Cosma Jo Gagelmann
7. März 2020

Anonymität macht uns kaputt

„Nix passiert“ heißt Kathrin Weßlings neues Buch, doch im Pavillon wird heute in den Köpfen der Zuhörer*innen sehr wohl etwas passieren

Kathrin Weßling

Ein Sprachrohr der Social-Media-Generation: Kathrin Weßling

Die Großstadt. Es ist ein Trend, gerade bei jüngeren Leuten, vom Land in die Stadt zu ziehen. Es gibt viele Gründe dafür: ein kürzerer Arbeitsweg, mehr Freizeitangebote, bessere Bildungschancen oder weil man einfach nur sagen können möchte: „Ich lebe in einer Großstadt“. Gerade wenn man single, alleine und verzweifelt ist, wird man „gut aufgefangen“, denn in Großstädten gibt es etliche Clubs, in denen man die falschen Leute kennenlernen kann. Natürlich kann man auch einen Freund finden oder sogar die Liebe seines Lebens. Aber trotzdem sind die vielen Versuchungen der schlechten, sonst verbotenen Dinge in der Stadt, weit weg von den Eltern oder den Leuten, die einen seit Kindestagen kennen, größer. Auch an Drogen kommt man hier viel besser, es gibt eben mehr als nur den einen Dealer vom Dorf. Und auch das Tinder-Profil zeigt auf einmal viel mehr Leute in der Nähe an, weil man in der Großstadt nah beieinander wohnt und auch schnell von einem Stadtteil zum nächsten gelangt, dank Bus, Bahn und Zug. Alles passiert schnell und man ist ständig in Bewegung. Oberflächlichkeit zählt hier leider mehr als das Reden über echte Gefühle. Doch obwohl so viele Menschen auf einem Haufen leben, kennen die meisten nicht mal ihren Nachbarn. Anonym ist das Wort, was den hässlichen Teil von Großstädten widerspiegelt. Wer ist Dein Nachbar? Warum hast Du nicht mitbekommen, dass ein Stockwerk über Dir seit Wochen Deine tote Vermieterin liegt? Warum guckt der Hausmeister immer den jungen Mädchen hinterher? Warum habe ich das schöne Mädchen in der U-Bahn nicht einfach angesprochen? Wenn wir einsam sind, ziehen wir uns von der Außenwelt zurück. Wir fühlen uns so verloren, dass bald eine Angst davor über uns hereinbricht, auch nur den Fuß vor die Tür zu setzen und sich mit diesem Leben zu konfrontieren.

Dem jungen Protagonisten Alex aus Kathrin Weßlings neuem Buch „Nix passiert“ ist genau das passiert. Er wohnt seit wenigen Jahren in Berlin und genießt das Großstadtleben. So zumindest antwortet er, wenn er gefragt wird. In Wirklichkeit verdient er mit seinem Programmierer-Job viel zu wenig und kommt gerade so über die Runden. Man sollte mit solchen Problemen nie alleine sein, doch seine Eltern leben weit entfernt im Heimatdorf und seine Freundin Jenny hat ihn gerad verlassen. Nach einiger Zeit sieht er ein, dass er erst mal wieder mit sich selbst klarkommen muss, um die Kraft zu haben, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Also flüchtet er zu seinen Eltern zurück aufs Land. Die eigene Kindheit zurückholen, sich in die Zeiten von damals hineinfühlen, das ist sein Ziel. Es kommt aber alles anders, denn mit seinen Eltern streitet er nur, auch seine alten Freunde fangen Streit an und schlussendlich langweilt er sich auch ziemlich. Er fragt sich, ob er seiner Heimatstadt je wirklich entfliehen kann und was für ihn überhaupt „Zuhause“ bedeutet. Doch die Zeit bleibt nicht stehen und wartet auch nicht, bis er sein Leben auf die Reihe kriegt…

Kathrin Weßling schreibt wie keine andere über das Scheitern von Personen in der Gegenwart. Sie zeigt die Verunsicherung der Social-Media-Generation, die es leicht findet, ein Bild vom Schwarm zu liken, aber daran zerbricht, über wahre Gefühle und Ängste zu sprechen. Ihre über 30.000 Follower auf Instagram und Twitter lieben Weßlings Beiträge über Themen wie Feminismus, psychische Erkrankungen und Kultur. Ihr Roman-Debüt „Drüberleben“ erschien 2013 und wurde von Regisseur Daniel Wahl in Freiburg als Theaterstück uraufgeführt. „Morgen ist es vorbei“ lautet der Titel ihres zweiten Romans, den sie 2015 veröffentlichte. Ihr dritter Roman „Super und dir“ aus dem Jahr 2018 setzte sich mit der heutigen Generation auseinander und zeigte Themen wie Arbeit, Perspektiven im Leben, wahre Gefühle und Selbstoptimierung auf. Er erhielt viele gute Kritiken und wurde sogar als „der Roman der Generation“ gefeiert. Die Journalistin, Autorin und Social-Media-Expertin schreibt auch für Zeit online, Spiegel, Myself und andere. Sie lebt in Berlin.

Samstag, 7. März 2020:
Kathrin Weßling: „Nix passiert“, Lesung, Kulturzentrum Pavillon, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 19 Euro, ermäßigt: 16 Euro

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Pavillon)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel