Susanne Viktoria Haupt
23. April 2020

Weit, weit weg

Digital ist zwar nicht besser, aber gerade besser als gar nichts. Zumindest, wenn es um das Stillen des Fernwehs durch Reise-Dokumentationen geht

Eine Reise ins verzauberte Schottland ist derzeit möglich. Zumindest mit der zweiteiligen Dokumentationsreihe „Schottlands wilder Norden“ von Joachim Haupt

Ich habe mich unterwegs schon so oft verliebt. Ich habe mich in die Mosel verliebt, in die Provence, in die Schafe in Wales, in die Gassen von Edinburgh, in den Puls von Paris, in die Olivenbäume auf Sardinien und noch in vieles mehr. Ich liebe schon alleine die langen Fahrten, weswegen ich nicht nur aus Klimaschutzgründen auf Flugzeuge verzichte, sondern Slow Travel mit Zug und Auto einfach bevorzuge. Neulich bin ich einfach mal zu einer Tankstelle gegangen und habe mir ein Eis gekauft, um ein Gefühl von „unterwegs sein“ zu bekommen. Und was habe ich mich gefreut, als ich am Wochenende in Linden-Süd tatsächlich noch drei Straßen entdeckt habe, die ich zuvor noch nie begangen hatte! Ich sitze auf dem Trockenen, weiterhin. Selbst unser allerliebster Anbieter von Reiseführern hat derzeit die Produktion eingestellt. Einige träumen von Bali, mir würde ein Wochenende in Cochem reichen.

Unsere Supplemente suchen wir uns derzeit meistens online. Diese Online-Welt ist in all ihrer Zweidimensionalität zu etwas geworden, was uns als Zufluchtsort dient. Online geht noch was. Das liegt nicht nur daran, dass online nun einfach viele Angebote produziert werden, sondern auch daran, dass es speichern kann. Online konserviert. Zum Beispiel schlägt mir mein Smartphone regelmäßig in der Cloud gespeicherte Rückblicke vor. Vor fünf Jahren war ich beispielsweise in Amsterdam und spazierte an den Grachten entlang. Es müssen aber nicht immer die eigenen Erinnerungen für die behelfsmäßige Fernweh-Stimulation herhalten. Es lebe die Reise-Dokumentation. Das ist zwar, ebenso wenig wie eine Online-Lesung oder ein Online-Konzert, der ideale Ersatz für ein Live-Erlebnis, doch „besser als gar nichts“ ist für mich eine geflügelte Phrase geworden.

Schafe, Schlösser und vieles mehr

Beginnen wir die Vorstellung sehenswerter Reise-Dokumentationen mit der zweiteiligen Reihe „Schottlands wilder Norden“ in der Arte Mediathek. Millionen Menschen reisen im Jahr nach Edinburgh und auch der nahe gelegene Loch Lomond steht in diesem Zusammenhang bei zahlreichen Menschen ganz oben auf der Liste. Natürlich sind diese Teile von Schottland wunderschön, ich habe es selbst gesehen. Aber so richtig spannend stelle ich mir den noch nicht selbst besuchten Norden vor. Die Highlands mit all ihrer Rauheit, ihrem satten Grün und den freundlichen Menschen. Denn wenn man etwas über Schottland liest, dann ist eben auch stets von der freundlichen Bevölkerung die Rede. Regisseur Joachim Haupt wirft einen ganz wunderbar innigen Blick auf den schottischen Norden. Er selbst ist vor allem fasziniert von den Mythen, ihren Ursprüngen und dem, was wir heute noch davon spüren können. Schottland bietet diesbezüglich einiges an Stoff, und Haupt schafft den Spagat zwischen anmutigen Landschaftsbildern, dem schottischen Alltag und Verweisen auf die Spuren keltischer Traditionen. Der erste Teil von „Schottlands wilder Norden“ widmet sich dabei vor allem der 500 Kilometer langen Küstenstraße, die auch schon The Proclaimers in „500 Miles“ besungen haben. Schafe und Surfer-Paradies inklusive. Der zweite Teil der Dokumentation widmet sich hingegen vor allem Extremsportlern, wie den Teilnehmer*innen des Celtman, des schottischen Triathlons, aber auch der Schloss-Landschaft der Highlands und der traditionsreichen Landwirtschaft. Beide Teile sind noch bis zum 13. Mai in der Arte Mediathek zu sehen.

Breitengrad Zero

Ebenfalls in der Arte Mediathek gibt es die Möglichkeit, einmal vollständig am Äquator entlang zu reisen. In insgesamt 13 Teilen beleuchtet die Dokumentationsreihe „Äquator – Die Linie des Lebens“ nicht nur die 14 Länder, die vom Äquator durchquert werden, sondern gleichermaßen auch die klimatischen Bedingungen, die Gefahren, unterschiedliche Lebensräume sowie natürlich Flora und Fauna der einzelnen Gebiete. Wenige von uns werden schon diese Gebiete bereist haben, mich eingeschlossen, und von daher bietet diese Dokumantation wirklich ein In-die-Ferne-träumen und gleichzeitig ganz viel an Wissen. Von aktueller Relevanz ist das Gebiet rund um den Äquator durch die bedrohliche Zunahme der Rodung des Amazonas-Regenwalds unter dem brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Die sogenannte „Lunge der Welt“ liegt zu etwa 60 Prozent auf brasilianischem Gebiet und ist ein stark gefährdetes Gebiet. Die Rodung beeinträchtigt dabei nicht nur den Bereich des Regenwalds, sondern hat einen signifikant negativen Einfluss auf den Klimawandel und damit auf das Weltklima. Die Reihe „Äquator – Die Linie des Lebens“ kann daher einen basisinformativen Einblick in den geographischen Bereich gewähren, wenn auch unter Ausschluss des 300 Kilometer entfernten Regenwaldes.

Auf zu den Nordlichtern

Nicht minder interessant ist die „Themenseite Skandinavien“ auf 3Sat. Ich persönlich war bisher lediglich einmal in Dänemark, was gefühlt nicht einmal wirklich zu Skandinavien zählt. langeleine-Mitstreiter Henning Chadde allerdings könnte an dieser Stelle, ganz ohne die Dokumentationen gesehen zu haben, wie ein Reiseführer über Norwegen und Schweden berichten. Skandinavien, das sind per Definition Norwegen, Schweden, Dänemark und Teile von Finnland sowie die einzelnen Inselgruppen. Denken wir an diese Länder, kommen uns Nordlichter in den Sinn und natürlich die unfassbar langen Tage zum Sommer hin, die in Schweden im Midsommer-Fest am 21. Juni ihren Höhepunkt haben. Jene sonnenreichen Nächte werden übrigens auch „weiße Nächte“ genannt. 3Sat bezieht auf seiner Themenreihe sogar Island mit ein, was einst als touristischer Geheimtipp galt, auf Grund der Nordlichter und seiner heißen Quellen in den letzten Jahren aber auch höher frequentiert angesteuert wurde. Die unterschiedlichen Dokumentationen bilden also einen Einblick in eine sehr ausgedehnte Definition von Skandinavien und konzentriert sich nicht nur auf geographisches Wissen, sondern auch auf Kulinarik, Alltag und das Tierreich im hohen Norden.

Also ganz gleich, ob Ihr es warm oder eher kühl mögt, mit diesen derzeit angebotenen Dokumentationsreihen könnt Ihr immerhin digital verreisen. Und wer sich für andere Ecken der Welt interessiert, dem steht es natürlich frei, die Mediatheken und Streaming-Dienste dieser Welt zu befragen. Ihr werdet sicherlich fündig.

Schottlands wilder Norden – Von Schafen und Surfern

Schottlands wilder Norden – Von Pferdeflüsterern und Schlossherren

Dokumentationsreihe „Äquator – Die Linie des Lebens“

Themenreihe Skandinavien

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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