Susanne Viktoria Haupt
13. März 2020

Kleiner Rahmen, große Nummer

Mit weniger als tausend Zuschauern und daher safe: Die Literaturensöhne Chadde und Hoffmeister begrüßen heute Philipp Herold als Gast

Der Heidelberger Kulturensohn Philipp Herold komplettiert heute die beiden Literaturensöhne

Wir machen hier jetzt mal kein Pro- und Kontra-Fass auf bezüglich abgesagter Kulturveranstaltungen. Wir machen hier einfach mal lieber ein Fass auf, dass pro flauschiger Kulturveranstaltungen im kleineren Rahmen ist. Ich kann es durchaus verstehen, wenn es Menschen gibt, die es gerne groß und mächtig haben wollen. Sie wollen die gigantische Bühnenshow, den fetten Sound, sie wollen die Menschenmassen, das Massenerlebnis. Je größer, desto besser. Je lauter, desto elektrisierender. Meist liegt es sogar tatsächlich daran, weil man glaubt, dass größer auch besser sei. Mit einem einfachen Schritt könnt Ihe Euch heute selbst versichern, dass dem einfach nicht so ist. Wie das geht? Ganz einfach: Ihr besucht die Literaturensöhne heute in der Warenannahme des Kulturzentrums Faust.

Die Warenannahme ist per se bekannt für ihre lauschigen und intimen Kulturveranstaltungen. Da kann man sogar in der letzten Reihe sitzen, aber dennoch vom Künstler oder der Künstlerin wahrgenommen werden. Alles schon vorgekommen, ich spreche aus eigener Erfahrung. Die Warenannahme hat eher das Flair eines hippen Wohnzimmers im Industrie-Style. Mit dem Vorteil, dass man nicht nur wirklich jedes Wort versteht, das auf der Bühne gesagt wird, sondern vor allem in den Pausen und im Anschluss mit den Künstlerinnen und Künstlern meist noch einen Plausch halten kann. Fragen gibt’s schließlich immer. Außerdem ist eine Veranstaltung, bei der man nicht nur sitzen kann, sondern auch noch einen halben Meter Platz nach links und rechts hat, auch irgendwie entspannter, als sich in Massen zu verlieren.

Der Heidelberger Philipp Herold passt da gnadenlos gut hinein. Nicht nur, dass der 1991 geborene Poet sich schon seit Jahren über die Bühnen der Republik dichtet und moderiert, sondern auch, weil seine Texte schlicht und ergreifend Aufmerksamkeit benötigen. Bei ihm geht es nämlich nicht darum, was für ein großer und cooler Macker er ist, sondern um Inhalte, die diskutiert und ausgedacht werden müssen. Vielleicht hat er sogar sein im Herbst 2019 veröffentlichtes Werk „Alles zu seiner Zeit“ im Gepäck. Philipp Herold auf Couchella ist sogar fast besser als Rage Against The Maschine auf dem Coachella.

Die Literaturszene hat es mit der Absage der Leipziger Buchmesse hart getroffen. Viele Verlage versuchen daher, ihre Programme auf andere Art und Weise zu präsentieren. Dass eine Literaturveranstaltung aber gerade im kleineren Rahmen auch richtig Punk sein kann, zeigen die Herren Chadde und Hoffmeister bereits seit 2018 am allerbesten. Henning Chadde muss und sollte man nicht mehr vorstellen müssen. So überschaubar seine Lesebühne heute auch im Vergleich zur Buchmesse sein mag, so groß ist sein Verdienst für den hannoverschen Literaturbetrieb. Die Szene, wie wir sie heute kennen mit ihren Poetry Slams und kreativen Querköpfen wäre ohne seinen Startschuss, seine Beharrlichkeit und Energie eine völlig andere. Und ganz sicher auch deutlich langweiliger. Bernard Hoffmeister darf man aber auch nicht unter den Teppich kehren, denn auch er hat bisher schon riesige Schatten geworfen. Der studierte Philosoph und Kulturwissenschaftler steht nicht nur mit eigenen Texten auf den Slam-Bühnen oder moderiert, sondern hat auch noch eine Vorliebe für Walter Benjamin und verfasst seit 2015 freiberuflich Quizfragen für Quizsendungen im Fernsehen. Deswegen wird bei den Literaturensöhnen nicht nur vorgelesen, sondern den Gästen auch ordentlich auf den Zahn gefühlt. So professionell und großartig können Veranstaltungen im kleineren Rahmen sein.

Freitag, 13. März 2020:
Die Literaturensöhne, Die Slam-Lesebühne mit Henning Chadde und Bernard Hoffmeister, Gast: Philipp Herold, Warenannahme, Kulturzentrum Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 9 Euro

*Achtung: Die Veranstaltung wurde abgesagt!*

(Foto: Pressefotos/Kulturzentrum Faust)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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