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I hear a whistle blowing

Urbane Wildkräuter: Im Lindener Apollo-Kino lief vor ein paar Tagen das 2019 erschienene NSA-Drama „Official Secrets“. Eine Einschätzung

"Official Secrets", Filmplakat

Eine spannende und höchst relevante Story: „Official Secrets“, Filmplakat

Das Kino ist leer. Noch mit der Frage im Hinterkopf, ob es wirklich so eine gute Idee ist, als Anlass für diese Kolumne einen Film zu wählen, der bereits vor mehreren Monaten in den Kinos startete und eine Begebenheit thematisiert, die über ein Jahrzehnt zurückliegt, war ich Richtung Apollo-Kino auf der Limmerstraße gegangen. Und nun das: Außer mir und einem Freund, den ich mehr oder weniger gegen seinen Willen mitgeschliffen hatte, schien sich niemand für diesen Film zu interessieren. Mit etwas schlechtem Gewissen, da nun zwei Personen – der Filmvorführer und die Popcorn- und Karten-Verkäuferin für uns beide ganze zwei Stunden später Feierabend machen durften, ließen wir uns in die plüschigen Kino-Sessel fallen. Für alle, die es nicht wissen: Im Apollo-Kino sind die Sessel auf ganz besonders mondäne Weise plüschig und rot, was wunderbar zu den steinernen Bögen an der Decke des Vorführsaals passt und Kinobesucherinnen und -besuchern das Gefühl vermitteln kann, ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein und sich an einem Ort wiederzufinden, an dem es kein Netflix und auch keine keine persönlichkeitslosen Großraumkino-Anstalten namens Cinemaxx gibt.

Der Film beginnt. Gleich zu Beginn wird uns per Schriftzug erklärt, dass das, was uns hier gezeigt wird, auf einer wahren Begebenheit beruht. In der Hauptrolle zu sehen ist Keira Knightley als Katherine Gun, die als Mitarbeiterin beim britischen Geheimdienst auf ein brisantes Memo der NSA stößt. Darin wird von US-Seite gefordert, dass sich der britische Geheimdienst an der Spionage gegen nichtständige Mitgliedsstaaten im UN-Sicherheitsrat beteiligen soll. Ziel ist es, Informationen zu sammeln, die es erlauben würden, ebenjene Staaten dazu zu bewegen, im Rat für einen Krieg der USA gegen den Irak zu stimmen. Katherine Gun entschließt sich kurzerhand, das NSA-Memo anonym an Journalistinnen weiterzuleiten. Alles in der Hoffnung, einen völkerrechtswidrigen Krieg verhindern zu können. Als allerdings nach der Veröffentlichung der Nachricht in der Presse sie und ihre Kolleginnen verhört werden, entschließt sie sich, zu gestehen. Ihr ehemaliger Arbeitgeber, der britische Geheimdienst, klagt sie wegen Hochverrat an. Das passiert ungefähr nach der Hälfte des Films. Von nun an beginnt eine Phase voll Unsicherheit und Spannung für Katherine Gun und auch ihren Mann. Der droht nämlich aufgrund ihres Verhaltens abgeschoben zu werden.

Diese schon für sich spannende und höchstrelevante Story, wird im Film unter anderem durch Originalaufnahmen von George W. Bush extrem nahbar und lebendig. Keira Knightley alias Katherine Gun fungiert als Identifikationsfigur, mit der man fiebert, hofft und trauert. Immer wieder gibt es Momente höchster Anspannung, zum Beispiel als Gun ganz offensichtlich in der U-Bahn observiert wird. Gerade diese Verletzlichkeit und ständige Bedrohung der Heldin, lässt sie dem Publikum ganz nahe kommen.

Der Film zeigt keine Action-Szenen, sondern eine Geschichte, die größtenteils in Büros, diversen Wohnzimmern und Tiefgaragen spielt. Erzählt wird nicht durch Körpereinsatz, sondern durch Gespräche, E-Mails und Zeitungsartikel. Infos werden hier weitergereicht, verheimlicht und gehen verloren. Diese kleinteilige Erzählweise ermöglicht es dem Publikum, eine Geschichte zu erfahren, die komplex und trotzdem spannend ist. Eine Geschichte, die aus vielen kleinen Zahnrädern, Sand und Gerüst-Teilen besteht. Eine Geschichte, die gar nicht so wenig mit der aktuellen politischen Lage zutun hat. Denn hätte es den nach vielen (nicht allen) Ansichten völkerrechtswidrigen Irak-Krieg 2003 nicht gegeben, gäbe es heute wohl keine Proteste in dem Land, die sich – natürlich auch durch die Tötung Soleimanis befeuert – aktuell gegen die USA richten. Kurzum, die Lage im Nahen Osten wäre heute eine andere. Zu wissen, dass die reale Katherine Gun mit ihren Infos theoretisch hätte bewirken können, dass der Zustand des Iraks heute ein besserer wäre, ist zutiefst deprimierend.

Neben der kritischen Rolle der USA im Nahen Osten thematisiert der Film auch noch ein zweites aktuelles Thema: Whistleblowing. So wie in „Official Secrets“ die Journalistinnen und Journalisten diskutieren, ob Katherine Gun nun eine Verräterin oder eine Heldin ist, wurde auch die Rolle Edward Snowdens und der Informanten in der Ukraine-Affäre diskutiert. Durch die nahbare Rolle der Katherine Gun in „Official Secrets“ wird uns Zuschauenden ermöglicht, eine Idee von dem enormen Druck zu bekommen, unter dem diese Personen stehen. Er zeigt, welche persönlichen Nachteile und Abstriche diese Menschen in Kauf nehmen, um Informationen ans Licht zu bringen, die von öffentlichem Interesse sind. An einer Stelle im Film sagt Gun sinngemäß: „Nein, ich diene nicht der britischen Regierung. Regierungen wechseln. Ich diene dem britischen Volk“. Diese tragisch heldenhaften Worte scheinen geradezu symptomatisch auch für reale Whistleblower. Denn als Zuschauende wissen wir, dass Katherine Gun den Irak-Krieg genauso wenig verhindern konnte, wie Edward Snowden ein grundsätzliches Umdenken im Thema Datenschutz angestoßen hat oder der Informant aus dem Weißen Haus ein Impeachement des US-Präsidenten bewirkt.

Der Film ist aber irgendwie auch ein kleiner, subtiler Appell, der einem zuflüstert: „Da reißt sich jemand den Arsch für Dich auf, lern das verdammt nochmal zu schätzen!“ Genau mit diesem Gefühl gingen der Freund, der jetzt gar nicht mehr unglücklich war, mitgeschliffen worden zu sein, und ich nach Hause.

(Foto: Filmplakat)

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