch. Tönnies sah das naturgemäß anders, verordnete sich aber flugs selbst eine dreimonatige Auszeit von seiner Funktionärstätigkeit, und eigentlich war das Thema längst in der Versenkung verschwunden, hätte Tönnies sich nicht bemüßigt gefühlt, sich vergangenes Wochenende in einem Interview noch einmal erklären zu müssen. Es habe sich um ein riesiges Missverständnis gehandelt und er habe es doch nur gut gemeint. Und sowieso sei Afrika „ein Traum-Kontinent.“

Also nur eine misslungene Pointe? Oder eine, die einfach nicht richtig verstanden wurde? Schließlich hatte Tönnies ja nur die besten Absichten. Weshalb die Aussage gleich auf mehreren Ebenen problematisch war, wurde bereits im August 2019 ausführlich behandelt, ebenso wie Tönnies‘ Reaktion auf die Kritik. Einer der problematischen Punkte wird auch durch sein jüngstes Interview wieder aufgezeigt: der europäische Blick auf Afrika. Zwar ist Afrika der zweitgrößte Kontinent der Erde, besteht aus 54 Staaten und hat fast 1,3 Milliarden Einwohner, aber wirkliche kulturelle Unterschiede oder Differenzierung bei den Problemen, die einzelne Staaten haben, spielen in der Regel keine Rolle, wenn „den Afrikanern“ gut gemeinte Ratschläge gegeben werden – Europa knows best. Ebenso wird auch der Einfluss Europas durch die Kolonialisierung auf Afrika häufig ausgespart, dabei ist er in zahlreichen afrikanischen Ländern immer noch präsent.

Besonders die deutsche Kolonialgeschichte wird gerne verdrängt. Während Nationen wie Frankreich und Großbritannien schon früh als Kolonialmächte auftraten, ist von Deutschland selten die Rede. Schließlich bemühte sich Deutschland erst spät um Kolonien und besaß infolgedessen verhältnismäßig wenige davon und auch nur für eine relativ kurze Zeit, zu kurz, um größeren Schaden anzurichten – so kann das allgemein Bild vom deutschen Kolonialismus zusammengefasst werden. In Wahrheit war Deutschlands Einfluss jedoch bedeutend größer: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das Kolonialreich Deutschlands flächenmäßig das drittgrößte – von unbedeutend kann also keine Rede sein.

Da eine Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte erst seit kurzem begonnen hat und noch keine größere Rolle in der Öffentlichkeit spielt, sind auch viele Verbrechen noch weitestgehend unbekannt, so etwa das Massaker an den Herero und Nama, das von 1904 bis 1908 im heutigen Namibia verübt wurde. Mehr als hundert Jahre dauerte es, bis die deutsche Regierung 2015 das erste Mal offiziell von einem Völkermord sprach. Vier Jahre zuvor wurde damit begonnen, die ersten Gebeine, die in der Kolonialzeit nach Deutschland gebracht wurden, zurückzugeben. Entschädigungszahlungen werden von deutscher Seite bisher jedoch immer noch abgelehnt.

Obwohl das Ende des Ersten Weltkrieges für Deutschland auch das Ende als Kolonialmacht bedeutete, fand eine Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit bisher nicht wirklich statt. Das Herrenhäuser Forum nimmt sich heute Abend des interessanten, aber schwierigen Themas an und versucht, ihm damit etwas mehr Aufmerksamkeit zu geben. Was führte zum Kolonialismus? Welchen Einfluss hatte insbesondere der deutsche auf die kolonialisierte Bevölkerung und welchen Einfluss hat er auch heute noch? Und wie sollte mit dem deutschen Kolonialismus umgegangen werden? Noch immer sind beispielsweise viele Straßen nach Menschen benannt, deren Wirken als Kolonialherren nur Historikern bekannt sein dürfte. Die Veranstaltung „Europas koloniales Erbe in Afrika“ soll dafür sorgen, die deutsche Kolonialgeschichte mehr im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und einen differenzierten Blick auf den immerhin zweitgrößten Kontinent der Welt zu bekommen.

Dienstag, 28. Januar 2020:
„Europas koloniales Erbe in Afrika“, Herrenhäuser Forum, Tagungszentrum Schloss Herrenhausen, Alte Herrenhäuser Straße 3, 30419 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1984-041-07 /Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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