Matthias Rohl
30. Juni 2010

Filmgeschichte(n): „Minority Report“

Ist unser Wille frei? Über Science-Fiction, Philosophie und die Mode der Gehirnforschung

In seinem scharfzüngigen Bestseller „Irre. Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ hat der Psychotherapeut Manfred Lütz schwungvoll gegen eine modische Spielart der zeitgenössischen Gehirnforschung polemisiert. Denn im kernspintomografischen Handstreich soll das alteuropäische Subjekt als philosophisches Phantasma entlarvt, ja denunziert werden. Im Ergebnis führt das soweit, individuelle Willensfreiheit oder strafrechtliche Verantwortlichkeit zu bestreiten: „Tolle Idee! Wir sind es nicht, es ist unser Gehirn! Und dafür sind wir nachweislich nicht zuständig. Kann ich was dafür, wenn die Neurotransmitter in meinem Vorderhirn verrücktspielen und meine Moral durcheinanderbringen?“

“Minority Report”, Plakatmotiv

Blockbuster-Kino, das schwergewichtige Kernprobleme der Philosophie behandelt: „Minority Report“, Plakatmotiv

Klarstellend fügt Lütz hinzu: „Natürlich entsprechen allen unseren Gedanken irgendwelche materiellen Veränderungen im Gehirn, und auch bevor Gedanken ausdrücklich und klar werden, gibt es in der Erwartung eines Gedankens messbare Neurotransmitteraktionen. Doch wer das Klavier mit dem Komponisten oder dem Klavierspieler verwechselt, der würde einem ähnlichen Irrtum aufsitzen wie der Gast im Restaurant, der die Speisekarte mit dem wirklichen Essen verwechselt und herzhaft in den Karton beißt. Kategorienfehler nennt das die Philosophie.“ Wo die humanbiologische Wissenschaft solch fahrlässigen Unsinn verzapft, lohnt sich zur Reinigung der Sinne ein Blick auf die Leinwand: Was also sagt uns das moderne Kino über eines der komplexesten Probleme der neuzeitlichen Philosophie – das des freien Willens?

Blockbuster als Zeitgeist-Container

Noch einen Schritt weiter als die Phantasien der Hirnforscher ging zu Beginn der Dekade das cineastische Science-Fiction-Genre. Mit „Minority Report“ (2002) schuf Steven Spielberg, bei dessen Werkschau es nicht übertrieben scheint, ihn als den Erfinder des Blockbuster-Kinos auszuweisen, in gewohnt virtuoser Manier einen unbehaglichen Neo-Noir-Thriller nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick. Im Jahr 2054 macht die Elite-Polizei-Einheit „Pre-Crime“ in Washington Jagd auf künftige Verbrechen: „I arrest you for future murder!“ – so lautet die Verhaftungs-Losung von John Anderton (Tom Cruise), der die Einheit leitet. Möglich wird der Präventiv-Blick in die Zukunft des verbrechens durch die „Pre-Cogs“ – drei Wachkoma-Visionäre, Arthur (Conan Doyle), Dashiell (Hammett) und Agatha (Christie), die in einer Swimming-Pool-Nährlösung unter starke Halluzinogene gesetzt werden und die Fähigkeit besitzen, künftige Morde vorherzusehen. Der jüngste Mord wird in 72 Stunden stattfinden. Als Chief John Anderton realisiert, dass er persönlich der Täter sein wird, nimmt die Geschichte ihren unheilvoll-rasanten Lauf…

“Minority Report”, Szenenfoto

I arrest you for future murder!“ – John Anderton (Tom Cruise) bekommt ein schwerwiegendes Problem mit sich selbst

Neben dem begnadet präzisen Handwerk des Regisseurs liegt der eigentliche Clou des Films darin, ein schwergewichtiges Kernproblem der Philosophie in einem fiktiven Szenario höchst unterhaltsam entfaltet und in quecksilbrig-blaugraue Bilder übersetzt zu haben. „Minority Report“ dringt vor in einen oszillierenden Kosmos faszinierender Fragen: Existiert eine Lücke in der kausalen Ordnung der Dinge, in der John Andertons Tötungsabsicht nicht von vergangenen Willensentscheidungen determiniert wird? Aber dann wäre ja seine Handlung spontan, zufällig – und damit nicht frei. Ist aber sein Willensakt, sein Opfer nicht zu erschießen, nicht determiniert durch vorangegangene Ereignisse, dann wäre sein Handeln wiederum spontan und zufällig. Doch eine freie Handlung kann dies auch nicht sein, weil Anderton sie nicht verursacht hat – und damit auch keine Kontrolle über diese Handlung haben kann. Ist also seine Entscheidung, sein Opfer nicht zu erschießen, letztlich doch Beweis für seine Willensfreiheit? Es sind diese vieldeutig schillernden Fragen, die Mark Rowlands in seiner vergnüglichen Schrift „Der Leinwandphilosoph. Große Theorien von Aristoteles bis Schwarzenegger“ (2009) darbietet. Und Routinier Spielberg liefert uns auf diese Weise Blockbuster-Kino als Zeitgeist-Container auf höchstem Niveau. Das sentimentale Finale sei hier einmal ausgeklammert.

„Frei ist nur der überlegte Wille“

Wie sehr sich „Minority Report“ in seiner Reflexion des freien Willens auf der Höhe der Zeit bewegt, zeigt schon ein kurzer Blick auf eine jüngst aufgeflammte Debatte zwischen Hirnforscher Gerhard Roth und Winfried Hassemer, dem ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Hassemer hat der Behauptung, das Strafrecht müsse geändert werden, weil die humanbiologische Forschung die Möglichkeit von Freiheit, Schuld und Verantwortlichkeit radikal bestreitet, eine klare und plausible Absage erteilt: „Wer – aus welchen Gründen auch immer – bestreitet, dass Menschen verantwortlich sein können für das, was sie tun, entfernt einen Schlussstein nicht nur aus unserer Rechtsordnung, sondern aus unserer Welt. Er tastet die normative Grundlage unseres sozialen Umgangs an, die Anerkennung als Personen.“

“Minority Report”, Szenenfoto

John Underkoffler, der wissenschaftlich-technische Berater des Films, demonstriert eine Real Life-Version des „Minority Report“-Interfaces

Um den freien Willen und die Schuldfähigkeit in Recht, forensischer Psychatrie und Neurowissenschaft ist ein Kampf um akademische Deutungshoheit entbrannt, der noch lange andauern wird. Und es zeigt sich, dass Philosophie und Film unsere Sinne schärfen können für die inneren Paradoxien und Aporien dieser Debatten – was sie nicht weniger faszinierend macht. Und man darf Manfred Lütz Recht geben in seinem Einwurf, dass sich schon ein philosophisch unbestechliches Schwergewicht wie Jürgen Habermas zu Wort melden muss, um die windigen Behauptungen des Neuro-Imperialismus als Schwindel zu entlarven. In seiner vielbeachteten Rede zur Entgegennahme des Kyoto-Preises („Freiheit und Determinismus“) hat Habermas klargestellt, dass Handlungen stets das Ergebnis einer komplexen Verkettung sind – von „Intentionen und Überlegungen, die Ziele und alternative Mittel im Lichte von Gelegenheiten, Ressourcen und Hindernissen abwägen.“ Seine prägnante Formel „Frei ist nur der überlegte Wille“ darf man in dieser Hinsicht der allzu forschen Neuro-Fraktion gern ins Stammbuch schreiben. Und: Sie dürfte ruhig häufiger ins Kino gehen.

nächste Folge:
„Dirty Harry“
Make my day! Ikone der Coolness und Meisterregisseur: Clint Eastwood zum 80. Lebensjahr

(Fotos: Pressefoto, Wikipedia)

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Kategorien: Film

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