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Die Lachnummer des Winters

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Heute: das Auswärtsspiel beim SSV Jahn Regensburg

Kenan Kocak

Weiß auch noch nicht so recht, was er von seiner Mannschaft in der zweiten Saisonhälfte erwarten kann: 96-Trainer Kenan Kocak

Ganze 37 Tage mussten wir warten, nun endlich beginnt wieder der Spielbetrieb der 2. Fußball-Bundesliga. Hannover 96 startet am Dienstag in das Fußballjahr 2020 – die Rückrunde wurde ja bereits im Dezember mit dem Spiel gegen den VfB Stuttgart eingeläutet. 16 Spieltage stehen vor Hannover 96 und einer ungewissen Zukunft. Betrachten wir also mal, was sich während der Winterpause alles getan hat bei der Alten Liebe.

Enttäuschender Saisonverlauf

Hannover 96 ging als Erstliga-Absteiger als einer der Aufstiegsfavoriten in die aktuelle Saison. 18 Spieltage später steht 96 auf dem 13. Rang, nur zwei Punkte entfernt vom Abstiegs-Relegationsplatz 16, auf welchem Mitabsteiger 1. FC Nürnberg überwintert hat. Trainer Mirko Slomka wurde bereits nach dem 12. Spieltag entlassen, Kenan Kocak übernahm am 14. Spieltag. Während Slomka in 12 Spielen 14 Punkte mit den Roten holte, kam Kocak auf sieben Punkte aus seinen ersten fünf Partien als Cheftrainer.

Erste Änderungen sind spürbar

Während der Winterpause hatte Kocak erstmals die Chance, mit seiner Mannschaft eine intensive Trainingsphase zusammen zu bestreiten, in welcher er ihr seinen Fußball implementieren konnte. Die bisherige Ausbeute des Trainers ist zwar durchwachsen (zwei Siege, ein Remis, zwei Niederlagen), doch muss man ihm zu Gute halten, dass er einen verunsicherten Haufen Spieler übernommen hat – und diesem innerhalb kürzester Zeit wieder Selbstvertrauen einflößte – als Beweis konnte man beispielsweise einen komplett verwandelten Genki Haraguchi auf dem Platz beobachten.

Das Hannover-Modell ist gescheitert

Kocak wollte neue Spieler, doch diesen Wunsch konnte ihm Ex-Sportdirektor Jan Schlaudraff nicht mehr erfüllen – er wurde einen Tag vor dem ersten Wintertransfer gefeuert. Eine merkwürdige Entscheidung, hatte Profi-Chef Martin Kind ihm doch vorher noch sein Vertrauen ausgesprochen. Abschließend muss man leider festhalten, dass das von Kind präferierte Hannover-Modell mit Pauken und Trompeten untergegangen ist. Der Grundsatz der Idee war ja nicht übel, doch erwies es sich als falsch, auf einen Trainer wie Mirko Slomka zu setzen, der bei all seinen Klubs zuletzt krachend versagte, und gleichzeitig Schlaudraff nur ein ausgesprochen dünnes Transfer-Budget auszustellen.

Auf den falschen Trainer gesetzt

Das Hannover-Modell hätte Potenzial bieten können, hätte man Schlaudraff ein einigermaßen gefülltes Portemonnaie in die Hand gedrückt – und sich vielleicht bei ehemaligen Trainern umgeschaut, die in den letzten Jahren für viele Siege standen. Daniel Stendel, der mittlerweile zusammen mit dem legendären Jörg Sievers Heart of Midlothian trainiert, wäre wohl schwierig aus England loszueisen gewesen, doch André Breitenreiter hätte man vielleicht nochmal ins leckgeschlagene Boot holen können. Mit Gerhard Zuber klappte das doch auch ganz prima…

Ein Sportdirektor von Horst Heldts Gnaden

Die kommissarische Beförderung Gerhard Zubers war jedenfalls die Lachnummer des Winters in Fußball-Deutschland. Zuber wurde noch von Horst Heldt ins rote Fußball-Boot geholt. Nach der Entlassung Heldts wurde der 44-Jährige dann im Verein bestenfalls noch stiefmütterlich behandelt und seiner Kompetenzen dabei gänzlich enthoben. Die für beide Parteien unglückliche Situation landete vor Gericht – und Zuber wurde Recht zugesprochen. Viel mehr noch: Sein Arbeitsvertrag gilt nun als unbefristet. Ein Schelm, wer nun denkt, dass Schlaudraff gefeuert wurde, nur damit man halt Zuber, den man so einfach nicht mehr los wird, wieder in die Pflicht nehmen kann. Aber ganz so abwegig ist der Gedanke dann doch nicht.

Stürmer aus dem Hut gezaubert

Sei es drum, Kind und Co. werden sich dabei etwas gedacht haben – hoffen wir wenigstens. Und betrachtet man, was plötzlich in allerkürzester Zeit geschah, dann fragt man sich, wer diese Transfers eigentlich eingefädelt hat. Einen Tag nach dem Schlaudraff-Rauswurf wurde mit John Guidetti ein neuer Stürmer aus der Primera Division verpflichtet. Der 27-jährige Schwede ist ein robuster Spieler, kompakt wie Wayne Rooney. Er galt einst als riesiges Talent, wurde im Alter von 15 Jahren bereits von Manchester City verpflichtet, danach aber in alle Welt verliehen.

Mittelfeld-As aus Kopenhagen

Wiederum nur einen Tag später wurde mit Dominik Kaiser ein torgefährlicher Mittelfeldspieler präsentiert. Kaiser, der bei RB Leipzig so etwas wie eine Legende ist – wenn man davon nach den paar Jahren des Vereinsbestehens überhaupt schon sprechen kann -, kommt von Bröndby Kopenhagen und könnte ein wichtiges Puzzlestück in Kenan Kocaks Überlegungen sein.

Neuer Keeper sofort verletzt

Außerdem wurde der Däne Martin Hansen aus Norwegen für die vakante Position des Ersatztorhüters verpflichtet, da Michael Esser sich der TSG Hoffenheim angeschlossen hat. Hansen hat eine Bundesligavergangenheit in Ingolstadt – und schoss in der niederländischen Eredivisie mal ein Tor, das selbst Zlatan Ibrahimovic kaum hätte schöner erzielen können. Doch da der neue Keeper sich direkt nach ein paar Tagen verletzte, wurde mit Michael Ratajczak noch ein weiterer Ersatz-Keeper verpflichtet. Nun ist es ja nicht so, dass Ron-Robert Zieler unverletzlich ist, aber die Ersatz-Keeper-Flut ist schon eigenartig. Wie sich da wohl ein Talent wie Marlon Sündermann fühlen muss, der zuletzt die Nummer drei hinter Zieler und Esser war?

Hansson schon wieder weg

Überraschend kommt für mich die Leihe von Emil Hansson zu der RKC Waalwijk in den Niederlanden. Hansson bekam wenig Spielzeit, aus dieser Perspektive macht es Sinn, ihm bei einem Verein, den er bereits kennt, unterzubringen und zu Einsätzen zu verhelfen. Und in seinem ersten Spiel für Waalwijk erzielte er auch gleich schon einen Treffer. Gut für die Entwicklung, gut für Waalwijk – doch warum schießt der Bengel die Butzen nicht für 96? Ich hatte ihn bei seinen wenigen Auftritten als feines Füßchen wahrgenommen.

Martin Kind entscheidet nüchtern

Auf Kocaks Wunschliste steht nun noch ein Innenverteidiger. Ob er diesen bekommt, will Martin Kind wohl erst nach dem Spiel gegen Regensburg entscheiden. Ein Glück, dass Gerhard Zuber nur das vollste Vertrauen genießt und nichts entscheiden darf. Denn sonst hätte ein eventueller Innenverteidiger sogar noch die Zeit bekommen, sich in den letzten Tagen der Vorbereitung mit seiner neuen Mannschaft einzuspielen. Aber Martin Kind regelt alles und in einem Unternehmen muss man halt flexibel reagieren, man darf sich nicht von Gefühlen wie noch zwei Punkten bis zum Relegationsplatz blenden lassen, man muss nüchtern entscheiden.

Alle Augen auf Franke

Die Entscheidung steht oder fällt wohl im Zusammenhang mit Marcel Franke. Franke war vor der Winterpause im Abwehrzentrum gesetzt, verletzte sich dann allerdings längerfristig. Vorm Pflichtspiel-Auftakt kehrte er relativ früh ins Mannschaftstraining zurück und zeigte sich dort belastbar. Sollte Franke also von Beginn an spielen und gegen Regensburg eine ordentliche Leistung abrufen, dann wird wohl eher kein neuer Innenverteidiger mehr kommen. Und das, obwohl selbst Kind langsam wissen müsste, dass es auf dieser Position gleich mehrere verletzungsanfällige Spieler im Kader gibt.

Ergebnisse müssen her

Es war also ganz schön was los bei den Roten. Von einigen Image-Schäden mal abgesehen, konnte man immerhin Transfers tätigen, die der Mannschaft gut tun werden. Das morgige Spiel in Regensburg wird jedenfalls ein wichtiger Indikator für die anstehenden Spiele. Hannover 96 sollte besser mit einem Sieg in die Rückrunde starten – und eine kleine Punkte-Serie ohne Niederlage hinlegen. Die Stimmung unter den Fans ist jedenfalls jetzt schon zynisch. Die Mannschaft und ihr Trainer müssen nun anhand von Ergebnissen zumindest eine kleine Euphorie entfachen, damit man 96 nicht mehr als die Lachnummer der letzten Wochen wahrnimmt. Mein Tipp: Hannover 96 wird sich in Regensburg durchsetzen und der neue Stürmer, John Guidetti, wird mit seinem Siegtreffer für ein wenig Jubel rund um den Maschsee sorgen.

Dienstag, 28. Januar, 20.30 Uhr:
SSV Jahn Regensburg – Hannover 96

(Foto: Sven Mandel/Wikipedia, Copyright: CC BY-4.0 [1])

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