Sebastian Albrecht
26. April 2020

Digital durch die theaterlose Zeit

Solange das Schauspielhaus seine Türen geschlossen halten muss, geht es online. Heute Abend steht „Nackt über Berlin“ auf dem Programm

Zu dem Stück „Nackt über Berlin“ nach dem Roman von Axel Ranisch gibt es heute ein Audio-Feature

„Video Kills The Radio Star“, „Home Taping Is Killing Music“ – neue Innovationen, so scheint es, führen die alten zwangsläufig auf die Schlachtbank des Fortschritts, wo es kurz blutig wird, bis auch schon das Vergessen einsetzt. Und in einigen Fällen trifft das durchaus zu: An Walkmans, Floppy-Discs, Nadel-Drucker oder Video-Recorder (geschweige denn das Format Betamax) erinnern sich wahrscheinlich nur noch die Älteren oder die Technik-Interessierten unter uns. Andere Technologien hingegen, von denen es hieß, sie hätten ausgedient, wie etwa die Schallplatte, halten sich, wenn auch in kleineren Kreisen, hartnäckiger und weigern sich, zugunsten modernerer Erfindungen abzutreten. Auch Schreibmaschinen oder Polaroid-Kameras sind jüngeren Generationen durchaus noch ein Begriff und führen eine friedliche Koexistenz mit ihren weiterentwickelten Artgenossen in deren Windschatten. So ist auch die aktuelle Frage, ob das Internet das Fernsehen zeitnah abgelöst hat, noch nicht abschließend zu beantworten. Selbst wenn das Fernsehgerät ausgedient haben sollte, so findet die Linearität des Fernsehens trotz zahlreicher Streaming-Dienste, die eine riesige Auswahl jederzeit zur Verfügung stellen, auch bei Digital Natives noch Anklang, wie beispielsweise die Zelebration des Tatort-Sonntags zeigt. Ob das Fernsehen auf längere Sicht wirklich zum Aussterben verdammt ist, wie häufig prognostiziert, wird sich erst zeigen müssen.

Das Theater zählt ebenfalls zu den schon häufiger totgesagten Errungenschaften der Menschheit. Einer der zahlreichen vermeintlichen Totengräber ist auch dabei das Fernsehen respektive der Film. Bereits um 1900 herum begann sich der Film langsam zu einem ernsthaften Massenmedium und damit auch zu einem Konkurrenten des Theaters zu entwickeln. Ab den sechziger Jahren des Zwantzigsten Jahrhunderts wurde das Fernsehgerät langsam zum Standard im Haushalt – Filme und andere Unterhaltungsformate konnten nun auch bequem von der heimischen Couch aus geschaut werden. Obwohl das Theater von beidem nicht unbeeinflusst blieb, bedeuteten diese Neuerungen nicht das Ende für das Theater – auch mehr als hundert Jahre nach dem Siegeszug des Films hat Theater seine Berechtigung, wenn auch inzwischen vielleicht eine andere. Doch wie diese momentan erfüllen, sind doch auch Theaterhäuser wegen des Corona-Virus vorerst geschlossen?

Wie viele andere Kultureinrichtungen bieten viele Theater ein alternatives Angebot im Internet an, so auch das Schauspielhaus Hannover. Wie bei einer normalen Spielzeit – oder eben im Fernsehen – kommt dieses beim Schauspielhaus linear daher: Es gibt einen Sendeplan. Jeden Samstag wird um 19:30 Uhr ein Mitschnitt einer der Produktionen gezeigt, die danach dann noch 24 Stunden online bleibt. Gestern wurde „Iphigenie“ von Euripides und Johann Wolfgang von Goethe gezeigt – das Stück ist heute noch bis zum frühen Abend auf der Homepage des Schauspielhauses zu sehen. Doch auch für heute ist Programm angedacht: Pünktlich um 19:30 Uhr gibt es ein Audio-Feature zum Stück „Nackt über Berlin“ mit der Dramaturgin Barbara Kantel, dem Regisseur Matthias Rippert und dem Autor Axel Ranisch. Zusätzlich gibt es noch zahlreiche andere Beiträge, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen, unter anderem Stück-Einführungen, eine Theater-Novela, Vorstellungsvideos der Mitarbeiter*innen oder Videos aus den Wohnzimmern der Schauspieler*innen. Inwieweit das Online-Angebot auch im Mai fortgesetzt wird, liegt wohl auch daran, ob die Theater im nächsten Monat schon wieder öffnen können. Mag es den regulären Theaterbesuch zwar nicht ersetzen, so macht es die theaterlose Zeit aber mehr als erträglich. Stöbern lohnt sich definitiv!

Sonntag, 26. April 2020:
Audio-Feature zum Stück „Nackt über Berlin“ mit Dramaturgin Barbara Kantel, Regisseur Matthias Rippert und Autor Axel Ranisch, online auf der Website des Schauspielhauses, Beginn: 19.30 Uhr. Außerdem: Stöbern im weiteren Online-Angebot des Schauspielhauses

(Foto: Pressefoto/Schauspielhaus Hannover/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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