Lorenz Varga
4. April 2020

Auch im Zahnschmerz ist Genuss

Heute hätte der Ballhof eine von Dostojewskis kleinen Perlen gezeigt – lesenswert ist die Erzählung „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ in jedem Fall

Held oder Schmutz? Wolf List und Hajo Tuschy bei den Proben zu „Aus dem Kelleloch“

„Ich bin ein kranker Mensch“, lautet der erste Satz des namenlosen Protagonisten. Doch seine Krankheit ist keine körperliche, seine Krankheit ist geistiger Natur. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die er für dumm hält, und die daher im Einklang mit der Vernunft zu leben wissen, sieht er sich als Erkennenden. Die Menschen um ihn herum betrachtet er als Totgeburten: „Es ist uns ja schon lästig, Menschen zu sein, Menschen mit wirklichem, eigenem Leib und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für Schande und drängen uns dazu, irgendwelche noch nie dagewesenen Allmenschen zu sein.“ Menschsein bedeutet mehr, als vernünftig nach eigenen Vorteilen zu streben. Menschsein hat viel mit Freiheit und Individualismus zu tun und mit der Behauptung seines Willens. Wenn dieser Wille gegen die eigenen Vorteile steht, so kann es genussvoller sein, den Willen durchzusetzen und den Schmerz zu ertragen. In diesem Sinne liegt auch im Zahnschmerz noch Genuss. Und in diesem Sinne ist der namenlose Protagonist in „Aus dem Kellerloch“ ein echter Dostojewskischer Held, der mit der Kategorie Vernunft schwerlich zu fassen ist.

Der etwa vierzigjährige Antiheld der Erzählung, ein ehemaliger kleiner Beamter, haust in ärmlichen Verhältnissen in einem Kellerloch irgendwo in Petersburg. Dort hat er sich in seiner menschenfeindlichen Einsamkeit eingerichtet und notiert die episodischen Erlebnisse, die ihn bis in die Gegenwart hinein verfolgen. Er berichtet vom langen Kampf mit einem Offizier, von den Demütigungen und Erniedrigungen, die er von diesem erfuhr und die gerade darin lagen, dass er von diesem gar nicht wahrgenommen, sondern wie ein lästiges Insekt unmerklich beiseite geschoben wurde. Nicht einmal zum Hinausgeworfenwerden reicht es. Wie ein lästiges Insekt, eine gewöhnliche Fliege, die man kaum wahrnimmt, wird er auch von seinen ehemaligen Mitschülern behandelt, denen er sich zu einem Abendessen aufdrängt. Unfähig, Contenance zu wahren, suhlt er sich in seiner freiwilligen Selbsterniedrigung und wankt stundenlang zwischen Beschämung und Duellieren. Schließlich landet er in einem Bordell, wo er Susi kennenlernt und sich ihr gegenüber als möglicher Retter inszeniert. Entweder Held oder Schmutz, ein Mittelweg existiert bei ihm nicht. Nach tagelangem Bangen, ob Susi seiner Einladung folgen würde, erscheint diese tatsächlich in seinem Kellerloch. Es wird ein desaströses, zerstörerisches Aufeinandertreffen.

Freitag, 4. April 2020:
„Aus dem Kellerloch. Bei nassem Schnee“, Nach der Erzählung von Fjodor Dostojevski, das Stück wäre heute im Ballhof zu sehen gewesen, es wiederzuentdecken lohnt allemal

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Bühne, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel