Susanne Viktoria Haupt
6. April 2020

Cause I’m just a Girl

Seitenansicht: „Die Wunder von Little No Horse“ von Louise Erdrich

Ein waschechter Erdrich: „Die Wunder von Little No Horse“

Neulich erst las ich einen Bericht darüber, dass es durchaus einige Mitglieder der katholischen Kirche gibt, die sich aktiv für die Priesterweihe von Frauen einsetzen. Noch bis heute ist dieses Amt ausschließlich Männern vorbehalten. Ein Unding für eigentlich alle, die nicht katholischen Glaubens sind. Agnes DeWitt, die Protagonistin von Louise Erdrichs Roman „Die Wunder von Little No Horse“ hat sich auf ganz eigene Weise ihren Platz in der katholischen Kirche erschlichen. Zunächst war sie eine gottesfürchtige Nonne mit einer großen Leidenschaft für das Klavierspiel. Bis sie aus dem Kloster flieht und eines schönen Morgens bei Berndt, einem alleinstehenden Farmer, auftaucht. Berndt hat keine Ahnung, wo die mysteriöse Frau, die offenbar schwäbische Wurzeln hat, herkommt, aber er verliebt sich umgehend in sie. Auch Agnes spürt, nachdem Berndt sie bei sich aufgenommen hat, nach einiger Zeit eine starke Zuneigung und körperliche Anziehungskraft, doch eine Heirat schließt sie aus. Diese Verbindung ist sie schließlich bereits mit Gott eingegangen. Als Berndt jedoch durch wirklich abenteuerliche Weise ums Leben kommt, ist Agnes auf sich alleine gestellt.

Nach dem Einbruch einer großen Flut kreuzt Agnes‘ irrwitziger Weg den Weg der Leiche von Father Damien, der eigentlich gerade seinen Dienst im Reservat von Little No Horse antreten sollte. Kurzerhand beschließt die ehemalige Nonne, dass sie nun in die Haut eines Priesters schlüpfen sollte. Ein kühner Plan, der nicht nur echte Abenteuer garantiert, sondern auch noch ganz andere Themen aufwirft. Denn Agnes spürt sowohl die weibliche wie auch die männliche Seite in sich, weswegen sie die Rolle des Fathers fast überzeugend ausfüllen kann. Aber nur fast, denn trotz aller Bemühungen fallen den Menschen im Reservat ihre weichen Züge auf. Gleichzeitig wendet sich Agnes zu Beginn des Romans an den Papst, um nicht nur ihr Geheimnis zu lüften, sondern auch mit Blick auf das eigene Lebensende um Vergebung zu bitten. Ein Vorhaben, dass eigentlich schon aus Prinzip zum Scheitern verurteilt ist, oder etwa nicht?

Auf rund 500 Seiten erzählt die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich in nicht-chronologischer Reihenfolge die Ereignisse, die Agnes zu Father Damien machten und auf welch wundersame Weise Agnes respektive Damien Little No Horse bereichert haben. Erdrich führt in „Die Wunder von Little No Horse“ all jene Themen weiter, die sie auch in ihren bisherigen Romanen immer wieder aufgegriffen hat. Zum einen thematisiert sie die Lebensgeschichten und -umstände deutscher Einwanderer im Amerika des 19. Jahrhunderts. Zum anderen setzt sie sich mit den Lebensgeschichten der Native Americans auseinander, denn Erdrichs Großvater war ein Häuptling der Chippewa im US-amerikanischen Staat North Dakota. Sie selbst wuchs im Reservat auf. Die Geschichten, die sie schreibt, sind daher grob angelehnt an ihre eigene Familiengeschichte. Mit ihren Romane konnte sie bisher sowohl das Publikum, wie auch die Kritikerinnen und Kritiker von sich überzeugen – sie erhielt unter anderem den National Book Award. Die „Wunder von Little No Horse“ knüpfen qualitativ allerdings nur mühsam an ihre bisherigen Erfolge an. Während die Geschichte rasant beginnt, und es schwer fällt, auf den ersten 80 Seiten das Buch überhaupt aus der Hand zu legen, verstrickt sie sich anschließend in der Einführung zahlreicher neuer Charaktere und einer deutlich langsameren Storyline. Der lange Atem, den die Leserschaft nun erst einmal aufbringen muss, wird allerdings mit interessanten Gedanken und einer Geschichte, die Stück für Stück ihre Sogwirkung entfaltet, belohnt. Dass Erdrich mit ihrem aktuellen Werk kein zweites „The Round House“ geschrieben hat, ist übrigens auch gar nicht schlimm, denn die Latte bei Erdrich liegt einfach wirklich sehr hoch. Daher trotz zeitweise daher plätschernde Story eine klare Lese-Empfehlung für „Die Wunder von Little No Horse“.

Louise Erdrich: „Die Wunder von Little No Horse“, Übersetzung von Gesine Schröder, 509 Seiten, Aufbau Verlag, ISBN-13: 978-3351037864, 24 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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