Milena Wurmstädt
23. Februar 2020

Im Labyrinth des Surrealismus

Urbane Wildkräuter: Im Kino am Raschplatz lief zum 120. Geburtstag des Regisseurs der Animationsfilm „Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“. Zeit für einen Besuch

Genial und provokativ: der Regisseur und Surrealist Luis Buñuel

Was ist Kunst? Gleich zu Beginn des Films „Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ von Salvador Simó werden die Zuschauerinnen und Zuschauer bei einer Diskussion unter Pariser Surrealisten mit dieser großen Frage konfrontiert. Anstatt sich mit dieser Grundsatzdiskussion aufzuhalten, schreitet der Film jedoch schnell voran. Der surrealistische Künstler Luis Buñuel, ein Freund von Salvador Dalí, hat mit seinem Film „Das goldene Zeitalter“ einen Skandal ausgelöst. Ohne geregeltes Einkommen, aber mit der fixen Idee im Kopf, einen Dokumentarfilm über die Region Extremadura in Spanien zu drehen, besucht er den befreundeten anarchistischen Dichter Ramon Acis. Dieser kauft in trunkenem Übermut ein Lotterie-Los und verspricht ihm im Fall eines Gewinns, den Film zu finanzieren. Und surrealistischer Weise tritt ebenjener Fall ein.

Acis und Buñuel reisen schließlich mit befreundeten Künstlern aus Paris in die von Armut und Kargheit geprägte Region Spaniens. Es werden Szenen des alltäglichen Lebens aufgenommen. Doch anstatt sich bloß als „neutrale“ Beobachter einzubringen, greifen die Künstler aktiv in die Realität ein, manipulieren sie und das spätere Publikum. Esel werden von Felsen geschossen und Menschen bezahlt, um Hähnen Köpfe abzureißen. Der Tod, der angeblich hinter jeder Ecke sitzt, soll herausgelockt werden. Surrealistisch ist hier nicht bloß die Kunst Buñuels, sondern auch der Erzählstil des Films. Immer wieder tauchen Kindheitsszenen aus dem Leben des Protagonisten auf. Die zentrale Person ist hier immer wieder in Freudscher Tradition eine mächtige und brutale Vaterfigur.

Regelmäßig gleitet der Protagonist Buñuel in eine Art der Trance, verliert sich in seiner Angst vor Hühnern oder dem Begehren nach einer Frau. Teilweise sind diese Sprünge äußerst ästhetisch gestaltet und entfalten nicht zuletzt durch die sehr gezielt eingesetzte Musik ihre Wirkung. An anderen Stellen fragt man sich jedoch, welchen erzählerischen Sinn diese teilweise abseitigen Traum-Sequenzen haben. Und vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass sich diese Frage nicht beantworten lässt, die den Film selbst zu einem Stück Surrealismus werden lässt. Die Bilder und Handlungen entziehen sich immer wieder gewohnten Deutungs- und Erzähl-Mustern. Wie so oft bei (mehr oder weniger) zeitgenössischer Kunst, kommt kein klar durchstrukturiertes Bild oder eine Geschichte an, um die Zuschauenden abzuholen, sondern es stellt sich die Frage, wie oder ob überhaupt die Einzelteile des Werks zusammenhängen, oder wieso man eigentlich den Film/das Theaterstück oder die Ausstellung besucht. In „Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ macht das an einigen Stellen viel, an anderen überhaupt keinen Spaß. Mal gelingt es den Traum-Sequenzen, einen an zwielichtigen Stimmungen teilhaben zu lassen, mal fühlt man sich schlicht und einfach vor den Kopf gestoßen.

Grundsätzlich spannend sind die unterschiedlichen Erzähl-Ebenen im Film. Zum einen die Ebene, auf der Buñuel und seine Freunde ihren Film drehen. Hier gibt es schnelle, unterhaltsame Dialoge und klare Handlungen. Eine weitere Ebene ist der schon erwähnte, immer wiederkehrende Trance-Zustand des Protagonisten. Als letzte erzählerische Ebene lassen sich die Originalaufnahmen aus dem tatsächlich in den 1930er-Jahren gedrehten Film „Land ohne Brot“ nennnen. Diese Kontrastierung wirft die Frage auf, wie der Dreh tatsächlich verlaufen ist und was uns Zuschauenden die Filmemacher verkaufen. Sowohl in Bezug auf die Originalaufnahmen als auch in Bezug auf den Animationsfilm. Insgesamt ein sehenswerter Film, aber eher etwas für Surrealismus-Liebhaberinnen und -Liebheber als für Kunstbanausen wie dich und mich.

(Foto: Wikipedia/gemeinfrei)

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Kategorien: Film

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