Lorenz Varga
20. März 2020

In fünf Tagen muss er sterben!

In Friedrich Hebbels Drama „Judith“ trifft die gottesfürchtige Titelfigur auf den Feldhauptmann Holofernes. Von diesem Treffen hängt das Leben eines ganzen Volkes ab.

Friedrich Hebbel

Gehörte zu den wichtigsten Vertretern des Realismus: der Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel

Heute hätte Friedrich Hebbels Drama „Judith“ im Schauspielhaus aufgeführt werden sollen. Nun wird es natürlich aufgrund der allgemeinen Lage nicht gezeigt. Trotzdem ist das Stück interessant und hochaktuell: Feldhauptmann Holofernes ist der beste Mann von König Nebukadnezar: Er ist stark, er ist brutal und er scheint unbezwingbar. Auch die eigenen Leute regiert er mit eiserner Hand, zeigt sich geheimnisvoll und unberechenbar. Moral? Fehlanzeige. Gottesfurcht? Höchstens vor sich selbst. Ein Volk nach dem anderen unterwirft sich ihm. Kein Wunder, denn keiner will das letzte sein. Holfernes nämlich hat sich geschworen, das Volk, das sich als letztes vor ihm demütigen werde, zu vertilgen. Nun steht er vor den Toren Bethuliens, einer befestigten Stadt im Gebirge. Dort lebt das gottesfürchtige Volk der Ebräer. Es ist das einzige Volk, dass sich nicht unterworfen hat.

In Bethulien herrscht Angst und Ratlosigkeit. Das Trinkwasser wird knapp, denn Holofernes hat den Brunnen vor den Toren der Festung besetzt. Während die Priester auf Gott vertrauen, wollen andere die Tore öffnen und sich der Gnade des Holofernes ausliefern. Man gibt sich fünf Tage, um auf ein Zeichen Gottes zu warten. Unterdessen fordert die jungfräuliche Witwe Judith von ihrem nervigen Verehrer Ephraim, er solle hingehen und als Zeichen seiner Liebe den Holofernes töten. Dann könne sie vor ihm Achtung empfinden und er seinen Lohn empfangen. Als Ephraim dies als Unmöglichkeit zurückweist, verhöhnt sie nicht nur ihn, sondern gleichsam die Feigheit der Männer insgesamt. Darin sieht sie aber auch einen Wink Gottes, der die Rettung ihres Volkes wohl in die Hände einer Frau legen will. Nach langem Warten auf ein Gotteszeichen erkennt sie schließlich den Preis: ihre Jungfräulichkeit für Holofernes‘ Kopf. Judith muss durch die Sünde, um ihr Volk zu retten…

Damals in der Hochzeitsnacht war Judiths Mann vor ihr zurückgeschreckt und schließlich irre geworden. Kurze Zeit später starb er, ohne dass sie jemals miteinander geschlafen hätten. Das Geheimnis jener Nacht nahm er mit ins Grab. Seitdem gilt Judith in Bethulien als äußerst fromm und gottesfürchtig, mitunter sogar als Engel. Nun wird sie von Mirza, ihrer Magd, abermals hochzeitlich geschmückt und beide gehen ins Lager des Feldhauptmanns. Dort gerät Judith ins Wanken. Holofernes ist nicht nur ein gewalttätiger Barbar, sondern auch ein kluger und attraktiver Mann. Wie soll sie einen Mann töten, den sie als Frau begehrt? Hier weicht das Stück von Hebbel stark von der biblischen Vorlage ab, indem er nicht zwei Ideale, sondern zwei Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Zweifeln und Anfeindungen aufeinanderprallen lässt. Nach dem „Werther“ wäre „Judith“ die zweite Inszenierung von Regisseurin Lilja Rupprecht in dieser Spielzeit gewesen. Immerhin hat diese Ankündigung auf einen spannenden Stoff neugierig gemacht, denn man jetzt in aller Ruhe nachlesen kann.

Freitag, 20. März 2020:
„Judith“, Theaterstück von Friedrich Hebbel, leider heute nicht im Schauspielhaus Hannover zu sehen, aber trotzdem lesenswert

(Foro: Wikipedia/gemeinfrei)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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