Marc Mrosk
7. Juli 2010

Der Hürdy-Gürdy-Mann und der vermisste Affe

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 1: Verloren in der Altstadt

„Nein, danke. Ich muss sowieso gleich los“, sagte Karl, als man ihn fragte, ob er noch eine Flasche Wein möchte. Als er das zum letzten Mal sagte und sein Versprechen tatsächlich wahr machte, waren in der Zwischenzeit vier Stunden vergangen und fünf Flaschen Wein geleert. Geholfen dabei hatte ihm Uwe, der nach Karls Aufbruch ebenfalls aus dem Pub bei der Marktkirche verschwand und Richtung Glockenturm taumelte. Pünktlich zu Mitternacht lehnte sich Uwe an die Steinmauer des Turms, wartete den ersten Gong ab und kotzte seinen Wein vor die Kirche. Karl schob zu dieser Zeit langsam und ohne großes Aufsehen seine Drehorgel nach Hause und sehnte sich nach seinem Bett, während in seinem Magen die sauren, verflüssigten Trauben eine neue Rebe suchten. „Bald würde es soweit sein“, ging es ihm pochend durch den Kopf.

Turm Marktkirche

Verschwimmt frühmorgens im Nebel der Rest-Wahrnehmung: Die Marktkirche in der Altstadt, 97 Meter hoch

Immer die alte Leier

Nach der dritten Flasche Wein war Karl eigentlich schon klar gewesen, dass der rote Franzose Hin- und Rückfahrt gebucht hatte. Er versuchte an etwas anderes zu denken. An seine bevorstehende Tour zum Beispiel: drei Städte in zwei Wochen. Hameln, Göttingen und Bad Nenndorf – dort machte er sich die größten Hoffnungen, mal so richtig abzusahnen. „Nimm Dir die ganzen ‚Bads‘ in Niedersachsen vor“, hatte er sich gesagt. Bad Zwischenahn, Bad Bevensen, Bad Harzburg, Bad Laer“ und wie sie alle heißen. Dort konnte man selbst in den Fußgängerzonen schön entspannt spielen und die Leute waren meistens recht großzügig. Sich einfach nur mal sehen lassen, bisschen rocken und nebenbei noch Geld mitnehmen. Mal hier, mal da. Das Jetset-Leben der Unterschicht. Immer mit der alten Leier, doch in stolzer Treue zu seinem hölzernen Weggefährten. Da fiel es Karl plötzlich auf: Sein Affe war verschwunden! Er stoppte seinen Leierkasten und schaute sich um, blickte zurück, doch nirgends war das Tier zu sehen. Noch einmal drehte er sich und schaute fragend übers Hohe Ufer. Nichts. Hotte war weg…

Brücke am hohen Ufer

Keine Spur vom Affen: Das Hohe Ufer

Hotte war Schimpanse. Hotte war aus Plüsch und Hotte wurde vermisst. Karls kleiner Plüsch-Kumpan konnte nicht sprechen und war deshalb im Laufe der Zeit zu seinem besten Freund geworden. „Wie konnte ich ihn nur verlieren?“, schoss es Karl heiß durch den Kopf. Er suchte sich einen Platz, wo er seinen Leierkasten verstecken konnte. Größtenteils waren nur noch Autos unterwegs. Einige Jugendliche schlenderten beziehungsweise taumelten betrunken in Richtung Steintor und ein paar Säufer und Junkies lungerten bei den Treppen herum. Aber das war alles sehr überschaubar. Karl überlegte noch einmal, doch dann fasste er den Entschluss, seine Orgel mitzunehmen, auch wenn er dadurch nicht ganz so schnell voranschreiten könnte. „Was ist nur los mit mir? Erst verliere ich meinen Affen und dann denke ich ernsthaft darüber nach, meine Orgel hier mitten in der Nacht irgendwo am Hohen Ufer stehen zu lassen. Was ist nur aus mir geworden?“, fragte er sich selber und stieß seinen Leierkasten vor sich her.

Gullideckel in der Altstadt

Angekommen – auf dem Boden der Tatsachen: Gullideckel in Hannovers Altstadt

Verlorene Tage und ein verlorener Freund

Karl zog durch die Gassen der Altstadt, doch nirgends war Hotte zu sehen. Das Museumsstübchen war noch gut beleuchtet und er ging auf einen Schluck hinein. „Habt ihr meinen Affen gesehen?“, fragte Karl den Typen hinter der Bar mit dem Zopf hinten am Kopf, doch der schüttelte diesen nur. „Aber wenn, dann sag ich ihm Bescheid, dass Du ihn suchst.“ Der Barmann stellte Karl ein kleines Pils auf den Tresen. „Nein, danke. Ich muss sowieso gleich los“, sagte Karl und fing an, an dem Glas herumzufingern. 20 Minuten und vier kleine Pils später torkelte er mit feuchten Augen aus dem Lokal und bog links in die Kramerstraße. Langsam, mit halb geschlossenen Augen, ging er an der Schateke vorbei, blickte durch die großen Fensterscheiben und sah den Leuten drinnen beim Trinken zu. Er schloss noch ein wenig mehr die Augen, um besser die Erinnerungen wachrufen zu können. Erinnerungen an gemeinsame Trinkertage mit einem Freund namens Erwin, der jetzt schon seit zwei Jahren tot war. Dann kam Karl am Entenhaus vorbei und musste an gebackene Enten und fliegende Fäuste denken. Er rieb sich die Augen, quetschte ein, zwei Tränen heraus und atmete tief ein. Wieder musste er an seinen Affen denken, der nun irgendwo in der hannoverschen Nacht verloren und allein auf irgendeinem kalten Stein schlief und vermutlich froh war, dass er nur aus Plüsch ist.

Kneipenschild “Schateke”

Das Tor zu Geselligkeit, Vergessen und Erinnerung: die Schateke in der Kramerstraße

Karl vermisste Hotte. Von ganzem Herzen. Und solltet Ihr einmal einen kleinen, braunen Plüschaffen mit roter Weste in der Altstadt finden, dann wärt Ihr durchaus in der Lage, Karl wieder um einiges glücklicher zu machen, und der Karl, der braucht das. Sein Gang wurde wieder etwas gradliniger und er steuerte die Marktkirche an. Noch einen letzten Gedanken an Tanzabende mit einer schönen brünetten Frau im Flohzirkus, dann war Karl wieder in der Realität angekommen. Die Realität grüßte in diesem Moment in Form des volltrunkenen Uwes, der in vollbekotztem Hemd – mit seiner Jacke in der Hand – vor dem Turm der Marktkirche auf dem Boden saß und schlief. Karl versuchte, Uwe zu wecken, was ihm aber nicht gelang. Minuten später wurden beide Zeuge eines Wunders, dass sich vor der Marktkirche in dieser Nacht zutrug. Aber das ist eine andere Geschichte…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

Ein Kommentar

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