Susanne Viktoria Haupt
20. April 2020

Psychogramm einer Tragödie

Seitenansicht: „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng

Ein starkes Debüt: „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng, Buchcover

Lydia ist tot, und das erfahren wir direkt auf den ersten Seiten von Celeste Ngs Roman „Was ich euch nicht erzählte“. Damit ist sofort klar, dass der Tod der jungen Schülerin der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist und das alles genau auf diesen Moment hinauslaufen wird. Und während der ersten paar Kapitel glauben wir noch, dass wir es hier mit einem gewaltigen Thriller oder einem Krimi zu tun haben könnten, denn alles deutet darauf hin, dass Lydia ein vorbildliches Leben führte, um das viele sie sicherlich beneidet haben. Sie ist das zweitälteste Kind von James und Marilyn Lee und wächst während der 1960er und 1970er-Jahre auf. Ihr älterer Bruder heißt Nath und möchte unbedingt in den Weltraum fliegen. Ihre jüngere Schwester heißt Hannah und folgt ihren beiden älteren Geschwistern wie ein niedlicher Welpe. Lydia ist sehr gut in der Schule. Sie möchte Ärztin werden, belegt bereits während der High School Sommerkurse am College und hat viele Freundinnen, mit denen sie abends auf der Treppe sitzend telefoniert. Auch einen festen Freund hat sie nicht. Lydia macht alles richtig, was ein Mädchen in ihrem Alter nur richtig machen kann. Nichts an ihr stört die familiäre Idylle mit dem Haus am See in der Kleinstadt. Ihre Eltern sind stolz auf sie. Ihre Mutter ist Hausfrau, ihr Vater College-Professor für Geschichte. Aber dennoch ist Lydia plötzlich tot. Ertrunken in genau diesem See, wegen dem sich ihre Eltern damals für das Haus entschieden haben.

Im Sog der Erwartungen

Stück für Stück entfaltet Celeste Ng das Psychogramm dieser Tragödie und gleichzeitig das einer höchst instabilen Familie, die von außen das Ebenbild amerikanischer Kleinstädter zu sein scheint. James ist der Sohn chinesischer Einwanderer. Zwar in Amerika geboren, doch in einem Amerika des frühen 20. Jahrhunderts, als er in jedem Klassenraum noch der einzige Mensch mit asiatischer Herkunft war. James hatte nie Freunde und sein Weg an die akademische Spitze war für ihn und auch für seine hart arbeitenden Eltern nicht einfach. Alles, was er sich für seine Kinder wünscht, ist, dass sie dazugehören. Dass sie sich nicht anders fühlen und einen Platz in der Gesellschaft haben. Dass es aber auch noch in den 1970er-Jahren für seine Kinder schwer ist, nicht aufzufallen, möchte er nicht wahrhaben. Also drängt er Lydia dazu, mehr zu lächeln, denn wer lächelt, wirkt sympathisch. Er schenkt ihr Bücher darüber, wie man Freunde gewinnt. Und erinnert sie stetig daran, dass es wichtig ist, dazuzugehören. Komme, was wolle. Deswegen hat er auch seine Frau Marilyn geheiratet. Marilyn, mit ihren langen blonden Haaren und ihren blauen Augen, die sicherlich nirgendwo auffiel. Die immer und überall dazugehörte und James das Gefühl der Normalität verlieh.

Marilyn hingegen hat James gewählt, weil sie alles, außer gewöhnlich sein wollte. Aufgewachsen bei ihrer alleinerziehenden Mutter, die immer nur die Küche und das Wohl der überschaubaren Familie im Blick hatte, wollte sie immer mehr. Ihre Mutter wünschte sich, dass sie am College einen guten Mann für sich findet, Marilyn hingegen wollte Ärztin werden. Als sie während des Studiums den jungen Dozenten James kennenlernte, befürchtete sie, dass das Wunschdenken ihrer Mutter in Erfüllung geht. Und tatsächlich wurde sie schwanger und musste ihr Studium abbrechen. Denn einer schwangeren Frau war die Teilnahme an Vorlesungen zu dieser Zeit noch verboten. In ihrem Hinterkopf schwirrte aber immer noch der Gedanke an ihre eigene Mutter herum und daran, dass sie genau das geworden ist, was sie selbst niemals sein wollte. Eine gewöhnliche Hausfrau und Mutter. Also wollte sie, dass es Lydia einmal besser hat als sie. Lydia sollte nicht glauben, dass ein Mann und Kinder bekommen alles im Leben einer Frau ist. Lydia sollte Ärztin werden, wie ihre Mutter es wollte. Deswegen schenkte sie Lydia Bücher über Anatomie, lernte abends fleißig mit ihr Physik und meldete sie für College-Sommerkurse an. Freundinnen und Romanzen sind dabei egal. Lydia sollte sich auf das einzig Wichtige konzentrieren.

Alles wird zu nichts

Und so zerreißen Eltern, die es eigentlich einmal gut gemeint haben, ihr eigenes Kind. Ein Kind, dass alles gleichzeitig sein, aber auf jeden Fall die Träume der Eltern leben soll. Was stellt so ein Verhalten mit einer Familienstruktur an, wenn ein einziges Mitglied zur Sonne auserkoren wird, um die es zu kreisen gilt? Lydia wird zum Sog, der die Leben der anderen Familienmitglieder mit ins Dunkel reißt. Irgendwohin an einen Ort, an dem es schon lange nicht mehr um Persönlichkeit und individuelle Wünsche geht. Einen Ort, an dem auch Hannah und Nath ihre Persönlichkeit zunehmend zu verlieren scheinen und in der Ignoranz ihrer Eltern verblassen.

Celeste Ng, die selbst Kind von Einwanderern aus Hongkong ist, hat mit „Was ich euch nicht erzählte“ eine Familientragödie festgehalten, die besonders durch ihre Vielschichtigkeit auffällt. Wir begegnen aktuellen Themen, wie dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Wunsch nach Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber auch der zeitlosen, dennoch nicht ungefährlichen, übersteigerten, nahezu krankhaften Projektion eigener Träume und Wünsche auf das Kind. Langsam, behutsam, aber nie so sacht, dass es langweilig werden könnte, entfaltet Ng nicht nur die Schattenseiten der Familie Lee, sondern auch die Wahrheit über das, was wirklich in der Todesnacht von Lydia geschehen ist. Mit klarer und größtenteils nüchterner Sprache verleiht Ng der Tragik den Charakter eines Berichts, der an die Nieren geht. Genauso wenig, wie sich die Mitglieder der Familie Lee dem Sog von Lydia entziehen konnten, kann sich die Leserschaft dem Sog der Geschichte entziehen. Ein außergewöhnlich gut konstruiertes Debüt.

Celeste Ng: „Was ich euch nicht erzählte“, Übersetzung von Brigitte Jakobeit, 288 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423145992, 10,99 Euro

(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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