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Zerstörte Leben

Seitenansicht: „Die Nickelboys“ von Colson Whitehead

Mit „Die Nickel Boys“ greift Colson Whitehead ein sehr dunkles, aber ebenso aktuelles Thema der amerikanischen Gesellschaft auf

Eigentlich hatte sich der amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead nach seinem weltweiten Bestseller „The Underground Railroad“ dazu entschieden, als nächstes einen etwas leichteren Stoff in Angriff zu nehmen. Aber wie hat schon Lewis Carrolls Alice gesagt: „Ich gebe gute Ratschläge, ich befolge sie nur selten selbst.“ Frei zitiert. Als Whitehead jedoch von den Leichenfunden auf dem Gelände der Florida School for Boys las, wusste er, dass auch sein kommender Roman wieder sehr komplex wird, wenn auch ohne phantastische Elemente. Mit „Die Nickel Boys“ widmet sich der New Yorker einem sehr düsteren Thema des gegenwärtigen Amerikas.

Die Florida School for Boys war eine von 1900 bis 2011 bestehende Besserungsanstalt für schwer erziehbare oder straffällig gewordene Jugendliche. Allerdings zielte diese Anstalt nicht wirklich auf die Resozialisierung ab, sondern war bekannt für zahlreiche Misshandlungen an den Heranwachsenden. Im Zentrum von Whiteheads Roman „Die Nickel Boys“ steht die Geschichte von Elwood, einem jungen Mann in den 1960er-Jahren. Mit dem High School-Abschluss in der Tasche und einem Rucksack voller Träume und Ideale will er nun zum College trampen, landet aber unglücklicherweise bei einem Auto-Dieb auf dem Beifahrersitz. Obwohl Elwood von dem Diebstahl nichts wusste, wird er in die Besserungsanstalt Nickel-Academy gesteckt. Innerhalb der Anstalt stößt er auf unvorstellbare Zustände. Folterungen und Schläge gehören zur Tagesordnung, Jugendliche verschwinden spurlos aus der Anstalt. Angeblich sind sie ausgebrochen, aber jeder weiß, dass sie eigentlich ihr Leben lassen mussten. Inmitten des Chaos lernt Elwood Turner kennen und es entsteht eine Freundschaft, die beiden Halt und Kraft gibt. Beide beginnen nun selbst, ihren Ausbruch zu planen. Ein kühnes Vorhaben, denn bisher haben die meisten Jugendlichen diesen Versuch mit dem Leben bezahlen müssen.

„Die Nickel Boys“ ist kein einfaches Buch. Die Lektüre liegt einem wie Zement im Magen und das liegt nun mal auch an dem Umstand, dass sich hier Fiktion mit grausamer Realität verbindet. Dennoch versteckt sich hinter Whiteheads Roman keine Reportage, sondern ein brillanter Roman mit knallharter Thematik. Aber auch, wenn man nun denkt, dass die Anstalt, auf der dieser Roman basiert, immerhin 2011 geschlossen wurde und der Spuk damit vorbei ist, ist ein Detail leider sehr aktuell. Denn Elwood gerät in diese Hölle einzig und allein auf Grund seiner Hautfarbe. Wäre er als weißer junger Mann auf dem Beifahrersitz eines Auto-Diebs gelandet, wäre die Geschichte höchstwahrscheinlich anders verlaufen. Das ist eine traurige Wahrheit.

Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“, Übersetzung von Henning Ahrens, 224 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446262768, 23 Euro

(Foto: Buchcover)

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