Sebastian Albrecht
6. April 2020

Das Theater im Zeitalter des Corona-Virus

Statt des angedachten Stücks „Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?“ bietet das Theater an der Glocksee ein digitales Ersatz-Programm: „Hannah und das Virus“

Theater an der Glocksee

Auch das Theater an der Glocksee ist durch das Corona-Virus dazu gezwungen, in die digitale Welt auszuweichen

Fortschritt geht nicht selten mit Fehlprognosen einher, vor denen selbst Experten nicht gefeit sind, und so wurden in der Menschenheitsgeschichte technischen Neuerungen wie dem Fernsehen, dem Auto oder der Telefonie, die für uns längst Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden sind, in ihrer Anfangszeit häufig Nützlichkeit und Markt-Kompatibilität abgesprochen. Auch Computer und das Internet trafen zu Beginn auf Skepsis. Beiträge, die sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen, zitieren hierbei gerne den ehemaligen Microsoft-Chef Bill Gates, der 1993 oder 1994 das Internet als einen Hype, der sich nicht durchsetzen werde, bezeichnet haben soll. Ob Gates diese Aussage wirklich getätigt hat oder nicht, klar ist: Fast dreißig Jahre später ist auch das Internet alltäglich geworden, vielmehr noch, sein Einfluss ist so elementar, dass analog zur industriellen von der digitalen Revolution gesprochen wird.

Und in der Tat bleiben die wenigsten Bereiche unseres Lebens von der Digitalisierung unberührt. Unsere Kommunikation und soziale Interaktion haben sich zu einem großen Teil ins Digitale verlagert. Wir kaufen Dinge online ein, ebenso beziehen wir online Informationen und Nachrichten. Statt Stadtpläne auseinanderzufalten, geben wir die gewünschte Adresse bei Google Maps oder in einem Navigationsgerät ein. Und in seinem Buch „Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell“ prognostizierte der Philosoph Klaus Theweleit 2004, dass auch der Fußball von der Digitalisierung stark beeinflusst werden würde und sich so beispielsweise die Wahrnehmung des Raums verändern werde. Nicht minder einflussreich ist der digitale Fortschritt auf den Kulturbetrieb: Während besonders in der Musik- und später auch der Filmbranche die erste Dekade des neuen Jahrtausends im Zeichen illegaler Downloads stand, die zu Verkaufseinbrüchen bei der Musik- beziehungsweise der Film-Industrie führten, kann inzwischen vom Zeitalter des Streamings gesprochen werden: Viele Menschen hören und schauen mittlerweile auch oder gar gänzlich Musik und Filme über Anbieter wie Spotify, iTunes, Netflix, Amazon Prime und Co.

Dass Veränderungen auch im kulturellen Bereich nichts Neues sind, zeigt Walter Benjamins 1935 verfasster Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ – vermutlich ist keine Kulturwissenschaftlerin und kein Kulturwissenschaftler in seinem Studium an dem Essay vorbeigekommen. Doch so grundlegend wie in den letzten Jahren waren die Veränderungen selten. Inwieweit nimmt ständige Verfügbarkeit von Kunstwerken, wie sie die digitale Welt möglich macht, ihnen ihre Aura, ihren Wert? Obwohl durch den Corona-Virus momentan viele Bereiche des Lebens eingeschränkt sind, hat sich an der Verfügbarkeit von Kultur theoretisch nichts verändert: Ob Film, Musik, Literatur, Theater, Konzerte, alles kann im oder über das Internet gefunden werden. Und dennoch zeigt sich momentan, dass etwas fehlt, nämlich das Direkte, das Unmittelbare. Denn Spotify mag für viele die CD oder die MP3 ersetzen, aber nicht den Konzert-Besuch. Auch der YouTube-Live-Mitschnitt, so professionell er auch sein mag, tut das nicht. Gleiches gilt für Literatur, Bildende Kunst, Theater, sogar den Film – denn manchen Film schaut man eben doch lieber auf großer Leinwand statt zu Hause auf dem Laptop.

Doch bleibt – solange Veranstaltungen weiterhin nicht stattfinden können – nichts anderes als die digitale Simulation, etwa in Form von Live-Streams. Das ist natürlich einerseits nicht dasselbe und sicherlich werden die meisten froh sein, wenn Clubs, Literaturhäuser und andere Veranstaltungsorte endlich wieder öffnen können, endlich wieder der Schweiß des Nebenmanns gerochen und beim Pogen dessen Ellbogen in der eigenen Nierengegend gespürt werden kann. Gerade gibt es wohl nicht viel Schöneres als eben diese Vorstellung. Auf der anderen Seite zeigt sich aber gerade auch, dass die Kreativen gar nicht so unkreativ sind und es ihnen durchaus gelingt, aus der momentanen Situation das Beste zu machen. Seien es Corona-Songs via Telefonkonferenz oder improvisierte Lesungen zu Hause, die per Live-Stream gesendet werden.

Auch das Theater an der Glocksee muss umdisponieren. Am 21. März sollte eigentlich die Wiederaufnahme-Premiere des Stücks „Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?“, eine Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Essay „Die Freiheit, frei zu sein“, gefeiert werden, doch diese fiel dann der Corona-Pandemie zum Opfer. Stattdessen macht das Theater an der Glocksee nun seit 24 Tagen eine „große Pause“; zumindest vom eigentlichen Spielbetrieb, denn umtriebig bleibt das Team auch weiterhin und hat ein kleines Ersatz-Programm auf die Beine gestellt. Statt „Hannah und der Punk“ auf der Bühne heißt es auf der Homepage des Theaters nun: „Hannah und das Virus“. Hierbei setzen sich die Ensemble-Mitglieder an den jeweiligen Vorstellungsabenden mit dem Begriff Freiheit im Bezug auf die derzeitige Situation auseinander, gefilmt in ihren eigenen vier Wänden. Drei Beiträge der Schauspielerinnen Andrea Casabianchi, Laura Jakschas und Kassandra Speltri, die auch Sängerin der begleitenden Punkband Pisscharge ist, sind bislang zu sehen, weitere folgen am 11., 17. und 25. April. Die ausgefallenen Vorführungen sollen nach Möglichkeit dennoch nachgeholt werden. Wer möchte, kann das Theater an der Glocksee, an dem der Ausfall ebenfalls nicht spurlos vorbeigeht, solang auch unterstützen. Die Unterstützung ist übrigens nicht nur finanziell, sondern auch ideell möglich. Mehr Infos findet ihr auf der Homepage des Theaters an der Glocksee.

Montag, 6. April 2020:
„Hannah und das Virus“, Theater an der Glocksee, digitales Programm auf der Homepage: theater-an-der-glocksee.de

(Foto: Pressefoto/Theater an der Glocksee)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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