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Keine Bewegung!

Irgendwie bewegt sich gerade deswegen sehr viel, weil wir uns selber kaum bewegen können. Gedanken zum Lockdown

Alte Urlaubsfotos können derzeit durchaus ein wenig das Fernweh lindern und Kraft geben, um vor Ort Gutes zu tun. Hier die Costa Smeralda im Oktober 2019

Ich langweile mich eigentlich nicht sonderlich schnell. Mein Kopf ist mein Rückzugsgebiet und dieses Gebiet ist unfassbar lebendig und gelenkig. Martin Heidegger hat seinerzeit drei Arten von Langeweile unterschieden. Die erste Form von Langeweile ist jene, die wir verspüren, wenn wir ungewollt irgendwo feststecken. Zum Beispiel im Stau. Wenn wir also eigentlich weiterkommen wollen, etwas anderes machen wollen, aber einfach nicht können. Das ist die situative Langeweile. Die zweite Form ist jene, in der wir erst im Nachhinein bemerken, dass wir uns eigentlich gelangweilt haben. Die Langeweile in the making, sozusagen. Und die dritte Form, das ist die, die sich ganz tief gräbt. Ich vergleiche sie gerne mir Lars Svendsens Annahme von existenzieller Langeweile. Jenes tiefes Gefühl, dass nicht greifbar ist, aber unser Dasein in seinem ganzen Sinn in Frage stellen kann. Für Heidegger ist die dritte Form der Langeweile eine Grundstimmung, die zu metaphysischen Fragestellungen anregen kann. Da bin ich noch nicht angekommen. Aber Langeweile, ja, so langsam ist sie spürbar.

Sie kommt nicht durch einem Mangel an Tagesaufgaben, denn zu tun gibt es für mich gerade genug. Sie kommt auch nicht durch einen Mangel an sozialen Kontakten, denn auch die habe ich, sowohl unmittelbar wie auch am Telefon genug. Sie kommt durch dieses bohrende Gefühl der Unbeweglichkeit. Seit über zwei Wochen gehe ich immer wieder dieselben Wege. Seit über zwei Wochen betrete ich, wenn überhaupt, ein und dieselben Geschäfte. Aber immer nur schnell, bloß kein Stöbern, kein entspanntes Schlendern. Auf meinem Handy gehe ich die Fotos von meinem letzten Kurztrip durch, der war tatsächlich ganz kurz vor Corona. Einmal Schottland und zurück. Einmal wandern am Loch Lomond und die besten veganen Brownies aller Zeiten. Das war Anfang Februar, aber es erscheint mir nun bereits wie ein paar Lichtjahre entfernt. Da waren wir alle noch beweglich, und ich liebe Bewegung so sehr. Diese Bewegung ist es, die meinen Geist stets füllt und so lebendig gestaltet. In ihm vereinigen sich all die Orte, die ich gesehen habe, all die Gerüche, die ich gerochen habe und all die warmen und kalten Winde, die ich schon auf meiner Haut gespürt habe. Mein Geist ist wie eine Landkarte, die ich stetig weiterschreibe. Eine Landkarte, die darauf angewiesen ist, dass mein Gedanke nicht wie ein gefrorener Finger nur auf einem Punkt verweilt.

Ich verstehe die Reise-Sperre. Ich verstehe, dass wir alle nicht mehr umherschwirren können, wie die kleinen Punkte vor unseren Augen, die auftauchen, wenn wir ganz lange in der Sonne die Augen zu hatten. Ich verstehe es, aber das lindert nicht das Gefühl von ungewollter Starre. Jede unserer Welten hat nun auf einmal neue Mauern bekommen. Neue Grenzen, die es so zuvor noch nicht gegeben hat. Auf einmal gibt es sogar in Niedersachsen ein „zu weit“. Ein Trip über Ostern an die Nordsee ist „zu weit“, zu risikoreich. Man überlegt, ob selbst eine Fahrt in den Deister irgendwie „zu weit“ sein könnte. Ob das denn jetzt gerade geht oder nicht. Also gehen wir in Linden alle am Fluss entlang, Tag ein, Tag aus. Man nickt sich zu, man lächelt hier und da, weil es sonst irgendwie blöd aussieht, wenn man immer Pacman spielt und alle Menschen um einen herum die lustigen Geister sind.

Es ist ein Luxus-Problem, das ist mir klar. In den griechischen Flüchtlingslagern herrscht nun noch mehr ein Ausnahmezustand und das Leid ist kaum vorstellbar. Im südamerikanischen Ecuador liegen Verstorbene in Särgen auf den Straßen, weil die Bestattungsinstitute überfüllt sind. Das sind nur zwei von unzähligen schmerzvollen Tatsachen. Ja, meine Sehnsucht nach Bewegung, nach Ausdehnung meines Radius‘, ist ein echtes Luxus-Problem. Aber auch mich wirft Corona auf mich selbst zurück und macht mir klar, worauf ich mich im Leben stütze, was mein Sein beseelt. Ich habe das Reisen immer genossen und wertgeschätzt, aber ich weiß schon jetzt, dass, wenn ich das nächste Mal wieder am Meer stehe, egal an welchem, mich dies noch mehr ergreifen wird, als je zuvor.

Verzicht lehrt uns mehr, als wir es vielleicht zugeben wollen. Aufgezwungener Verzicht ist wie ein eiskalter Entzug. Uns werden Dinge, Menschen und Situationen entrissen, die wir niemals freiwillig hergegeben hätten. Und egal wie laut unsere Vernunft darüber applaudiert, unser Sinn- und Genuss-Zentrum ist verunsichert, reagiert vielleicht mit Trotz, aber auf jeden Fall mit viel Sehnsucht und eben auch Langeweile. Wir müssen nun nach Supplementen suchen. In meinem Fall ist es ein radikaler Lektüre-Anstieg und der Drang, so gut es geht von zu Hause aus Gutes zu tun. Denn wenn ich mich schon nicht wie gewohnt bewegen kann, so will ich dennoch etwas bewegen. Zum Beispiel Masken für Pflege-Einrichtungen nähen.

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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