Sebastian Albrecht
31. März 2020

Das Wichtigste der unwichtigen Dinge

Im Literarischen Salon hätte heute Abend Daniel Cohn-Bendit aus seiner Autobiographie „Unter den Stollen der Strand“ gelesen

Ist nicht nur Politiker, sondern auch glühender Fußball-Fan: der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit

Es sind fürwahr keine schönen Tage für Fußball-Fans: Ob die Saison gerade erst begonnen hat oder in die heiße Phase kommt, ob der eigene Verein einen Lauf hat oder mit dem neuen Trainer seit Ewigkeiten endlich, endlich wieder punkten möchte, in verlässlicher Regelmäßigkeit grätscht die Länderspielpause dazwischen, macht alles zunichte, steigert die Spannung ins Unerträgliche und meuchelt sie gleichermaßen auf den Nullpunkt. Sie ist eines der Feindbilder der Fußball-Fans und in ihrem Fall kann gesagt werden: völlig zu Recht! Auch dieses Wochenende pausierten die nationalen Ligen wieder, stattdessen rollte der Ball bei den Nationalmannschaften. Am Donnerstag verlor „Die Mannschaft“ – älteren Fußballinteressierten noch als DFB-Team oder Deutsche Nationalmannschaft geläufig – gegen Spanien deutlich mit 0:4, heute Abend trifft sie in Nürnberg auf Italien. Dass es sich bei beiden Spielen um Freundschaftspiele handelt, macht die Pause gleich noch etwas ärgerlicher, stehen doch viele Entscheidungen an: Meisterschaft, Aufstieg, Abstieg, Final-Einzüge in diversen Wettbewerben.

Was in etwa die Gefühlslage vieler Fußball-Fans beschreibt, wenn erneut eine Länderspielpause ansteht, spielt gerade natürlich keine Rolle. Deutschland hat nicht in Spanien verloren und spielt heute Abend auch nicht gegen Italien. Besonders Italien und Spanien haben momentan andere Probleme, für Deutschland gilt es, nicht ähnlich große Probleme zu bekommen wie die beiden Länder. Nicht nur nationale Ligen machen gerade Pause, sondern in großen Teil der europäische Fußball insgesamt – und das nicht nur dieses Wochenende, sondern bereits seit Anfang März. Dem Corona-Virus muss sich auch der Milliarden-Zirkus Fußball beugen. Zumindest für den Verfasser dieses Textes ist die erzwungene Pause bereits zu einer bizarren Normalität geworden, denn auch wenn der Fußball einen fast schon lächerlich großen Einfluss auf das eigene Leben hatte, gibt es eben Wichtigeres. Abgesehen davon: Was würde beispielsweise die erste Meisterschaft seit über dreißig Jahren des FC Liverpools bedeuten, wenn die verbliebenen Spiele vor leeren Rängen nachgeholt würden, eine Meisterfeier mit den eigenen Fans ausbliebe? Ein seltsames Gefühl, irgendwie egal. Der Fußball wäre endgültig auf das reduziert, worauf er sich in den letzten Jahren zubewegt hat: bloßes Business.

Aber nicht nur der Fußball pausiert, auch der Rest des öffentlichen und sozialen Lebens steht größtenteils still. Das gilt auch für den Literarischen Salon und seine Veranstaltungen wie die für heute geplante Lesung mit dem Grünen-Politiker und Publizisten Daniel Cohn-Bendit. Doch was hat die eigentlich mit Fußball zu tun? Beschäftigten sich Cohn-Bendits bisherige Bücher mit politischen Themen, handelt es sich bei seinem jüngst erschienenen Werk um eine Autobiographie. Um Politik kommt diese natürlich auch nicht herum, doch setzt sie sich, wie ihr Titel „Unter den Stollen der Strand“ schon vermuten lässt, dazu mit einer zweiten Leidenschaft Cohn-Bendits auseinander: dem Fußball. Ein Leben ohne Fußball wäre für Cohn-Bendit genauso unvorstellbar wie eines ohne Politik, beides ist untrennbar mit seinem Leben verknüpft. Als Sohn deutsch-jüdischer Eltern, die 1933 vor den Nazis nach Frankreich flohen, wurde er 1945 einen Monat vor Kriegsende in Frankreich geboren, wuchs dort in der Normandie und Paris auf, bis seine Familie nach Frankfurt am Main zog. Für sein Studium kehrte er nach Paris zurück, um danach abermals in Frankfurt zu landen. Auch fußballerisch kam er herum: Schwärmte er erst für Stade de Reims, St. Etienne und die französische Nationalmannschaft, schlug sein Herz – nach kleinen Anlaufschwierigkeiten – später auch für die Frankfurter Eintracht. Während der WM 1958 waren es die Brasilianer, für die er seine Begeisterung entdeckte.

Fußball ist nicht nur ein Sport, das Treten von zwei mal elf Spielern gegen einen Ball, er ist auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, des eigenes Lebens, das gilt auch für Daniel Cohn-Bendit. Und so ist es naheliegend, seine Autobiographie nicht nur anhand der Politik, sondern auch anhand des Fußballs zu erzählen. Heute Abend hätte Cohn-Bendit im Literarischen Salon aus seinem Buch „Unter den Stollen der Strand“ gelesen und zusammen mit dem Literatur-Redakteur Alexander Solloch, ebenfalls stark fußballbegeistert, über „das Wichtigste der unwichtigen Dinge“ (Jürgen Klopp) diskutiert. Wie zahlreiche andere Veranstaltungen muss auch diese wegen des Corona-Virus entfallen. Vorerst, denn der Literarische Salon versucht die ausgefallenen Veranstaltungen nach Möglichkeit nachzuholen – es lohnt sich also, neben dem Solidaritätsgedanken natürlich, bereits erworbene Tickets erstmal aufzubewahren und sich auf der Website des Literarischen Salons auf dem Laufenden zu halten. Wer nicht so lange auf „Unter den Stollen der Strand“ warten möchte, kann sich aber entweder das Buch beim Buchhändler seines Vertrauens besorgen, denn obwohl auch Buchläden schließen mussten, bieten doch die meisten die Möglichkeit an, sich Bücher zu bestellen und schicken zu lassen. Die andere Möglichkeit ist, einfach selbst oder mit den besten Freunden über den Einfluss des Fußballs auf das eigene Leben zu philosophieren.

Dienstag, 31. März 2020:
Die Lesung zu Daniel Cohn-Bendits Autobiographie „Unter den Stollen der Strand“ im Literarischen Salon entfällt wegen des Corona-Virus. Wir empfehlen stattdessen das Buch zu lesen und/oder ausgiebig über die eigene Beziehung zum Fußball zu fachsimpeln – alleine oder mit Freunden!

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/C. Loewen)

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Kategorien: Literatur, Sports, Tagestipps

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