Susanne Viktoria Haupt
1. März 2020

Skandalös gut

Warum knappe Bikinis auch feministisch sein können: Das Lodderbast zeigt heute „Ein leichtes Mädchen“ von Rebecca Zlotowski als Matinée

Schlug im Vorfeld bereits auf Grund der Darstellerinnen-Auswahl große Wellen: „Ein leichtes Mädchen“, Filmplakat

Was bedeutet eigentlich Feminismus? Zum einen natürlich die Aufhebung traditioneller Rollenverteilung, Gleichberechtigung und die Chancengleichheit der Geschlechter und ja, auch die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Nein, ein kurzer Rock ist keine Einladung zum Anfassen. Egal, wie viel Haut eine Frau zeigt, ein Übergriff ist niemals irgendwie „gerechtfertigt“. Gerne wird uns Frauen vorgeworfen, dass wir doch bitte die engen und kurzen Kleidungsstücke im Schrank hängen lassen sollen, wenn wir nicht als „Sexobjekt“ begriffen werden wollen. Was viele aber nicht verstehen, ist Folgendes: Wir können mit unseren Körpern machen, was wir wollen. Wir können uns anziehen, wie wir wollen, und so viel Haut zeigen, wie wir wollen. Wir können uns sexy fühlen und sexy präsentieren und das macht uns auch nicht zu einer Schlampe. Selbst wenn wir gerne Menschen verführen. Feminismus ist eben auch echte Selbstbestimmung.

Als „Ein leichtes Mädchen“ von Rebecca Zlotowski in Cannes Premiere feierte, wurde der Film von einigen Seiten erst einmal geächtet. Das lag vor allem an zwei Faktoren. Zum einen, da eine der Hauptfiguren mit dem algerisch-französischen It-Girl Zahia Dehar besetzt wurde, die schon als 17-jährige viel Aufmerksamkeit erlangte, da sie als minderjähriges Call-Girl unter anderem mit Frankreichs Offensiv-Schatz Frank Ribéry schlief. Zum anderen erregte der Film in Zeiten der #metoo-Debatte so viel Aufsehen, weil Dehar nicht irgendeine Rolle verkörperte, sondern die einer 22-jährigen „Sexbombe“. Darf man das denn? Eine junge Frau mit vollem Busen und vollen Lippen in knappen Bikini irgendwo an den Strand legen und dann auch noch eine Story drumherum stricken, die darauf ausgelegt ist, dass die junge Frau sich genau durch diese Attribute Vorteile ergattert?

Sofia (Zahia Dehar) ist aber eben genau diese junge Frau, die sich an den luxuriösen Stränden der Côte d’Azur in knappen Bikinis rekelt und genau weiß, wie sie ihre Reize einzusetzen hat. Als dann ihre 16-jährige Cousine Naïma (Mina Farid) die Sommerferien mit ihr verbringen will, treffen zwei Welten aufeinander. Sofia lebt normalerweise in Paris und ist sowohl dort, wie auch an der französischen Südküste einen gewissen Standard gewohnt. Naïma wohnt zwar am Meer, aber ihre Mutter ist eine alleinerziehende Reinigungskraft und die Yachten im Hafen von Saint-Tropez kennen die beiden nur von Postkarten. Naïma lag es auch eigentlich fern, einen Lifestyle wie ihre Cousine auch nur im Ansatz als erstrebenswert zu finden. Ursprünglich wollte sie ans Theater und fühlte sich von Sofia sogar eher abgestoßen. Als sie dann aber immer mehr in Sofias Welt eintaucht, findet auch sie ihre aufreizende Cousine und die damit verbundenen Vorzüge faszinierend…

Und hier sind wir wieder bei der ursprünglichen Frage angelangt, ob Sofia das darf – und ja, sie darf. Das muss auch Naïma erkennen, die die Leichtigkeit und Freiheit in dem Verhalten ihrer Cousine entdeckt. Sofia liebt es, sich als „Sexbombe“ zu präsentieren. Sie liebt es, wenn bewundernde oder neidische Blicke an ihren Lippen hängen. Und Regisseurin Zlotowski geht sogar noch einen Schritt weiter und enthüllt im Laufe des Films, dass Sofia nicht nur clever ihren Körper in Szene setzen kann, sondern auch intelligent und belesen ist. Man mag sich nun einmal vorstellen, wie sehr also all jene kritischen Stimmen von Zahia Dehars vollen Lippen und knappen Bikinis abgelenkt gewesen sein müssen, um zu glauben, dass Rebecca Zlotowski, eine beliebte und erfolgreiche Vertreterin des französischen Autorinnen-Kinos mit „Ein leichtes Mädchen“ hier in eine altbackene Falle tappt. Zu sehen ist das Coming-of-Age-Drama aus weiblicher Sicht heute in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Hannovers als Matinée im Lodderbast-Kino.

Sonntag, 1. März 2020:
„Ein leichtes Mädchen“, Drama von Rebecca Zlotowski, F 2019, 92 min., OmU, Lodderbast, Berliner Allee 56, 30175 Hannover, Beginn: 11 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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