Lorenz Varga
28. Februar 2020

Er wollte doch bumsen, und ich habe gebumst

Heinrich Böll bezeichnete „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ als erzählerisch verkleidetes Pamphlet. Heute feiert das Stück Premiere im Schauspielhaus

Dem medialen Shitstorm ausgeliefert: Caroline Junghanns und Miriam Maertens in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Wie wird aus einer harmlosen, unbescholtenen Bürgerin, die zu einer Privat-Party geht und sich dort verliebt, binnen von vier Tagen eine Mörderin? Und zwar eine, die sich nach dem Mord auf die Suche nach Reue macht, diese aber nicht findet? Heinrich Böll zeichnete in seiner 1974 erschienenen Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ diesen Weg fast minutiös und protokollarisch nach. Im Zentrum stehen die Machenschaften der ZEITUNG, von der es zu Beginn der Erzählung heißt: „Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ‚Bild‘-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sonder unvermeidlich.“ Es ist aber nicht die Zeitung allein. Es ist die ausgehende Wirtschaftswunder-Zeit mit all ihren Männer-Klüngeln und sexuellen Übergriffen. Da werden Informationen aus Polizei- und Wirtschaftskreisen durchgesteckt und bewusst lanciert, da werden junge „Fräuleins“ nicht nach Hause gefahren, weil man nett ist, sondern weil Abhängigkeiten schamlos ausgenutzt werden. Der Übergriff als Regel, nicht als Ausnahme. Und auch der ZEITUNGs-Journalist, von dem Katharina Blum auf den ersten Blick erkennt, dass er ein Schwein ist, eröffnet den Interview-Termin mit dem Vorschlag, erst einmal zu bumsen. Den Bums gibt es dann allerdings anders als erhofft.

Man kann bei dieser Erzählung den historischen Hintergrund nicht ausblenden. Denn es geht um eine Zeit, in der gesellschaftliche Hysterie bezüglich der RAF herrschte und die BILD gegen alles hetzte, was irgend den Anschein von links hatte. Heinrich Böll verarbeitete in seinem Buch „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ seine eigene Erfahrung und Ohnmacht, die er als Zielscheibe der BILD erfuhr. Ausgangspunkt war ein Banküberfall in Kaiserslautern, bei dem ein Polizist getötet wurde. Die BILD titelte „Baader-Meinhof-Bande mordet weiter“, obwohl im Text der leitende Kripo-Chef mit den Worten zitiert wurde, dass es noch keine Anhaltspunkte gäbe. Auf diese unlautere journalistische Arbeitsweise wies Böll in einem Artikel hin, der im Spiegel erschien. Daraus entwickelte sich ein Shitstorm, in dessen Verlauf aus Böll ein RAF- und Linksfaschismus-Sympathisant gemacht wurde. Die selbst empfundene Ohnmacht und Hilflosigkeit gegen diese Form der Hetze verarbeitete Böll schließlich in seiner Erzählung, die darüber hinaus zeigt, dass vielleicht die Begrifflichkeiten Fake News und Shitstorm neuzeitliche Erfindungen sind, die ihr zugrunde liegenden Vorgänge aber eine lange Tradition haben.

Freitag, 28. Februar 2020:
„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, Theaterstück nach der Erzählung von Heinrich Böll, Premiere, Inszenierung von Stefan Pucher, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 23 bis 45 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Dienstag, 3. März, 19.30 Uhr
  • Freitag, 13. März, 19.30 Uhr
  • Samstag, 28. März, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 5. April, 19 Uhr
  • Donnerstag, 9. April, 19.30 Uhr
  • Mittwoch, 15. April, 19.30 Uhr
  • Samstag, 25. April, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 15 bis 41 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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