Susanne Viktoria Haupt
9. April 2020

Weil Kino mehr bedeutet, als nur einen Film zu schauen

Peng Peng und Postkutschen: Lodderona ruft heute zum kollektiven „The Ballad of Buster Scruggs“-Schauen auf und lädt anschließend mit Filmkritikerin Jennifer Borrman zum BasTalk ein

Unterhaltsamer Episoden-Western mit Stars wie Tom Waits: „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brothers

Ich bin weniger der Mensch, den man auf Konzerten antrifft, sondern eher diejenige, die sich gemütlich in die Kino-Sessel dieser Stadt schmiegt. Ein Kino-Besuch ist auch wirklich viel mehr als der heimische Filmgenuss am Fernseher oder PC. Das beginnt schon damit, dass es meist im Eingang der Kinos verlockend nach Popcorn riecht und sich das Kino-Ticket in der Hand wie ein Schlüssel zu einer anderen Welt anfühlt. Wer im Kino sitzt, hat sich ganz bewusst dafür entschieden, einen Film anzusehen. Während zu Hause nach Belieben auf Pause gedrückt und aufs Handy geguckt werden kann, erntet man für ein Smartphone-Techtelmechtel im roten Sessel mindestens böse Blicke von anderen. Gerade in unserer heutigen Gesellschaft, wo man ganz nach Bedarf verschieben, pausieren, ab- und wieder anstellen kann, ist diese bewusste Genuss-Entscheidung und die Aufbringung notwendiger Aufmerksamkeit ein echtes Highlight. Kino bedeutet Atmosphäre – und auch, wenn es heute in den kleinen Filmkunst-Kinos keinen Eis-Service bis zum Platz mehr gibt, sind diese Rituale vom Abreißen der Kino-Karte bis hin zum Kauf einer raschelnden Popcorn-Tüte sinnstiftend.

Kino ist mehr als Popcorn

Dass Kino aber noch viel mehr sein kann, nämlich auch überraschend und kommunikativ, haben die Filmkunstkinos gerade in Hannover in den letzten Jahren immer wieder bewiesen. So gibt es normalerweise bei den Hochhaus-Lichtspielen die Sneak Peak, bei der man einen vorher nicht bekannten Film vor Veröffentlichung zu sehen bekommt und anschließend bewerten kann. Oder aber man diskutiert nach der Filmvorführung im Kommunalen Kino oder im Kino am Raschplatz mit Expert*innen oder Regisseur*innen über die Inhalte des Films. Je nachdem also, ob man einfach nur den schlichten Kino-Genuss haben möchte, oder aber noch einen Mehrwert in Form einer Diskussion haben möchte: In jedem Fall unterscheidet sich der Kino-Besuch wirklich entscheidend von Netflix’n’Chill. Da die Kinos aber derzeit nicht öffnen dürfen, suchen gerade die kleineren Filmkunst-Kinos nach Möglichkeiten, um weiterhin präsent zu sein. Das Apollo-Kino, das Kino am Raschplatz und die Hochhaus Lichtspiele suchen beispielsweise jeden Tag einen Filmtipp heraus, der sich zumindest auf dem heimischen Sofa genießen lässt.

Gemeinsam loddern

Das Lodderbast, das im vergangenen Jahr zum beliebtesten Kino des Nordens gekürt wurde, kombiniert das Streaming-Zeitalter mit einer kreativen Digital-Lösung und nennt es kurzerhand BasTalk. BasTalk findet bereits täglich statt und läuft folgendermaßen ab: Das Lodderbast gibt an, um welchen Film es sich handeln wird und dieser kann vorab über einen Streaming-Dienst, wie beispielsweise Netflix, angeschaut werden. Nun gut, davon hat das Lodderbast nichts, aber Netflix hat sowieso mittlerweile nahezu jeder. Um 22 Uhr geht dann das Lodderbast über bastalk.de online und hat dazu immer via Video-Chat eine Expertin oder einen Experten geladen. Mit dieser Person wird dann entspannt und clever, aber eben auch echt lustig über den Film des Abends diskutiert. BasTalk soll es übrigens auch nach Corona geben, aber nicht mehr so hochfrequentiert wie derzeit. Wer sich also wie wir von langeleine.de in dieses neue Format verliebt hat, darf sich auf noch viel mehr freuen. Auf bastalk.de sind auch alle bisherigen BasTalks archiviert und können daher auch später oder noch einmal angeschaut werden.

Go West mit den Coen-Brothers

Als Lodderona, dem Filmtipp des Tages vom Lodderbast, und damit der Basis für den BasTalk ist für heute der Episoden-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ angesetzt. „The Ballad of Buster Scruggs“ ist der erste Film der Coen-Brüder, der nur in wenigen ausgewählten Kinos lief. Produziert wurde der Streifen nämlich in Kooperation mit Netflix, er war seit November 2018 auch dort zu sehen. Eigentlich sollte der Episodenfilm sogar eine Mini-Serie werden, aber man entschied sich dann doch anders. Macht nichts, denn die Episoden funktionieren auch in dieser Form hervorragend und liefern gleichzeitig ein klassisches Coen-Werk. Platziert ist die Story kurz nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs und bedient zahlreiche Elemente eines klassischen Westerns. Es wird geschossen und es gibt Salons und Postkutschen, die zum Überfall einladen. Das Besondere ist allerdings, dass mehr als nur ein Funken Satire und ein melancholischer Unterton dabei ist und jede Episode von Legenden des Wilden Westens inspiriert ist.

Gewohnt brillant ist natürlich der Cast. Neben Film-Ikone Tyne Daly sind auch andere Größen wie Liam Neeson, Brendan Gleeson, James Franco, Tim Blake Nelson und Tom Waits zu sehen. Ich persönlich empfehle aber auch die amerikanische Schauspielerin Zoe Kazan im Blick zu haben, die die Rolle der Alice Longabaugh innehat. Kazan überzeugt stets mit einem ausgefeilten Spiel und einer sehr sympathischen und natürlichen Art.

BasTalk begrüßt heute ab 22 Uhr neben Euch auch die Filmkritikerin Jennifer Borrman. Eure Abende auf dem Sofa müssen also nicht im ewigen Umschalten oder unaufmerksamen Serien-Marathon münden. Und mit etwas Phantasie könnt ihr Euch sogar die flauschigen Sessel herbeiträumen. Heute Abend also mal richtig bewusst Netflix einschalten und anschließend zum BasTalk online gehen. Und für die Zeit nach Corona kann man bereits jetzt Gutscheine fürs Lodderbast kaufen.

Donnerstag, 9. April 2020:
Lodderona mit „The Ballade of Buster Scruggs“, Western von Joel und Ethan Coen, USA 2018, 132 min., mit anschließendem BasTalk mit Jennifer Borrman, BasTalk-Beginn: 22 Uhr, Eintritt frei

Website zum BasTalk: bastalk.de

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Lokalitäten, Tagestipps

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