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Hannovers grauenvollster Fall

Seitenansicht: „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz

Oft rezipiert, aber in dieser Form und Intensität einmalig: der Comic „Haarmann“, Buchcover

Für die heutige Seitenansicht habe ich mich ausnahmsweise mal wieder am Bücher-Regal meines Sohnes bedient. Aber was kann ich dafür, wenn er solche Schätze wie „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz geschenkt bekommt? Ignorieren zwecklos. Deswegen betrachten wir heute ein dunkles Kapitel unserer geliebten niedersächsischen Landeshauptstadt. Und das fand in der Zeit zwischen den Kriegen statt. In dieser Zeit mordete der Hannoveraner Fritz Haarmann. Insgesamt wurde er für 24 Morde zum Tode verurteilt. Ob die Dunkelziffer höher lag, ist bis heute nicht bekannt. Seine Opfer waren allesamt Jungs und junge Männer im Alter von zehn bis zweiundzwanzig Jahren. Dieser Fakt alleine lässt es einem bereits eiskalt den Rücken herunterlaufen, oder etwa nicht? Ein Serienmörder in unserer beschaulichen Stadt, die doch immer um Aufmerksamkeit kämpfen muss, scheint unvorstellbar. Aber dennoch gehört auch dieses dunkle Kapitel zur hannoverschen Stadtgeschichte.

Mit Peer Meter hat sich bereits 2011 ein echter Comic-Fan und Könner an Haarmanns Geschichte herangewagt. Der Bremer Schriftsteller hat schon früh eine Vorliebe für Comics entwickelt und war 1976 Mitbegründer des Comic-Magazins Com-Mix. Diese Arbeit motivierte ihn seitdem, mit unterschiedlichen Zeichnerinnen und Zeichnern zusammenzuarbeiten. 1992 wurde er dafür für den beliebten Max-und-Moritz-Preis nominiert. Für „Haarmann“ bekam er 2011 den Münchner Comic-Preis zugesprochen. Isabel Kreitz wiederum gehört zu den erfolgreichsten Comic-Zeichnerinnen Deutschlands. Die 1967 geborene Hamburgerin wurde bereits mehrfach mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet, mit dem Sondermann-Preis und vergangenes Jahr zudem mit dem Wilhelm-Busch-Preis. Sie verleiht der Geschichte im Fall von „Haarmann“ ddie nötige Präzision.

„Haarmann“ besticht bereits auf der allerersten Seite. Schlägt man den Comic auf, wird man direkt mit Zeitungsmeldungen von 1924 konfrontiert, die als sich als Laufschrift über die Seiten ziehen. Die Namen der jeweiligen Opfer sind fettgedruckt hervorgehoben. Die absolut gruselige Atmosphäre erwartet einen dann auch direkt auf den nachfolgenden Seiten. Kreitz hat sich für die Darstellung der Hannoverschen Altstadt an originale Aufzeichnungen gehalten. Menschen hängen die Köpfe aus den Fenstern und beklagen sich darüber, dass man die Leine schon eher hätte trockenlegen müssen. Währenddessen sammeln Polizisten unten Knochen und Schädel aus dem Wasser. Kreitz und Meter haben Haarmanns Horrortaten in insgesamt sieben Episoden unterteilt, die einen die Unsicherheit und Angst der damaligen Zeit deutlich spüren lassen. Als Leserin erfahre ich nämlich nicht mehr und nicht weniger über den Fall, als die hilflose Polizei weiß. Dafür sehe ich konstant in die ratlosen und verängstigten Gesichter aller Beteiligten. Kreitz verzichtet bewusst auf blutige oder allzu explizite Darstellungen. Auch Meter verliert sich nicht in übertrieben anschaulichen Ausführungen, sondern spielt rein sprachlich mit dem Gefühl der Bedrohung. Bei dem Können der beiden reicht das, um maximales Unbehagen hervorzurufen.

Isabel Kreitz und Peer Meter haben mit „Haarmann“ einen außergewöhnlichen Comic abgeliefert, der zu Recht hohe Wellen geschlagen hat. Man merkt diesem Werk nicht nur an, dass hier Leidenschaft für das Genre besteht, sondern auch, dass intensiv im Fall Haarmann recherchiert wurde. Und einmal mehr wird gezeigt, was das Format Comic überhaupt kann. Während Comics früher ausschließlich mit Superhelden in Verbindung gebracht wurden, brach Art Spiegelman das Genre Anfang der 1990er-Jahre auf und erhielt für seinen Comic „Maus“ sogar den Pulitzer Preis. Seitdem geht es im wissenschaftlichen Diskurs schon lange nicht mehr darum, was ein Comic darf oder nicht, sondern wie es künstlerisch aufbereitet wurde. „Haarmann“ ist weitaus mehr als ein Stück hannoversche Kriminalgeschichte, sondern viel mehr ein Beweis, wie gut und treffsicher Text und Bild miteinander arbeiten können.

Isabel Kreitz und Peer Meter: „Haarmann“, 176 Seiten, Carlsen Verlag, ISBN-13: 978-3551791078, 19,90 Euro

(Foto: Buchcover)

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