Sebastian Albrecht
15. März 2020

Von der Fotografie

Im Sprengel Museum sind momentan die beiden Ausstellungen „Kleine Geschichte(n) der Fotografie, #2“ und „Ian Wiblin. Night Wash“ zu sehen

Displaced Statue von Ian Wiblin

Melancholie in schwarz-weiß: „Displaced Statue“ von Ian Wiblin aus der Ausstellung „Night Wash“

Wie auch in vielen anderen Städten werden in Hannover Behörden und öffentliche Einrichtungen geschlossen, um der Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 entgegenzuwirken. Das gilt ebenfalls für das Sprengel Museum, das ab morgen (Montag, 16. März) vorerst seine Türen schließen wird – es werden also weder Veranstaltungen stattfinden noch die aktuellen Ausstellungen zu sehen sein. Somit wäre heute erst einmal der letzte Tag für einen Museumsbesuch. Ob Ihr die Chance noch nutzen solltet? Um diese Frage zu beantworten, ist der Autor dieses Textes definitiv der falsche Ansprechpartner, schließlich hält sich sein Wissen im Bereich Virologie doch in überschaubaren Grenzen. Entscheiden müsst Ihr die Frage jeder für Euch selbst, idealerweise nachdem Ihr Euch eingehend zur aktuellen Lage informiert habt. Wer etwas Zeit mitbringt, dem seien beispielsweise die täglichen Podcasts des Virologen Christian Drosten beim NDR ans Herz gelegt. Was gesagt werden kann: Vorsicht ist gut, Panik hingegen nicht. Und auch nicht angebracht: Barrikadiert werden muss sich nicht, das Heim kann noch verlassen werden, ohne zwangsläufig gleich infiziert zu sein.

Doch welchen Sinn hat es eigentlich, noch (Kultur-)Veranstaltungen anzukündigen, wenn die Einrichtungen nun geschlossen werden und ein Besuch damit hinfällig wird? Die gute Nachricht ist: Das Leben geht weiter, die öffentlichen Einrichtungen werden irgendwann wieder öffnen, der Alltag wieder einkehren. Wer die Nachrichten verfolgt hat, wird jedoch mitbekommen haben, dass das Corona-Virus auch Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird beziehungsweise bereits hat. Das gilt natürlich nicht nur für die Vertreter des Milliarden-Zirkus Fußball, die in den letzten Tagen medial omnipräsent waren, sondern besonders auch für dessen Amateur-Bereich, andere Sportarten, Freiberufler und Selbstständige, denen Aufträge wegbrechen, die in manchen Branchen mit Absagen geradezu überflutet werden, für Klein- und Mittelstandsunternehmen, für das Lieblingscafé an der Ecke für Künstlerinnen und Kulturschaffende, die Veranstaltungen absagen müssen, um nur einige zu nennen.

Seinem Alltagstrott nicht nachgehen zu können, ist zwar ärgerlich, aber eigentlich gar nicht so schlimm: Ein Vorrat an Büchern, gute Musik und der bevorzugte Streaming-Anbieter, dazu den Liebsten oder die Liebste in Reichweite oder wenigstens auf der Kurzwahltaste, und es könnte so manche Apokalypse überstanden werden – zumal die Supermärkte weiterhin geöffnet haben. Anders sieht es für die oben Genannten aus. Für Tage, vielleicht Wochen oder Monate sein Geschäft schließen oder eine ganze Tour absagen zu müssen, bleibt nicht ohne Spuren. Die Regierung hat Unternehmen schon Unterstützung zugesagt. Ob das ausreichen wird, soll ebenfalls an dieser Stelle nicht bewertet werden. Dafür soll auch hier darauf hingewiesen werden, an diejenigen zu denken, die Euch Freude bereiten, die einen Anteil zu eurem Alltag beitragen, sei es das Café, in dem ihr jeden Sonntag mit Freundinnen und Freunden sitzt, Eure Lieblingsband, deren Konzert nun verschoben wurde, der freiberufliche Techniker, der seit Jahren für den reibungslosen Ablauf Eurer Veranstaltungen sorgt, aber auch die alte Dame im zweiten Stock, mit der ihr Euch immer so gut unterhaltet, oder wer auch sonst. Denn es ist nicht in erster Linie die Krise, die eine Situation schlecht macht, sondern der Umgang mit ihr. Darum seid solidarisch und unterstützt, was Euch wichtig ist.

Das trifft auch auf das Sprengel Museum zu. Die Ausstellungen, die nun ab morgen geschlossen sind, sind durch den Corona-Virus nicht aus der Welt, also bookmarkt Euch die interessanten, schreibt sie in die Kalender oder wie auch immer und schaut sie Euch an, wenn das Museum wieder öffnet. Oder, falls ihr Euch so entschieden habt, geht heute noch hin. Doch was gibt es im Sprengel Museum eigentlich aktuell zu sehen? Zwei der Ausstellungen aus dem Programm seien hier stellvertretend genannt, beide sind noch bis zum 24. Mai zu sehen. Die erste heißt „Kleine Geschichte(n) der Fotografie, #2“. Unter den bildenden Künsten ist die Fotografie, im Vergleich zur Skulptur oder dem Leinwand-Gemälde, eine noch eher junge Disziplin, als ernstzunehmende Kunstform ist sie aber inzwischen weitestgehend anerkannt. Jung muss hier natürlich im Kontext gesehen werden, schließlich wurde das erste dauerhafte Foto vor fast zweihundert Jahren (1826) geschossen. Und so gibt es schon einiges an Geschichten und einiges an Geschichte über die Fotografie zu erzählen. Bei „Kleine Geschichte(n) der Fotografie“ handelt es sich um eine Ausstellungsreihe in mehreren Kapiteln. Die erste Ausstellung war 2018 zu sehen, das zweite Kapitel ist nun zu begutachten und stellt verschiedene Künstlerinnen und Künstler vor und gegenüber.

Die zweite Ausstellung ist mit „Kleine Geschichte(n) der Fotografie“ verknüpft und befasst sich folglich ebenfalls mit Fotografie. „Night Wash“ ist ein Projekt des englischen Fotografen und Filmemachers Ian Wiblin, das 1995 während eines Stipendien-Aufenthalts in Cambridge entstand. Die Fotos in schwarz-weiß gehalten erzeugt „Night Wish“ eine melancholische, fast klassische Atmosphäre – dem Apokalypse-Romantiker mag vielleicht „Endzeitstimmung“ in den Sinn kommen. Doch trifft das eigentlich nicht wirklich, denn Wiblins Motive vermitteln weniger Endzeit als vielmehr eine gewisse Leere und Einsamkeit, die Abwesenheit der Menschheit und dieser Fakt lässt einen fast schon zwangsläufig ins Philosophieren über das Verhältnis von Natur und Zivilisation kommen. Wer sich für Fotografie interessiert, dem seien auf jeden Fall beide Ausstellungen wärmstens empfohlen. Beide können im Sprengel Museum angesehen werden.

Sonntag, 15. März 2020:
„Kleine Geschichte(n) der Fotografie, #2″/“Ian Wiblin. Night Wash“, Doppel-Ausstellung, Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover, geöffnet: 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 7 Euro, ermäßigt: 4 Euro

  • Die Ausstellungen sind noch bis zum 24. Mai 2020 zu sehen
  • Öffnungszeiten: Di 10-20 Uhr, Mi-So 10 bis 18 Uhr
  • freitags Eintritt frei
  • Aufgrund des Corona-Virus bleibt das Sprengel Museum ab Montag, den 16. März vorerst geschlossen

(Foto: Pressefoto/Sprengel Museum Hannover/Courtesy by Ian Wiblin, Copyright: Ian Wiblin)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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