Susanne Viktoria Haupt
12. April 2020

„Gut ist, was gut tut“

Über die neuen Herausforderungen als freie Künstlerin und Tipps zum Umgang mit der Krisensituation: langeleine.de im Gespräch mit der Poetin und Diplom-Psychologin Pauline Füg

Macht derzeit wie viele andere das Netz zur Bühne: Pauline Füg

Corona stellt uns derzeit alle vor große Herausforderungen. Ganz gleich, ob wir alleine zu Hause sitzen oder in Gesellschaft. Ganz gleich, ob wir in Kurzarbeit sind, im Home Office oder aber an vorderster Front. Als Online-Journal, dass sich größtenteils auf Kultur fokussiert, haben wir natürlich auch unsere Künstlerinnen und Künstler im Blick.mit denen wir schon zusammengearbeitet haben. Mit Pauline Füg habe ich erstmalig im Rahmen eines „Buch oder Bier?“-Poetry Slams Bekanntschaft gemacht. Überzeugt hat sie mich nicht nur mit ihren poetischen und atmosphärischen Texten, die pointiert komponierte Welten im Kopf entstehen lassen, sondern auch durch ihre unaufgeregte und optimistische Ausstrahlung. Hinter der Schriftstellerin stecken aber nicht über über 15 Jahre Bühnenerfahrung, sondern auch ein Diplom in Psychologie. Daher freuen wir uns, dass sie sich für langeleine.de Zeit genommen hat, um mit uns über ihre eigenen Erfahrungen als Künstlerin mit der Corona-Krise zu sprechen, und gleichzeitig auch ein paar wertvolle Tipps für den Umgang mit dieser unsicheren Zeit zu teilen.

langeleine.de: Pauline, die wichtigste Frage zuerst. Wie geht es Dir und sind Du und deine Liebsten alle fit?

Pauline Füg: Mir geht es gut, meiner Familie auch. Mein Mann und ich strukturieren uns den Tag gut und schauen, dass wir zu Hause auch viel Bewegung bekommen und gesund essen.

ll: In Hannover kennt man Dich vornehmlich durch Poetry Slam-Formate. Du verdienst auch Dein Geld größtenteils mit Lesungen, Veranstaltungen und Workshops. Wie wirkt sich die Virus-Krise auf Dein berufliches Leben aus und welche Lösungen hast Du bisher für Dich gefunden?

Pauline Füg: Aktuell sind bis Mitte Juni nahezu alle Veranstaltungen abgesagt worden. Die wenigen, die noch im Kalender stehen, stehen auch auf der Kippe. Fast täglich trudeln neue Absagen ein. Das bedeutet für mich einen immensen Verdienstausfall. Ich habe jetzt die Förderung vom Bund für Solo-Selbstständige beantragt. Ich habe jetzt aber auch schon einige Literatur-Veranstaltungen digital machen können. Toll finde ich es, wenn Städte da auch Gelder zur Verfügung stellen. So können Menschen in der Quarantäne Kunst genießen und die Künstler*innen können den Verdienstausfall ein wenig Puffern. Ich bin auch gespannt, wie sich das Überangebot an kostenlos zur Verfügung gestellter Kunst im Internet auswirken wird. Ich hoffe, dass es nicht das Signal setzt, dass Kunst überall kostenlos verfügbar ist und dann Menschen nach dem Lockdown plötzlich wieder Geld bezahlen müssen. Der Wert von Kunst muss klar sein.

Gemeinsam mit Tobias Heyel gründete Füg das bekannte Spoken Word-Duo großraumdichten. Ohne musikalische Begleitung findet man sie aber auch, beispielsweise in der Anthologie „Lautstärke ist weiblich“ vom Satyr Verlag

ll: Stichwort Förderung. Sind die bürokratischen Hürden bei der Antragsstellung tatsächlich so niedrig gehalten?

Pauline Füg: Erst seit es das neue Formular vom Bund gibt, finde ich es besser. Vorher stand (in Bayern, wo ich mittlerweile wohne) darin, dass man erst alle privaten Rücklagen aufbrauchen muss. Also die Rücklagen für Steuer, Sommerpause, die Zeit, in der ich am Roman arbeite und nichts verdiene und so weiter. Das hätte das Problem nur nach hinten verschoben. Das ist im neuen Formular zum Glück nicht mehr so. Das fand ich gut verständlich und wirklich schnell auszufüllen. Es gibt natürlich immer Unsicherheiten, weil einfach alles so schnell gehen muss. Jetzt bin ich gespannt, ob die Förderung bewilligt wird.

ll: Du hast Dir nun auch eine eigene Patreon-Seite eingerichtet. Welche Erfahrungen hast Du bisher mit der Plattform gemacht und siehst du diese Krisenzeit vielleicht als Anstoß, dass mehr Künstler*innen sie künftig mit Erfolg nutzen werden und können? Vielleicht auch, um einem eventuellen Trend von kostenlos verfügbarer Kultur online entgegenzuwirken?

Pauline Füg: Ich wollte mir sowieso schon die ganze Zeit mal eine Patreon-Seite erstellen. Da hab ich die Corona-Krise jetzt zum Anlass genommenen, das mal zu machen. Finde ich ’ne gute Sache, genau aus dem Grund, das Kunst auch einen Gegenwert bekommt. Ich hab meine Seite noch nicht so richtig beworben, weil jetzt noch gar keine Zeit dafür war. Ich arbeite aktuell doppelt so viel wie sonst, einfach, weil so viel wegen des Corona-Chaos zu tun ist.

ll: Bevor wir auf Deine derzeitigen Projekte zu sprechen kommen, muss ich dringend mal in anderer Sache nachhaken. Du bist auch Diplom-Psychologin und veröffentlichst auf Deinen Social Media-Kanälen Tipps zur seelischen Gesundheit, um möglichst entspannt durch diese Krisenzeit zu kommen. Was sind so die hauptsächlichen Probleme, mit denen die Menschen in Zeiten von Social Distancing zu kämpfen haben könnten?

Pauline Füg: Das erste was ich dachte, als am 13. März der Lockdown bekanntgegeben wurde, war: Krass, das ist mental einfach für viele Menschen so eine neue Situation, ich will da was machen und sie unterstützen. Dann habe ich angefangen, auf Instagram Mental-Health-Tipps für die Corona-Krise zu geben. Viele Menschen, die alleine wohnen, fühlen sich einsam. Anderen wiederum, mit kleinen Kindern, bekommen den Lagerkoller. Und dann kann die Ungewissheit über die Zukunft oder die Angst, zu erkranken, auch Panik auslösen. Menschen, die vorher schon mit psychischen Erkranken zu kämpfen hatten, sind plötzlich auf sich alleine gestellt mit ihren Sorgen. Psycho-sozial macht die Corona-Krise extrem viel mit den Menschen. In der Schule gibt es leider keine Fach wie Resilienz. Und genau das ist es, was wir gerade brauchen: Strategien, um resilient zu werden und stark durch Krisen zu gehen. Sei es eine kollektive Krise wie die Corona-Krise oder eine individuelle wie Trennung von dem/der Partner*in, Verlust des Jobs und so weiter.

ll: Der Guardian hat bereits berichtet, dass in Großbritannien ein Anstieg von Depressionen und Angststörungen zu verzeichnen ist. Was sind Deine Top-Strategien gegen diese Stress-Situation?

Pauline Füg: Ich empfehle, nur ein Mal am Tag Nachrichten zu lesen oder zu hören und das von ein oder zwei guten Quellen. Zum Beispiel den Podcast mit dem Virologen Christian Drosten (Corona Update) und dann noch die regionale Zeitung. Auch mal für ein oder zwei Tage Medien-Pause machen ist gut. Und sich dann etwas Gutes tun. Eine entspannende Serie schauen, ein Buch lesen, baden. Sich bewegen ist auch gut. Entweder man geht spazieren oder macht mit Apps oder Youtube-Kanälen Sport zu Hause. Ich mache täglich Yoga mit dem Kanal „Yoga with Adriene“. Grundsätzlich geht es darum, zu schauen, was einem gut tut und für sich selbst zu sorgen. Wenn man akute Panik hat, helfen Methoden wie die Emotional Freedom Technique (findet man bei Youtube gut erklärt) oder auch ganz simpel tief durchatmen, bis in den Bauch. Das signalisiert dem Körper, dass Stress-Hormone abgebaut werden können. Und es ist jetzt eine gute Zeit, mit Meditation anzufangen. Studien belegen, welche positiven Auswirken das auf den Menschen hat. Viele Apps wie beispielsweise die 7Mind-App bieten gerade Kurse kostenlos an.

Ihre Follower*innen unterstützt Pauline Füg derzeit mit wertvollen Mental Health-Tipps zur Corona-Krise

ll: Du lebst mit Deinem Mann zusammen. Hier und da liest man nun, dass Beziehungen, die Corona überstehen, alles überstehen können. Welche Ratschläge hast Du für Paare oder Wohngemeinschaften, damit es nicht zum großen Krach kommt?

Pauline Füg: Ich glaube, es ist ganz wichtig, sich Freiraum zu lassen, aber auch, sich gernauer abzusprechen, weil sich viele Routinen ändern. Wir sind beide im Home Office und sprechen morgens immer den Tag durch: Wann machen wir Pause? Machen wir das gemeinsam? Was haben wir heute vor? Und abends sprechen wir auch, wie es uns ergangen ist. Gleichzeitig zieht sich jede/r aber auch mal zurück. Helfen kann zum Beispiel: Wenn die Tür zu ist, will ich nicht gestört werden. Wenn sie angelehnt ist, komm rein. Für Paare mit Kindern ist es noch herausfordernder, Home Office, Home Schooling und Familienleben gut zu gestalten. Wenn irgendwie möglich, empfehle ich, dass die Eltern sich auch da gut absprechen und sich gegenseitig Freiräume ohne Kinder schaffen. Prinzipiell empfehle ich, neue Routinen zu schaffen, die gut in der Krise funktionieren. Das geht auch, wenn man alleine wohnt. Zum Beispiel gemeinsam frühstücken (zum Beispiel über Video-Anruf, Abendessen, oder sich zum Quatschen verabreden. Auch Yoga kann man gut mit Kindern zu machen. Hier gilt wie immer: Gut ist, was gut tut. Wenn man merkt, etwas funktioniert nicht, dann ist es vollkommen okay, stattdessen etwas Neues auszuprobieren.

ll: Einige Menschen wurden nun zwangsweise ins Home Office versetzt. Wie steigerst du Deine Produktivität daheim und wie wichtig ist dabei Routine?

Pauline Füg: Ich mache mir einen klar strukturierten Plan, was ich wann tun will, erlaube mir aber auch, davon abzuweichen, wenn sich was anderes ergibt oder ich merke, dass ich ’ne Pause brauche. Durch Routine kommt man einfach viel besser ins Handeln. Ich hab leider auch ein bisschen das Luxusproblem, dass ich zu viele Ideen und Dinge habe, die ich tun könnte, da muss ich mir dann auch wirklich Spaziergänge und Pausen einplanen. Als Künstler*in hat man einfach entgrenzte Arbeitszeit. Und ich finde auch wichtig, dass man trotz Home Office nicht immer verfügbar sein muss, sondern auch zum Beispiel mal zwei Stunden nicht ans Telefon geht um im Workflow zu bleiben.

ll: Du hast erwähnt, dass Du derzeit auch an einem Roman arbeitest. Und gemeinsam mit Deinem Mann führst Du den Podcast „Abenteuer Wellness – Der Saunapodcast“. Was kannst Du uns darüber erzählen und an was für weiteren Projekten arbeitest Du momentan noch?

Pauline Füg: Genau, ich schreibe gerade am Roman, der meine Masterarbeit für mein berufsbegleitendes Studium „Literarisches Schreiben“ ist. Eines meiner Herzensprojekte ist der Podcast. Mein Mann und ich sind beide große Sauna-Fans und fahren gerne – wenn nicht gerade Lockdown ist – in tolle Thermen und machen Städte-Trips. Davon berichten wir im Podcast oder beantworten Fragen rund ums Thema Saunieren. Wir haben gemerkt, dass viele Leute gar nicht so genau wissen, wie der Verhaltenskodex in der Sauna ist und wie man das angenehm für alle gestaltet. Zum Beispiel reden wir darüber, ob man in der Sauna flirten darf, wie das mit Schmuck ist, was beim Aufguss passiert und so weiter. Außerdem laden wir befreundete Künstler*innen in die Sauna ein und sprechen im Interview über ihre Sauna-Erfahrungen. Weil ja aktuell keine Thermen besucht werden können, nutzen mein Mann und ich den Podcast gerade, um Mental Health-Tipps für die Corona-Zeit zu geben. Ich bin Psychologin, mein Mann ist Lehrer und Glücks-Coach, da schöpfen wir aus den Ressourcen, die wir haben. Wir vermissen das Saunieren allerdings sehr. Außerdem plane ich gerade, wie man online Schreib-Workshops geben kann und wie Literatur digital gelebt werden kann.

ll: Das klingt alles wahnsinnig spannend! Zum Schluss bleibt noch eine Frage. Was wünscht du Dir von Herzen für die Zeit nach Corona?

Pauline Füg: Ich wünsche mir von Herzen, dass sich einige Dinge in unserer Gesellschaft nachhaltig verändern. Dass weniger geflogen wird und geschaut wird, was man auch über Videokonferenz machen kann. Dass regionaler eingekauft wird. Ich wünsche mir, dass die persönlichen, beruflichen und finanziellen Herausforderungen keine allzugroße Kerbe in das Leben der Menschen reißen. Ich wünsche mir, dass Chancen gesehen und ergriffen werden und dass wir als Gesellschaft näher zusammenwachsen. Und dass mal über das Bedingungslose Grundeinkommen nachgedacht wird. Dass Pflege-Berufe besser bezahlt werden. Ich wünsche mir, dass schon in der Schule gelehrt wird, wie man mit großen und kleinen Krisen umgehen kann. Für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss, wie ich mich nach der Krise finanziere und dass ich gesund bin und bleibe.

ll: Liebe Pauline, wir danken Dir für Deine Zeit und wünschen Dir auf alle Fälle alles Gute für die Zukunft. Vor allem Gesundheit!

Pauline Füg im Netz:
Website von Pauline Füg
Patreon-Seite von Pauline Füg
Instagram-Account von Pauline Füg
Facebook-Seite von Pauline Füg
Podcast „Abenteuer Wellness“

(Fotos: Pressefotos/Lockvogel Fotografie)

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Kategorien: Literatur, Menschen, Tagestipps

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