Sebastian Albrecht
16. Februar 2020

Verschmelzen der Kulturen

Im Kunstverein Hannover ist momentan mit „Beyond The Black Atlantic“ eine Gruppenausstellung vierer junger Künstler zu sehen

Leotard von Tschabalala Self

Tschabalala Self setzt sich unter anderem mit der medialen Stereotypisierung weiblicher schwarzer Körper auseinander: so in ihrem Werk „Leotard“ (2019)

In seinem 1993 veröffentlichten Buch „The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness“ beschäftigt sich der britische Soziologe und Kulturwissenschaftler Paul Gilroy mit der Kultur der afrikanischen Diaspora. Der Black Atlantic, von dem Gilroy schreibt, ist hierbei als ein transkultureller Raum zu verstehen, in dem schwarze Vergangenheit und schwarze Gegenwart lokalisiert sind. Den Namen für diesen Raum wählte Gilroy nicht zufällig, denn einerseits wurden ab dem 16. Jahrhundert die afrikanischen Sklaven von den Europäern über den Atlantik nach Amerika verschifft, womit die afrikanische Diaspora begann, auf der anderen Seite sollte durch den Atlantik aber auch Kultur als etwas Fließendes symbolisiert werden, das nicht länger statisch und an Nationen oder Territorien gebunden ist. Der Einfluss auf den Black Atlantic sei vielfältig und nicht nur afrikanischer, sondern auch amerikanischer, karibischer und europäischer Kultur. Ebenso habe natürlich der Black Atlantic auch andere Kulturen beeinflusst.

Folgt man Gilroy, gibt es im Black Atlantic keine „roots“ mehr, nur „routes“, und so ist es nur konsequent, wenn die Ausstellung „Beyond The Black Atlantic“, die seit Freitag im Kunstverein Hannover stattfindet, als Gruppenausstellung konzipiert ist und so gleich vier junge Künstlerinnen und Künstler ihren jeweils ganz eigenen Blick auf die Vorstellung einer globalen schwarzen Identität werfen lässt. Eine Vorstellung, die noch immer stark westlich geprägt ist und mit „Beyond The Black Atlantic“ erweitert oder gar aufgebrochen werden soll.

Wie der Ausstellungstitel schon andeutet, entfernt sich diese vom geschichtlichen Kontext des Black Atlantics und stellt eine zeitgenössische Betrachtung in den Mittelpunkt: Sandra Mujinga wurde in der Demokratischen Republik Kongo geboren, wuchs aber in Norwegen auf und arbeitet inzwischen auch in Berlin. Verfremdung zieht sich durch ihre multimedialen Arbeiten, die identitätspolitischen Zuschreibungen den Nährboden nehmen soll und sich mit Sichtbarkeit auseinandersetzt. Der multimediale Ansatz ist auch bei den anderen Künstlern zu finden: Der Brasilianer Paulo Nazareth bereitet seine performativen Arbeiten, die sich beispielsweise auf die Spuren von Sklaverei und Kolonialismus begeben, filmisch und fotografisch auf, entwickelt aus ihnen Installationen. Die New Yorkerin Tschabalala Self setzt sich hingegen mit dem medialen Bild der Schwarzen auseinander, sowohl in den USA als auch global, und deckt Stereotype auf. Kemang Wa Lehuleres Werk hingegen ist eng mit seiner Heimat Südafrika verbunden – Bezüge zur Apartheid finden sich immer wieder – und wirft einen kritischen Blick auf die westliche Rezeption schwarzer Künstlerinnen und Künstler. Wer neben den Werken der vier Beteiligten an weiteren Hintergrund-Informationen interessiert ist: Um 15 Uhr findet heute eine Sonntagsführung durch die Ausstellung statt.

Sonntag, 16. Februar 2020:
„Beyond The Black Atlantic“, Gruppenausstellung mit Sandra Mujinga, Paulo Nazareth, Tschabalala Self und Kemang Wa Lehulere, Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, 30159 Hannover, geöffnet: 11 bis 19 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt: 4 Euro

  • Die Ausstellung ist noch bis zum 26. April zu sehen
  • Öffnungszeiten: Di bis Sa 12-19 Uhr, So und feiertags 11-19 Uhr

(Foto: Pressefoto/Kunstverein Hannover/private collection/Copyright: Tschabalala Self)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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